Wenn man mit dem Auto dran vorbeifährt, muss man schon wirklich ganz genau hinschauen. Nur dann hat man die Chance, die gar nicht mal so kleine Stele direkt neben der Bundesstraße 4 zu entdecken. Aber das Schattendasein des Kunstwerks auf halber Höhe zwischen dem Siemenskreisel und der Abfahrt Haarbrücken dürfte bald zu Ende sein. Martin Stingl (SPD), der für kulturelle Angelegenheiten zuständige dritte Bürgermeister der Stadt Neustadt, versichert auf Tageblatt-Nachfrage jedenfalls: "Wir sind auf der Suche nach einem vernünftigen und adäquaten Platz für die Stele."

Fast zeitgleich aufgefallen ist das Kunstwerk, das eine Puppe auf einer abgebrochenen Brücke zeigt, zwei Urgesteinen der Politik im Coburger Land: Jürgen W. Heike (CSU) und Peter Jacobi (FDP). Beide haben sich binnen weniger Wochen, Heike sogar schriftlich, mit der Bitte an die Stadt gewandt, die Stele aus dem Schmuddeleck neben der Lkw-Haltebucht an der B4 zu holen.

Der ehemalige Staatssekretär Heike gibt offen zu: "Wir wissen, dass wir nichts wissen." Wann und wie das Kunstwerk aufgestellt wurde, kann nicht mal Neustadts Heimatpflegerin Isolde Kalter mit hundertprozentiger Sicherheit eruieren.

Von ihrem Vater, Helmut Scheuerich war ebenfalls Heimatpfleger, gibt es einen Eintrag im 1993 erschienenen Band von "Die Geschichte der Stadt Neustadt bei Coburg im zwanzigsten Jahrhundert" - aber der beschäftigt sich mehr mit der Freigabe der Südumgehung im Dezember 1975 als mit dem Kunstwerk. Was die Skulptur ausdrücken soll, steht für Isolde Kalter außer Frage: "Natürlich steht die Puppe auch symbolisch für die Neustadter Puppen- und Spielwarenherstellung."

Mit Sekt und Bergmann

Bei der Freigabe der Umgehung Mitte der 70er Jahre dürfte die Stele aber noch nicht gestanden haben. Peter Jacobi (er saß von 1978 bis 1982 für die FDP im Landtag) kann sich nämlich noch daran erinnern, gemeinsam mit dem damaligen Neustadter Oberbürgermeister Ernst Bergmann (im Amt von 1958 bis 1984) und "einem Gläschen Sekt in der Hand" bei der Feier zur Errichtung der Stele dabei gewesen zu sein.

Schon damals, erinnert sich Jacobi, sei er "maßlos begeistert" von der künstlerischen Gestaltung der Puppe gewesen. Aber der heute noch als Kreistagsmitglied aktive Jacobi sagt auch: "Danach habe ich die Stele auch völlig aus den Augen verloren.

Im Rathaus geht man davon aus, dass die Figur in Anlehnung an den Begriff der "Bayerischen Puppenstadt" im Jahr 1981 aufgestellt wurde. Dieses Jahr nennt jedenfalls Martin Stingl, dem die Figur von seinem Wanderungen in der Neustadter Flur "durchaus bekannt" ist.

Der Kulturbürgermeister ist sich mit Heike und Jacobi einig: Der jetzige Standort ist nicht geeignet. "Hier hält ja kein Mensch mehr an - und sehen tut die Figur auch niemand", sagt Stingl mit dem Wissen, dass der ehemalige Parkplatz heute nicht einmal mehr als solcher ausgewiesen ist.

Ein bisschen schwieriger gestaltet sich die Suche nach der Antwort auf die Frage, wem die Stele gehört. Ein paar Telefonate - auch zwischen dem Staatlichen Bauamt und der Stadt Neustadt - sind nötig, ehe sich herausstellt, dass das Bauamt Eigentümer des Kunstwerks ist. So ganz überrascht das nicht, schließlich führte nebenan erst die Staatsstraße 2708 und seit einigen Jahren und einer Umwidmung die Bundesstraße 4 daran vorbei.

Der in nicht allzu ferner Zeit anstehende Ausbau der B4 zwischen Haarbrücken und dem Siemenskreisel mit Verlegung der Bahnbrücke wird dazu führen, dass die Figur nicht mehr lange dort bleiben kann, wo sie jetzt steht. Davon ist Martin Stingl nach einem Gespräch mit der städtischen Bauverwaltung überzeugt. Jürgen W. Heike wäre es am liebsten, wenn die Stele als Allsteinstellungsmerkmal für Neustadt schön repräsentativ in der Mitte eines Kreisverkehrs stehen würde. "Wenn das bei einem Mönch geht, dann auch bei einer Puppe" sagt der ehemalige Staatssekretär mit Blick auf die Gestaltung des Kreisverkehrs in Mönchröden.

Doch nicht jeder Kreisverkehr kommt für die Aufstellung der Stele in Frage. Nach Rücksprache mit dem Staatlichen Bauamt überbringt Martin Stingl die Nachricht, dass der Siemenskreisel nicht für das "Puppenstadt-Denkmal" in Frage kommt: Weil dort die Autos zu schnell fahren (dürfen), kann aus Sicherheitsgründen kein festes Hindernis in der Mitte des Bauwerks aufgestellt werden.

Ein paar hundert Meter weiter schaut die Sache vielleicht anders aus. Beim neuen Haarbrücker Kreisel ist einerseits die Geschwindigkeit nicht so hoch und andererseits die Stadt Neustadt verkehrsrechtlich zuständig. Freilich müsse die Verwaltung das Thema erst noch mal mit Spezialisten besprechen, aber Stingl könnte mit dieser Lösung leben: "Wenn es rechtlich zulässig ist - warum nicht?"

Warum nicht auf dem Markt?

Peter Jacobi will sich zwar "als Nicht-Neustadter auf keinen Fall in die Entscheidung der Neustadter einmischen", aber einen ganz persönlichen Vorschlag hat er doch. Warum nicht die Neugestaltung des Neustadter Marktplatzes abwarten und dann dort ein schönes Plätzchen finden? Neustadt und seine Verbindung zur Puppenindustrie ist es nach Jacobis Ansicht auf jeden Fall wert, in Erinnerung zu bleiben.