Da hatte sich die VR-Bank Coburg aber einen gewitzten Vogel ins Nest geholt, womöglich einen Kuckuck. Ein Dirigent und begnadeter Selbstdarsteller tritt als Unternehmensberater auf und haut der versammelten Banker-Schar Prokofjew, Rachmaninow, Bruckner, Wagner um die Ohren. Laut. Götterdämmerung zum persönlichen Nachfühlen im gut gefüllten Kongresshaus. Der international agierende Dirigent und Musikproduzent Christian Gansch lieferte am Dienstag die große Dirigentenshow, ohne Orchester, aber mit Tonbeispielen selbst eingespielter Produktionen, selbstverständlich mit Taktstock, singend und mit geschrienen Anweisungen an seine imaginäre Musikerschar, was eindrucksvoll, suggestiv und sehr amüsant war.

Dabei galten die Anweisungen den großen und kleinen Managern in Wirtschaftsunternehmen, Verantwortlichen jeder Kategorie, auch dem ganz normalen Mitarbeiter, auf dessen Bogenstrich und Flötenton es sehr wohl auch ankommt. Ein winziges Rädchen funktioniert nicht und die ganze Maschinerie... knirsch, bumm, aus. Wobei der Großteil der durchaus als Mords-Schelln zu interpretierenden Ansagen von Gansch dem heutigen Managertum galt.

Wieso bietschöön, fragt der Österreicher süffisant, kommt in einem Spitzenorchester - von denen er persönlich weltweit diverse dirigiert und deren Einspielungen er unter berühmten Dirigenten wie Abbado oder Boulez grammy-ausgezeichnet produziert hat - wieso sitzt da eine geballte Konzentration von künstlerischen Diven zusammen, Individualisten, Egozentrikern, um innerhalb kürzester Zeit gemeinsam in berauschendem Wohlklang aufzugehen?

Und wieso funktioniert das in der Wirtschaft trotz aller Supermanager, Controller, gruppendynamischer Anstrengungen, verordneter Töpferkurse und Wildwasserfahrten, auch trotz geballtem Effektivitätswahn oftmals so schlecht?

Indem Gansch erklärt, was im Probenprozess und im Auftritt eines Orchesters geschieht, verweist er auf diffizile, aber durchaus allgemeinmenschliche Prinzipien des Zusammenwirkens, auf die lapidare Formel gebracht: Aufeinander hören, Miteinander handeln. - Als ob's nicht selbstverständlich wäre.

Doch stattdessen wird Mitarbeitern im herrschenden "Vertriebs-Tschacka-Tschacka" jede Eigenmotivation ausgetrieben. "Wir sprechen viel von Individualität und Kreativität und unterbinden sie, so schnell es geht. Sie stören die Abläufe", blickt der vierfache Vater schnell auch mal in die moderne Erziehung. Wobei er weder Selbstverwirklichungsallüren noch vordergründiges Harmoniegesülze durchgehen lässt. "Im Selbstverwirk lichungsmodus dürfte die Harfe meistens zu spät kommen."

Auf das Bewusstsein des Gemeinsamen komme es an, um aber zuzugeben, dass dies der schwierigste Punkt ist. Werte-Workshops per Powerpoint-Präsentation nennt er die Perversion unserer Zeit. "Wir brauchen so viele Leitbilder, weil wir keine Vorbilder mehr haben. Man verordnet abartige Spielchen, weil der Mensch fehlt."
Die Führungspersönlichkeit von natürlicher Autorität und souveräner Geistesstruktur also? - Na klar. Bloß, woher nehmen und nicht stehlen? Dem Dirigenten, sagt der Dirigent da, ist viel abzugucken: Dirigieren heißt zuerst zuhören können. Führungskräfte dirigieren vorneweg, sind also immer einen Tick früher dran.

Der Dirigent gibt den führenden Musikern jeder Instrumentengruppe Freiraum zur eigenen Gestaltung und zur Abstimmung mit den anderen Instrumentengruppen. Der Dirigent vermittelt die Vorstellung vom Ganzen und gibt die Impulse, muss dann aber auf Selbstverantwortung setzen. Karajan habe gesagt: Ein Topdirigent muss immer wissen, wann er sein Orchester nicht stören darf. Gerade in diesem Punkt sieht Gansch in vielen mittelständischen Unternehmen und in den Familien viel Fehlverhalten. Alles in allem: Kundenrecht bedeute, dass es dem Kunden egal sein darf, wie etwas zustande kam. "Schließlich geht der Konzertbesucher ja nicht ins Theater, um herauszufinden, wer an diesem Abend was verbockt hat."

Am Ende bleibt Gansch nichts anderes, als auf die uralte, nicht technokratisch und planerisch dingfest zu machende Methode zu verweisen: Der menschliche Funke ist das Entscheidende, nicht Dominanzverhalten. Visionen zu vermitteln, ist harte Arbeit auf Basis sozialer Kompetenz und gelingt nur, wenn der Einzelne in seiner Eigenart geachtet wird. Rationale Strukturen, beruhend ganz nüchtern auf Handwerk, Präzision und Disziplin, bilden die Grundlage.

Wenn das alles so einfach wäre. Vielleicht helfen ja die beiden Bücher, die Gansch geschrieben und vor Ort fleißig signiert hat, keine Ratgeber, Goootswilln, sondern mit inspirierenden G'schichtn. Und bei all dem hat der Dirigentenkuckuck der werktätigen Bevölkerung auch noch etwas von der Faszina tion der Musik an sich vermittelt.