Nie war die Welt der Glaskunst bunter, spannender, kontrastreicher. Das jedenfalls ist der erste Eindruck beim Rundgang durch die Präsentation des 4. Coburger Glaspreises, die ab Sonntag zu sehen ist. Auf der Veste und im Glasmuseum in der Rosenau entfalten 150 Künstler aus 26 Nationen mit insgesamt 170 Arbeiten eine kaum überschaubare Fülle an gestalterischen Möglichkeiten und kreativen Erkundungen.

Grenzenlose Vielfalt

Schnell ist klar: Diese Vielfalt ist nicht zu verwechseln mit Beliebigkeit oder gar Orientierungslosigkeit. Denn hinter dieser Vielfalt steckt ein kreatives Potenzial, das einfach in keine Schublade passen will. Alles ist denkbar, alles ist möglich im Medium Glas - auch deshalb, weil Konzeptkunst, Installationen und munterer, unerschrocken experimentierfreudiger Materialmix die traditionellen Grenzen des Glases längst überwunden haben.

Große Experimentierfreude

Faszinierend, welche Entwicklung die internationale Glasszene in den knapp vier Jahrzehnten seit der ersten Auflage des Coburger Glaspreises 1977 genommen hat. "Wir sind mit dieser Ausstellung am Puls der aktuellen Kunst, nicht nur des Glases", sagt Kurator Sven Hauschke mit hörbarem Stolz.


Kraft der Tradition

Bei aller Experimentier- und Entdeckerfreude bleibt freilich die Kraft der Tradition durchaus spürbar. Denn noch immer zählen beispielsweise Künstler aus Tschechien zu den wichtigen Figuren der Szene. Mit Altmeister René Roubicek (Jahr 1922), der einen Sonderpreis der Jury erhält, findet sich einer der klangvollen etablierten Namen in der Liste der Ausgezeichneten. Auch Großbritannien behauptet nach wie vor seinen Rang unter den führenden Nationen der Glaskunstszene.

Coburgs Rang in der Glaswelt


Mit klar artikuliertem Stolz reklamieren die Kunstsammlungen ihren Anteil an der wachsenden internationalen Wertschätzung der gesamten Glaskunstszene. "Der Coburger Glaspreis hat zur Entwicklung dieser Kunstform einen maßgeblichen Beitrag geleistet", schreibt Klaus Weschenfelder als Direktor der Kunstsammlungen in seinem Katalog-Vorwort.

Sonderpreis an Anna Mlasowsky

Der Blick auf die Liste der teilnehmenden Künstler wie auch der Preisträger bestätigt diese Einschätzung. Denn viele Namen, die in dieser Ausstellung vertreten sind, finden sich bereits in den Beständen des Glasmuseums. Spannend, die sehr unterschiedliche Entwicklung der einzelnen Künstler im Laufe der Jahre zu verfolgen.
Anna Mlasowsky, die in diesem Jahr den Otto-Waldrich-Preis für junge Künstler erringt, beeindruckt durch die ausgeprägte Experimentierfreude, mit der sie immer wieder neue Ausdrucksformen erkundet. In der Ausstellung ist sie gleich mit zwei Arbeiten vertreten, in denen sie jeweils unterschiedliche Bereiche kombiniert.


1. Preis an Karen Lise Krabbe



Materialerkundungen ganz eigener, unverwechselbarer Art betreibt die dänische Künstlerin Karen Lise Krabbe, die den 1. Preis erhält. Im Sandgussverfahren und Pate de verre-Technik gestaltet sie Schicht für Schicht Objekte, die sich erst im geöffneten Zustand als Dosen zu erkennen geben. "Blind Boxes for NoThing" nennt sie ihre Arbeiten, die auf den flüchtigen ersten Blick beinahe an Fundstücke erinnern, die scheinbar auch durch die Kraft des Wassers im Wechsel von Ebbe und Flut entstanden sein könnten.

Sylvie Vandenhoucke dagegen, die den dritten Preis erhält, wählt einen gänzlich anderen Weg. In ihren quadratischen Wandarbeiten erinnert sie fast ein wenig an Josepha Gasch-Muche, die Gewinnerin des Glaspreises 2006. Während Gasch-Muche ihre Objekte aus Tausenden von durchsichtigen Display-Glasplättchen aufbaut, schichtet Vandenhoucke ihre Werke aus zahllosen Plättchen aus Pate de Verre, denen sie mit dünnen Holzleisten einen äußeren Rahmen verleiht.

Zwei Drohnen im Anflug

Jeff Zimmer wiederum, der Gewinner des 2. Preises, demonstriert, wie sich im Medium Glasmalerei verblüffend neue Ausdrucksbereiche erschließen lassen. Zimmer, der seine künstlerische Entwicklung am Theater begann, entwirft mit seinen Glasbildern aus sich überlagernden Schichten regelrechte Szenen. Sein zweiteiliges Objekt "The Disconnect between Action and Consequence" zeigt zwei Drohnen in unbekannter, auf diffuse Weise bedrohlich anmutender Mission.
Auf insgesamt rund 1000 Quadratmetern entfaltet diese Schau zum Coburger Glaspreis eine faszinierende Fülle an Ausdrucksmöglichkeiten. Geschickt gelingt es Kurator Sven Hauschke, Objekte und Ausstellungsräume immer wieder in spannende Korrespondenz zu bringen. Auch inhaltlich überzeugt die Gliederung der Objekte.
"Der Coburger Glaspreis wird international sehr intensiv wahrgenommen", betont Sven Hauschke schon vor der offiziellen Preisverleihung heute im Landestheater, zu der sich rund 100 der 170 teilnehmenden Künstler angekündigt haben.
Die Ausstellung auf der Veste wie im Glasmuseum wird diesem Anspruch in jedem Fall gerecht.


Geschichte und Künstler des Coburger Glaspreises


Preisträger
- 1. Preis (15 000 Euro, gestiftet von Michael Stoschek): Karen Lise Krabbe, Dänemark
- 2. Preis (10 000 Euro): Jeff Zimmer, USA, lebt in Edinburgh
_ 3. Preis (5000 Euro): Sylvie Vandenhoucke, Belgien
- Alexander Tutsek-Preis für Senior Artists (ab 45 Jahre, 4000 Euro): Colin Reid, Großbritannien
- Preis der Alexander Tutsek-Stiftung (2000 Euro): Shige Fujishiro, Japan, lebt in Deutschland
- Otto Waldrich-Preis für junge Künstler (bis 35 Jahre, 2000 Euro): Anna Mlasowsky, Deutschland, lebt in den USA
- Dan Klein Memorial Award (2000 Euro): Jeehae Kim, Südkorea, lebt in Frankreich
- Sonderpreis der Jury (jeweils 500 Euro): Maria Bang Espersen (Dänemark), László Lukácsi (Ungarn), Alena Matejka (Tschechische Republik), René Roubícek (Tschechische Republik)

Publikumspreis der Kunstsammlungen der Veste Coburg (2000 Euro) wird zum Abschluss der Ausstellung am 14. September verliehen.

Ausstellung In den Kunstsammlungen der Veste Coburg und im Europäischen Museum für Modernes Glas Park Schloss Rosenau werden ab Sonntag 170 Arbeiten von 150 Künstlern aus 26 Nationen gezeigt.

Öffnungszeiten 13. April bis 14. September, täglich von 9.30 - 17 Uhr (Glasmuseum: täglich von 9.30 bis 13 Uhr und 13.30 bis 17 Uhr)
Katalog 280 Seiten, zahlreiche Abbildungen, zweisprachig, gebunden, 29.90 Euro in der Ausstellung.

Etat insgesamt 370 000 Euro, finanziert mit Hilfe zahlreicher Sponsoren und Stiftungen. Für Ankäufe stehen davon 70 000 Euro zur Verfügung.

Entwicklung Beim ersten "Coburger Glaspreis" 1977 bewarben sich 260 Künstler aus 19 Ländern mit mehr als 1200 Werken. Beim zweiten Glaspreis 1985 bewarben sich 636 Künstler. Der dritte Glaspreis bot 236 Werke von 173 Künstlern aus 24 Ländern, die aus einem Kreis von 485 Bewerbern ausgesucht worden waren. Bei der vierten Auflage reichten 540 Bewerber Arbeiten ein. Gezeigt werden 170 Werke von 150 Künstlern aus 26 Ländern.