So recht nach einem Naturidyll schaut es hier ja nicht aus, direkt unterhalb der Brücke an der Straße neben dem Sportplatz. Unten, ein paar Meter flussabwärts, liegt sogar ein Wahlplakat im Wasser. Und dann zieht Sabine Martinez auch noch ein einfaches Küchensieb aus der Tasche, als sie in die Rodach steigt. Und damit will sie jetzt zeigen, dass "in der Rodach was los ist", wie es im Veranstaltungskalender der Stadt heißt? Na, das kann ja was werden... Das wird es! Eine spannende und überraschende Exkursion beginnt.

Kaum hat die 52-Jährige zum ersten Mal ihren Küchensieb-Kescher durch das Wasser gezogen, ruft sie zufrieden: "Ein Taumelkäfer!" Das kleine Insekt, das seinen Namen wahrlich nicht umsonst hat, kommt gleich in eine weiße Plastikschale mit Wasser. Zwei, drei Fangzüge später sind auch noch eine kleine Muschel (drei Millimeter, vier bis fünf Jahre alt), ein ziemlich streitlustiger Wasserskorpion und ein kleiner Fisch dazugekommen.

Für Sabine Martinez ist dieses Ergebnis nicht besonders überraschend: "Die Rodach hat eine recht gute Wasserqualität." Eine 2, vielleicht sogar eine 1,5 würde die studierte Biologin dem Fluss als Note auf einer bis zur schlechtesten Note 4 reichenden Skala der Wasserqualität geben. Die Qualität spiegelt sich auch in dem wider, was sich im Küchensieb findet: Libellenlarven und Eintagsfliegenlarven sind ein gutes Zeichen, findet man mehr Egel und Schlammwürmer wird die Sache bedenklich.

Seit dem vergangenen Jahr bringt Sabine Martinez den Menschen den Lebensraum der Rodach näher. Meist sind es Kurgäste, die mit der Biologin auf Streifzug gehen. Manchmal sind aber auch ein paar Einheimische dabei, die sich von der Vielfalt im Flusslauf gleich neben dem Kurpark überraschen lassen. Eines, das hat Martinez inzwischen gelernt, haben aber alle Teilnehmer gemeinsam: "Die Leute melden sich nicht gerne vorher an." Alle warten lieber auf gutes Wetter. Und ist das Wetter gut, dann kommen auch die Leute zur Naturführung. Zwischen fünf und acht Teilnehmer sind es immer - drei sollten es mindestens sein, Kinder dürfen gerne mit.


Mit Gummistiefeln direkt hinein

Freilich kann Sabine Martinez mit ihrem Küchensieb nicht alles fangen, was in der Rodach lebt. Deshalb hat sie ihre dicke braune Ledertasche dabei, in der jede Menge Bilder und Grafiken stecken, die den Lebensraum "Rodach" erläutern. Aber natürlich ist es viel spannender, mit Gummistiefeln unten im Fluss herum zu stöbern. Wer Glück hat, kann dabei auch seltene Tiere entdecken. Die Grundwanze zum Beispiel. Sie wurde 2001 überraschenderweise bei Ummerstadt wieder entdeckt.

Sie hat gute Chancen, hier zu überleben, weil in der Rodach nur wenige Wehre und Staustufen vorhanden sind. "Je weniger ein Gewässer verbaut ist", weiß Sabine Martinez, "desto besser ist der Lebensraum." Für Martinez, die mit ihrem Mann aus beruflichen Gründen ins Coburger Land gezogen ist, sind die geführten Exkursionen in die Bad Rodacher Wasserwelt immer ein besonderes Erlebnis.

"Vom Studium her bin ich eher die Labor-Frau", sagt die vierfache Mutter, während sie durch das Wasser stapft und unbedingt eine Köcher- oder Steinfliegenlarve präsentieren will. Aber heute wird es nichts. "Kann passieren. So ist die Natur." Und dennoch: Auf jeder Tour entdeckt Sabine Martinez überraschende Dinge. Das kann sie ihren Teilnehmern versprechen.

Die Exkursionen beschränken sich aber nicht nur auf das Wasser als Lebensraum. Die mächtigen Erlen und Weiden am Ufer gehören für die Naturführerin ebenso dazu wie die artenreiche Wiese direkt neben der Straße. Auch dort gibt es jede Menge Tiere und Pflanzen zu sehen. "Und wenn dann wie heuer auch noch ein Storch brütet, ist das natürlich besonders toll", sagt Martinez.


Der Natur eine Chance geben

Ihr ist es wichtig, den Menschen zu zeigen, dass die Natur auch in der Stadt eine Chance haben kann. Wichtig sei, dass die naturnahen Bereiche mit einander vernetzt sind. Dann könne sich überall etwas entwickeln und zum Beispiel seltene Vögel wie das Braun- oder das Blaukehlchen auch mal den Weg auf eine Wiese neben einer vielbefahrenen Straße finden. "Tiere suchen sich schon ihre Nischen", versichert die Naturführerin.

Bei ihren Exkursionen an, in, neben der Rodach muss sich Sabine Martinez nicht nur auf die Sommermonate beschränken. Auch jetzt, im Herbst, findet sich noch jede Menge Getier im Küchensieb. "Selbst im November ist in einem gesunden Bach noch jede Menge los", erklärt die Naturführerin, ehe sie Taumelkäfer, Wasserskorpion & Co. wieder in die Freiheit entlässt. Denn eine Regel, die steht bei den Exkursionen ganz oben: "Alles bleibt dort, wo es gefangen wurde. Mit nach Hause genommen wird nix!"


"In der Rodach ist was los"

Naturführung Die nächste Tour mit Sabine Martinez zu Fischen, Muscheln und Insekten findet am Donnerstag, 26. September, statt. Treffpunkt ist um 14 Uhr am Storchenschlot. Die Führung dauert etwa zwei Stunden und kostet mit Kurkarte zwei Euro, ohne Kurkarte vier Euro. Anmeldungen werden bei der Touristeninformation (Telefonnummer 09564/1550) oder direkt bei Sabine Martinez (Telefonnummer 09564/800278) entgegengenommen.