Als sie ein Kind war, hat ihr Vater Sabine Hausser regelmäßig in seine Firma mitgenommen. "Ich bin quasi in die Blütezeit der Elastolin-Figuren hineingewachsen", erzählt sie. Die Firma ihres Vaters Rolf Hausser und ihres Onkels Kurt Hausser sei für sie wie ein Spielplatz gewesen.

"Ich war deutlich mehr an der Technik interessiert als meine Schwester", erinnert sich Sabine Hausser. Sie habe alle Abteilungen der Firma besucht und könne erklären, wie die Figuren in der Spritzgussabteilung hergestellt wurden. Ihr Vater Rolf war vor allem für die Technik in der Firma zuständig, während sich sein älterer Bruder Kurt um das Kaufmännische kümmerte.

Am liebsten hat Sabine Hausser mit den Cowboy- und Indianerfiguren gespielt. Sie erinnert sich noch gut an kleine Steinschleudern, mit denen die zugehörigen Burgen beschossen werden konnten. "Die Sachen standen nicht nur herum, auch die Jungs fanden das klasse", sagt Sabine Hausser, die selbst nie ein "Puppenkind" war, sondern lieber im Freien gespielt hat. Wie wertvoll die Figuren sind, war ihr damals nicht bewusst: "Wenn ich die Figuren draußen vergessen habe und es geregnet hat, war nur noch ein Drahtgestell übrig". Erst als das Elastolin durch Kunststoff ersetzt wurde, waren die Figuren wasserfest.

Niedergang nicht miterlebt

Den Niedergang der Firma hat Sabine Hausser kaum miterlebt. Ende der 70er-Jahre zog sie nach München, um Tiermedizin zu studieren. Deshalb war sie nur an den Wochenenden zu Hause. Darüber, wie es um die Firma steht, wurde während ihrer Besuche nicht gesprochen. "Mein Vater hat nicht viel erzählt, man konnte nicht in ihn hineinschauen", sie.

Für den Niedergang der Firma gab es mehrere mögliche Ursachen. Der Konkurrenzdruck sei gewachsen. "Qualitätsspielzeug war schwer zu verkaufen", erinnert sich Sabine Hausser. Vielleicht wäre es eine Möglichkeit gewesen, das Sortiment zu verkleinern - neben den Figuren stellte die Firma Hausser auch Holzspielzeug und Spiele, wie beispielsweise "Elfer raus!" her.

Umbruch nicht geschafft

"Mein Vater und sein Bruder haben den Umbruch nicht geschafft. Sie konnten die Zeichen nicht rechtzeitig deuten", sagt Sabine Hausser rückblickend. Immerhin sei ihr Vater, als die Firma Konkurs anmeldete, bereits über 70 Jahre alt gewesen.

Die Villa der beiden Brüder in der Eisfelder Straße ist, nachdem die Firma pleite war, in den Besitz der Bank übergegangen. Zu diesem Zeitpunkt lebte Sabine Hausser nicht mehr in der Villa: " Meine Mutter hatte bereits ein anderes Haus in Neustadt gebaut, in das wir 1976 umgezogen sind."

Knapp 30 Jahre nach dem Konkurs der Firma wurde eines der Werke abgerissen. Auf dem Gelände steht jetzt ein Supermarkt. Der Sprengung des Turms hätten viele Neustädter mit Tränen in den Augen zugesehen. Sabine Hausser konnte die Sprengung nicht mit ansehen. "In manchen Städten werden solche Backsteingebäude zu Industriedenkmälern. Solche Gebäude hat nicht jede Stadt, Supermärkte schon."

Zwei der drei Hausser-Werke in Neustadt stehen noch

Zwei der drei Hausser-Werke in der Bahnhofstraße in Neustadt stehen noch. Dort, wo sich früher Werk III befand, hat mittlerweile ein Supermarkt eröffnet. In den Gebäuden hatte nicht nur die Firma Hausser ihren Sitz.

Als Max Oscar Arnold 1928 pleite ging, übernahm Philipp Rosenthal zunächst die Werke I und II. Weil er Jude war, musste er die Gebäude im Zuge der Arisierung räumen. "Dass die Brüder Karl und Rolf Hausser ihren Firmensitz nach Neustadt verlagerten, hatte zwei Gründe", berichtet Isolde Kalter, Heimatpflegerin. Zum einen wurden ihre Räumlichkeiten in Ludwigsburg für Militärzwecke benötigt. Zum anderen bemühte sich der damalige Bürgermeister, die Firma nach Neustadt zu holen.

Der Aufstieg der Firma Hausser

Wegen des reduzierten Spielzeugexports galt Neustadt zu diesem Zeitpunkt als Notstandsgebiet. Trotzdem sind Kurt und Rolf Hausser 1935 mit 300 Eisenbahnwagonladungen in die Puppenstadt gezogen, wo schon vorher Spielzeug produziert wurde. "Die Brüder hofften, dort qualifizierte Arbeiter zu finden", sagt Kalter. Das Konzept ging auf.

Anfangs wurde vor allem Spielzeug aus Elastolin hergestellt. "Wie heute von Playmobil gab es unter anderem Ritterburgen, Bauernhöfe und Cowboys", berichtet Kalter. Was genau in Elastolin enthalten ist, sei ein Betriebsgeheimnis gewesen.

1955 wurde dann mit der Bild-Lilli-Puppe der Vorgänger der Barbie in Neustadt entwickelt. "Der Modelleur Max Weißbrodt gestaltete den Entwurf einer Puppe nach Beuthniens Zeichnungen für die Bild-Zeitung", erklärt Kalter. Als Spielzeug für Kinder sei die Puppe jedoch zu sexy gewesen, so wurde sie eher als Mitbringsel verkauft. Der Erfolg hielt sich in Grenzen.

Drei Jahre später kaufte Ruth Handler, Mitbegründerin des US-amerikanischen Spielzeug-Konzerns Mattel bei ihrer Europareise mehrere Exemplare der Bild-Lilli in der Schweiz. "Zurück in Amerika wurde die Bild-Lilli als Vorlage für die Barbie verwendet", berichtet Kalter. Mattel hat Hausser die Rechte an der Puppe schließlich abgekauft.

Schließung

In den darauffolgenden Jahren wurde die Konkurrenz aus dem Ausland zunehmend größer. Nach dem Verkauf der Rechte an der Bild-Lilli-Puppe musste die Firma einen weiteren Rückschlag einstecken: "Playmobil und Lego verwendeten ein weitaus weniger empfindliches Material als Elastolin und konnten das Marktsegment übernehmen", schildert Kalter. 1983 mussten die Brüder Hausser Konkurs anmelden. Die drei Werke wurden danach für verschiedene Zwecke verwendet.