Vollhorst: Der Name klebte an Horst Meixner, kaum dass dieser Begriff aus dem Norden den fränkischen Sprachraum erreicht hatte. Ein Schimpfwort. Aber Horst Meixner hatte endlich den Namen gefunden für sein zweites Ich. "Es ist ein Ventil. Ich habe schon immer gern Quatsch gemacht."

Sein Beruf lässt dem 46-jährigen Zugbegleiter wenig Raum zum Quatschmachen. Von dort bezieht er bestenfalls Anregungen. "Man kann sich nicht vorstellen, wie viele komische Leute unterwegs sind!" Er hat sie nachgestellt, in seinem "Zugverspätungsblues", zu sehen als Video im Internet. Dort - und nur dort - lebt der Vollhorst. Dort hat er es sogar zu lokaler Prominenz gebracht. Sein Bratwurst-Song, eine Umdichtung des Thüringer-Klöße-Lieds von Fritz Wagner, wurde schon über 5400 Mal geklickt. Entstanden ist das Video, wie etliche andere auch, mit Unterstützung der Familie. Der Sohn filmt, die Tochter schminkt, und "meiner Frau zeig ich's zuerst, bevor ich ein Video einstelle".



Er schreckt vor nichts zurück. Nicht vor der Horrorfilm-Parodie, nicht vor der Aufforderung, Fotos von den schönsten Bierbäuchen zu schicken. Den Appell spricht dem Vollhorst seine Frau - im Unterschied zum Vollhorst trägt sie eine Wuschelperücke und ist geschminkt.

Mit Bier hat es übrigens angefangen: Horst Meixner begann als Biertester für das Internetportal www.neubierig.de. Seine Texte kommen nicht so bierernst daher - "das hat den Leuten gefallen". Irgendwann begann er, mit dem Programm Moviemaker zu experimentieren. Filmschnipsel, Fotos, Zeichnungen aneinandermontiert, einen Song darunter gelegt, und dann auf Youtube hochgeladen: So kann sich jeder seine 15 Minuten Ruhm verschaffen.

Der Vollhorst hat inzwischen schon ein paar Minuten mehr. Ob er jetzt den leeren Albertsplatz beklagt, dem die Bratwurstbude fehlt (mit der Melodie von "Mercedes Benz" von Janis Joplin), "Nackig vor der Himmelstür" steht ("Knocking on heaven's door" von Bob Dylan), zum Biertrinkerwettbewerb aufruft oder ob er krude Haushaltstipps gibt: Wenn die Videos etwas gemeinsam haben, dann das, dass da einer gern experimentiert und sich selbst nicht so ernst nimmt, den pubertär-vulgären Humor inbegriffen. Doch just in dem Moment, wo's zu blöd würde, kommt ansatzlos der ironische Bruch. Ein Kondom vergrößern mit Hilfe eines Föns? "Wie ihr seht, hat's bei mir leider nicht geklappt", sagt der Vollhorst lakonisch. Mehr Pointe gibt's nicht.

"Es kommt bei manchen an, bei manchen nicht. Mich erschreckt es manchmal, wie ernst die Leute so was nehmen", sagt Horst Meixner. Er wolle nur "einen kleinen Lächler" erzeugen, mehr nicht, indem er sich beziehungsweise den Vollhorst veräppelt. Immerhin hat er schon einige Fans, vor allem jugendliche.

Doch ob die immer zwischen der Kunstfigur Vollhorst und dem Menschen Horst Meixner unterscheiden, da hat der 46-Jährige inzwischen selbst schon seine Zweifel. Da kam es auch schon vor, dass ihm nachts seine Fans ein Ständchen ins Telefon sangen. Blöd für einen, der früh um 4 Uhr aufstehen und zur Schicht gehen muss. Deshalb hat er im Internet die Verbindung zwischen dem Vollhorst und Horst Meixner gekappt. Auch die Familie kommt buchstäblich nur am Rande vor. Ausnahme ist der 22 Monate alte Sohn, der auf www.vollhorst.co den Gangnam-Style tanzt - mit Vollhorstbrille und Vollhorstmütze.

Spaß soll es machen. Horst Meixner träumt von der Vollhorst-Biografie in Comic-Form oder von "Vollhorst - der Film". "Einige sagen: Leg dich doch mal fest!", sagt er. "Aber ich will ausprobieren, was ankommt und was nicht." Womöglich sogar ernsthafte Lieder, die er auch im Fundus hat. Er könne ja nur ein paar Grundbegriffe auf der Gitarre und nicht mal Noten lesen, sagt er. Seine Stimme ist auch nicht die beste, aber das lässt sich auch über Bob Dylan sagen, den Meixner nicht übersetzt, sondern nachdichtet: "Zum Teufel will ich nicht, da gibt's kein Bier", heißt es in "Nackig vor der Himmelstür": Existenzialismus auf Fränkisch.