Die Verhältnisse nach dem Großen Krieg sind nicht schön, dabei können sich die Menschen noch nicht vorstellen, dass es schon bald sogar zu einem zweiten großen Krieg kommen wird. "Alle schienen etwas oder jemanden zu suchen, alle waren verkrüppelt, auch die, die nicht auf dem Schlachtfeld gewesen waren, auch die Kinder, auch die Frauen." Unter der "ganzen Wucht der Sinnlosigkeit", die sich nach dem Zerbröseln von Kaisern, Ordnungs- und Glaubenssystemen in Europa auftat, neigen die Menschen zu absonderlichen Entscheidungen. Kein Wunder, dass sich der Horror des Nationalsozialismus abzuzeichnen beginnt.
In solch extreme Zwischenzeit schaut eine junge österreichische Autorin, die wir beim Roman-Marathon zum Auftakt der 15. Coburger Literaturtage entdecken dürfen, Irene Diwiak. - Aber nein doch, die junge Grazerin ist witzig, hat Sinn fürs Skurrile und will uns nicht eintunken in naheliegenden Trübsinn. Im Gegenteil, ihr Debütroman "Liebwies" hat es humoresk in sich, kommt der Wirklichkeit vielleicht eben deshalb verteufelt nah.
Irene Diwiak hat auch Judaistik studiert; und stimmt, etwas von diesem lakonischen Witz der Hoffnungslosigkeit, der einem zum Glucksen bringt, scheint eingeflossen in ihre irre Geschichte und in die sarkastische Art ihres Erzählens.
Ein verbitterter alter Musiklehrer, Walter Köck, mit halber Nase verspätet aus dem Krieg zurückgekehrt, kauft eine Fahrkarte ins alpine Irgendwo, zumal seine Frau schon für Ersatz gesorgt hat. "Er hatte die ganze Sentimentalität des Staates in sich aufgesaugt, um auch einmal etwas zu empfinden."
Völlig unerwartet findet er in dem so völlig vergessenen Bergdorf namens Liebwies, wo ihn die Leute halt Schreiben und Rechnen unterrichten lassen, wenn sie nichts Besseres zu tun haben, was in ihrer Not eher selten der Fall ist, eine engelsgleich singende junge Frau. Er unterrichtet sie und zerrt einen alten Bekannten her, Wagenrad, der als einflussreicher Musikexperte gilt, um ihm die Begabung bei einem Dorfkonzert vorzuführen.


Sie singt schön, ist aber hässlich

Doch die junge Frau ist hässlich, und Wagenrad sieht nur ihre schöne Schwester Gisela. Obwohl die ausgesprochen mäßig singt, nimmt er sie gleich mit, um sie zum Star aufzubauen.
In einer weiteren Geschichte verbietet ein eitler Schriftsteller, der jetzt die ultimative Oper schreiben will, seiner begabten jungen Frau Ida das Klavierspielen und das Komponieren.
Wie es kommt, dass Idas heimlich geschriebene Musik, gestohlen von ihrem Mann, zu Gisela Liebwies kommt, die darin als "Gräfin der Stille" ein einziges Liedchen singt, ob ihrer atemberaubenden Erscheinung aber zur großen Diva stilisiert wird, und welch großes Gelächter entsteht, als sich die beiden klar denkenden und trotz aller Missachtung klar fühlenden Frauen begegnen, wird zu einer höchst vergnüglichen Reise durch ein Panoptikum.


Die Missachtung der Seelen

Aus vielen skurrilen Seitengeschichten, literarisch leichtfüßig daher springend, treten trotz aller Süffisanz einfühlsam gezeichnete Figuren hervor. Alles verwebt sich zu einem Klang- und Bilderteppich des Lebens, voller Sehnsüchte, alltäglicher Verachtung der in den Seelen angelegten Schönheit, voller dem Individuum willfahrender Ungerechtigkeit und Aberwitz. Dass einiges davon durchaus ein bisschen bösartig ist - ha, bei der Autorin handelt es sich schließlich um eine Österreicherin.
Einmal mehr fragt man sich bei Irene Diwiak, wie solch altersklare Einsicht in einen solch jungen Menschen kommt. Und dabei auch noch auf erfrischendes erzählerisches Talent trifft.


Irene Diwiak: Liebwies. Roman. Deuticke im Paul Zsolnay Verlag Wien, 335 Seiten, 22 Euro.

Irene Diwiak wurde 1991 in Graz geboren. Sie wuchs im steirischen Deutschlandsberg auf. Nach der Reifeprüfung zog sie nach Wien, wo sie zunächst Slawistik und Judaistik und anschließend Komparatistik studierte. Sie schrieb Kurzhörspiele, Theaterstücke und Erzählungen. Mit ihrem Debütroman "Liebwies" kam sie sofort auf die Shortlist für den Debütpreis des Österreichischen Buchpreises kam. Er führt ins Wien der 1920er- und "30er-Jahre und erzählt von einer völlig unbegabten Sängerin, die zum Star aufgebaut wird.

Roman-Marathon am Samstag, 21. April, um 19 Uhr in der Reithalle mit Ingrid Kaltenegger, Simon Strauß und Irene Diwiak.
Lyrik Am Montag, 23. April, um 19.30 Uhr liest der junge Lyriker Jan Wagner bei Leise am Markt.
Für die musikalische Umrahmung sorgen Kyoko Frank, Klavier, und Philipp Grzondziel, Klarinette, vom Landestheater Coburg.

Kunst und Literatur Am Dienstag, 24. April, 19.30 Uhr stellt Florian Illies im Kunstverein sein neues Buch "Gerade war der Himmel noch blau - Texte zur Kunst" vor.

In den Häusern der Stadt heißt es am Mittwoch, 25. April. mit Lesungen von Ensemblemitgliedern des Landestheaters. Gemeinsamer Ausklang ab 20.30 Uhr im Münchner Hofbräu. Informationen gibt das Landestheater.
Autoren-Gala Am Freitag, 27. April, um 19.30 Uhr stellt der österreichische Schriftsteller Franzobel seinen Roman "Das Floß der Medusa" im Foyer der Wohnbau Stadt Coburg, Mauer 12, vor.

Karten zu "Coburg liest" gibt es in der Buchhandlung Riemann. Sie kosten für den Roman-Marathon 18 Euro und für die anderen Veranstaltungen jeweils 12 Euro, Abendkasse: 25 und 15 Euro. Schüler- und Studentenkarten kosten 10 und 5 Euro. Der Vorverkauf für "Literatur in den Häusern unserer Stadt" findet nur an der Kasse des Landestheaters statt, die Karten kosten 7 Euro, für Schüler und Studenten 5 Euro. Weitere Informationen im Internet unter www.coburgliest.de.