Nähä, nicht in München, in Coburg steht ein Hofbräuhaus, und selten wurde über einen Skandal im Sperrbezirk so gejubelt, am Samstag im tumultösen Landestheater, bei der Uraufführung von "A Spider Murphy Story". Schauspieldirektor Matthias Straub hat es mit seinem neuen Musical geschafft: Nicht nur dass er die Leute im proppenvollen Theater von den Sitzen riss, da war der Vorhang noch gar nicht ganz geschlossen. Günther Sigl, neben Barny Murphy Gründer der seit 40 Jahren rock'n'rollenden Spider Murphy Gang und zur Coburger Premiere stilecht mit dem Cadillac vorgefahren, verschlug es erst die Sprache ob der Fulminanz dieses Musicals. Dann sang er selbst noch drei seiner Hits mit dem gesamten Ensemble. "Vergesst München, ich bleib in Coburg", lautete sein Schlusswort. - Ist das nicht süß?
Klar, der gute alte Rock'n'Roll reißt nach wie vor von den Socken; und dass die "bayerische Band" Spider Murphy Gang aus der längst verflossenen Neuen Deutschen Welle wieder emporschoss, um jetzt Olympiahallen und Tambacher Schlosshöfe zu füllen, ist ihren witzigen und im Grunde zeitlosen Stimmungsbildern zu danken, die sie in ihren Texten malen. Theaterbühnen-reif aber hat die Spider Murphys jetzt Coburgs Schauspielchef Matthias Straub gemacht. Die sollen ihm gefälligst dankbar sein; die Verlage greifen schon nach den Rechten.
Aus 29 der ob man will oder nicht mitreißenden Spider-Murphy-Songs hat Straub keine ausführliche Geschichte, aber ein treffendes Genrebild der aufbrechenden Jugend geschaffen: Wo, wo bist Du? Ihr könnt nicht immer 17 sein, pubertäre Nöte zum Schreien (komisch), so schöne blaue Augen, sie hat an Stereo-Plattenspieler o und as Wohnzimmerlicht ausgmacht...
Das ist liebevoll satirisch gezeichnet, rückblickend aus dem Geist der 80er Jahre auf die (überstilisierten) 50er Jahre, denn so frech und anzüglich, wie dargestellt, wurden die Menschen erst viel später. Aber es trifft ja, ob die Mädels nun in Pettycoats kokettieren oder sich heutig mit den Jungs vor dem Start ins Wochenende lustvoll fetzen. Ein Spaß sollte es werden, und es ist ein riesiger Theaterspaß geworden. Denn aus dem Witz von Straubs Textkonstrukt lässt das Coburger Schauspielensemble die Bühnenwelt singend und tanzend explodieren.


So tolle Formationen

Wobei spätestens jetzt die Choreografin Julia Grunwald genannt werden muss. Dass drei Tanzpaare vom MTV Bamberg geschickt integriert über die Bühne fliegen und für den entsprechenden Rock'n'Roll-Kick sorgen, ist das eine. Aber dass man aus dem Beinegewabbel des Rock'n'Roll solch tolle Bühnenformationen und Ensemblebilder schaffen kann... Die dann hier auch noch so präzise im Timing auf den musikalischen Punkt der über allem thronenden Band gebracht werden. Whow! Die Band! Ja, die, die im Landestheater schon mehrfach zugeschlagen hat. Unter Leitung von Rüdiger Eisenhauer. Halt Rock'n'Roll for ever.
Und der rollt Robert Schrags eindrucksvolle Treppenkonstruktion hinab in die sehnsuchtsvoll american-gestylte Dorfkneipe des wohlwollenden Onkels Eberhard (Allzwegwaffe Niklaus Scheibli). Dort laufen die jungen Mitglieder des Coburger Schauspielensembles zu Höchstform auf, ob der vielseitig begabte Benjamin Hübner als Schorschi im Zentrum des Geschehens, der sich nicht von dem angeberischen Cowboy Johnny Silver (Nils Liebscher) beeindrucken lässt, ob Ingo Paulick, Eva Marianne Berger, Valentin Kleinschmidt als herrlich herzig verklemmter Klaus Dieter oder all die anderen - man möchte sie allesamt knuddeln vor Begeisterung. Was das vollkommen geflashte Publikum dann ja auch über eine halbe Stunde lang tat. S' Leb'n is wiar a Traum duh-dup-dup-dup-Sch-Bum. Zumindest am Landestheater Coburg. - Könnten das jetzt endlich auch gewisse Coburger Kommunalpolitiker wahrhaben?

Die Produktion "A Spider Murphy Story", Rock-'n'-Roll-Musical mit den Songs der Spider Murphy Gang von Matthias Straub. Musikalische Leitung Rüdiger Eisenhauer, Regie Matthias Straub, Choreografie Julia Grunwald, Bühne Robert Schrag, Kostüme Carola Volles, Dramaturgie Carola von Gradulewski.

Darsteller Benjamin Hübner (Schorschi), Thomas Kaschel (Bohne), Ingo Paulick (Wurschti), Valentin Kleinschmidt, (Klaus Dieter), Nils Liebscher (Johnny Silver), Niklaus Scheibli, Veronika Hörmann/Alexandra Weis (Elisabeth), Eva Marianne Berger, Solvejg Schomers, Marie-Sophie Weidinger, Marina Pechmann. Band und Statisterie des Landestheaters.

Weitere Termine 20., 22., 26., 27, Oktober, 2., 8., 11. November, 19.30 Uhr im Großen Haus.