Man kann sich auch selbst erschlagen. Und dann als eine Art Zombie neben sich herlaufen und Verwüstung anrichten. Zerstörte Menschen, eine verrottete, bösartige Gesellschaft, wie sie Ödon von Horváth beißend klar und in Momenten immer wieder poetisch schmerzhaft analysiert hat. Gastregisseurin Konstanze Lauterbach zeigt diese Gesellschaft in der neuesten Schauspielproduktion des Landestheaters Coburg drastisch bis in die zitternden, zappelnden, sich kratzenden Körper.

Nahegehend schlimm wirkt das aber erst, weil sie die Sehnsucht nach dem Guten, die Erinnerung an die andere Seite des Menschen präsent hält. Es ist Musik, die immer wieder durchdringt, hereinschlägt, Mahler vor allem, oder wenn die zwischen allen Männern und allen Welten verlorene, tyrannische Freifrau von Stetten Bachs "Oh Haupt voll Blut und Wunden" singt - Kerstin Hänel in ihrer tiefgründigen Zeichnung Adas.

Lauterbach lässt im zerfallenen Hotel "Zur schönen Aussicht" die verbliebenen, längst in jeder Beziehung bankrotten, überflüssigen Personen in ihrer Bösartigkeit und Verkommenheit rangeln, hoffnungslos und zynisch. Sadistisch fallen sie über Christine (Philippine Pachl) her, die in aller Not Glauben und Eigen-Sinn bewahrt hat. Die hier allerdings auch ein undurchsichtiges Spiel treibt.

Konstanze Lauterbach lässt Direktor Strasser (Alexander Peiler), den kellnernden Künstlertypen Max (Mathias Renneisen), den gewalttätigen Chauffeur Karl (Thorsten Köhler), den faschistoiden Spießer Müller (Niklaus Scheibli) und den feigen, perfiden Adligen Emanuel (Nils Liebscher) wie jenseits der (Alp-)Traumgrenze agieren, den Zustand der Seelen expressionistisch in die Gesichter und Körper zeichnend. Einige Premierenbesucher hielten am Samstag diese Intensität nicht aus.


Kein Ort, nirgends

Manchmal wäre in der Gestik tatsächlich weniger mehr, vor allem wenn es kapitalismuskritisch plakativ wird. Doch insgesamt erreicht Konstanze Lauterbach mit ihrer Methode, die Seelenbilder leibhaftig in den Raum zu zeichnen, ungemein packen desTheater unter eindringlich-surrealen Bildern. Das um die Menschen trauert. Das den Impuls geben kann, wieder um das Eigentliche zu ringen.

Gabriele Vöhringers in unwegsame Bauklötze zerfallenes, keinen Ruheraum, keine Heimat mehr bietendes Hotel treibt die verlotterte Gesellschaft von Podest zu Podest, lässt sie hüpfen und versinken in Schaumstoffquadern. Die "schöne Aussicht" leuchtet immer bedrängender in Kitsch-Alpenpanorama auf, allerdings hinter einem die ganze Bühnenrückwand einnehmenden Gittergerüst. Die schöne Aussicht bleibt eng verkastelt. Die Menschen sterben in ihrem selbst geschaffenen Gefängnis.

Trauriges Theater also, das nur "Komödie" genannt wird, weil ihm das Hehre und Hohe im Lächerlichen versandet ist. - Aber es führt zurück auf das Wesentliche. Und ist damit heilend.

Das Stück Ödon von Horváths Komödie "Zur schönen Aussicht" ist 1926 als eines der ersten Bühnenstücke des österreichisch-ungarischen Autors (1901 bis 1938) entstanden, wurde aber erst 1969 in Graz uraufgeführt.

Die Produktion Inszenierung Konstanze Lauterbach,Bühnenbild Gabriele Vöhringer, Kostüme Konstanze Lauterbach,Musik Achim Gieseler,Dramaturgie Georg Mellert.

Darsteller Mathias Renneisen, Thorsten Köhler, Niklaus Scheibli, Alexander Peiler, Nils Liebscher, Kerstin Hänel, Philippine Pachl.

Weitere Termine 3., 13., 19., 25. Juni, 19.30 Uhr