Es waren Zeiten, in denen Schnaps aus Krügen getrunken wurde und Seeleuten im Indischen Ozean Steinkugeln aus fränkisch-thüringischer Produktion um die Ohren flogen. Knöpfe wurden aus Tonkugeln gemacht. Kinder spielten mit Märbeln. Der Sozialismus war noch nicht erfunden und Erich Honecker noch lange nicht geboren. Obwohl - das stimmt nicht ganz: Ein bisschen kommt auch die DDR vor. Im einzigen Murmelmuseum Deutschlands ist Platz für alles, was irgendwie mit der Murmel zusammenhängt, alles, was Axel Trümper interessiert: für alle abenteuerlichen Geschichten vergangener Zeiten.

Die Reise in die Zeit beginnt auf der Autobahn 73 Nürnberg Richtung Suhl. Blinklichter, Drängler auf der linken Spur, Eile bis zur Abfahrt Eisfeld knapp 30 Kilometer hinter Coburg. Die paar Kilometer Landstraße bis Sachsenbrunn erzwingen ein gemütlicheres Tempo. Das Navigationsgerät streikt - als würde sich die moderne Technik weigern, den Weg in die Vergangenheit zu weisen, drängt die Maschinenstimme, schnellstmöglich zu wenden. Aber das Auto steht schon vorm Museum.

Axel Trümper stapft durch den Schnee und erzählt schon die erste Geschichte: "1950 wurden die Besitzer von der DDR enteignet, fünf Jahre später sind sie in den Westen abgehauen. Das Haus war Abstellfläche. Dann Mülldeponie." Das Museum beginnt gleich beim Parkplatz. Eine Tafel mit Fotos zeigt den Zustand, in dem Trümper und seine Frau die Mühle 1994 kauften. "Ein Jahr haben wir Schutt weggeschafft. Mist und Müll. Dabei kam raus, dass hier Murmeln hergestellt wurden."

Sprengmärbeln im Wilden Westen

Der Ostberliner Bildhauer, Steinmetz und Maler hatte nicht vor, ein Museum zu gründen. Er suchte einen ruhigen Platz zum Leben und Arbeiten. Kein anderes Haus ist von hier aus zu sehen, die Ausläufer des Thüringer Waldes scheinen blaugrau durch die kahlen Äste am Grundstücksrand. Ruhiger geht's kaum - abgesehen von Trümper, der erzählt und erzählt, Geschichte um Geschichte von der einst dreiachsigen Wassermühle am Oberlauf der Werra, von Märbeln aus Ton und wie sie hier in großen, rotierenden Holzbottichen hergestellt wurden.

Märbel werden die Murmeln vor allem in Südthüringen und der Gegend des Itzgrundes genannt. Trümper zählt andere Begriffe auf: Marmeln, Datzer, Klicker, Schusser. "Schusser heißt es auch, weil die Kugeln zum Schießen verwendet wurden: in Armbrüsten und später in Vorderladergewehren." Schon steckt der 59-Jährige mitten in der Geschichte darüber, wie findige Kaufleute im 18. Jahrhundert die Märbel in alle Welt brachten: auf dem Handelsweg von Nürnberg über Coburg, Sachsenbrunn und Magdeburg zu den Häfen in Hamburg oder Rostock.

"Segelschiffe hatten meist Steine als Ballast im Kiel. Diesen Zweck erfüllten die Märbeln genauso. Und unterwegs konnten damit die Takelage feindlicher Schiffe zerschossen werden. In Afrika, Indien oder Amerika wurden sie dann als Sprengmärbel verkauft." Mitten im Schnee, die Wangen vor Kälte gerötet, die Nase fast blau, beschwört Trümper das Bild eines Wild-West-Bergwerks herauf. "Die Sprenglöcher wurden mit Märbeln verschlossen. Damit das Schwarzpulver nicht rausfliegt." Trümper forscht, liest und sammelt. Seit Jahren. Die Märbel ist seine Welt. Er lebt in der Mühle und arbeitet hier als Steinmetz und Bildhauer. Damit finanziert er das private Museum.

"Es ist ein Zuschussgeschäft. Wenn eine Schulklasse kommt, nehmen wir mal 20 oder 30 Euro ein. Ein Sponsor wäre gut", sinniert er. Derzeit kann er nur nach telefonischer Absprache öffnen. "In sechs Jahren, wenn ich Rentner bin, will ich täglich aufmachen." Trümper marschiert vorbei an einer Feuerstelle im Schnee, an thronartigen Stühlen, bei deren Bau er sich von mittelalterlichen Motiven inspirieren ließ. "Die Außenanlagen machen's aus. Im Sommer wird hier gefeiert!" Er schwärmt von Umbauplänen, von einer historischen Küche und einem Museumscafé.

Oliven-Märbel und schummrige Gänge

Weiter: vorbei am gefrorenen Sand des Murmelturnierplatzes zu einer Hütte, die sich als Schmiede entpuppt und einer weiteren, hinter der eine Spielzeugburg aus Bausteinen steht. Sie erinnern an Lego, sind aber aus Ton. Trümper hat vieles zusammengetragen, was mit der thüringisch-fränkischen Tonproduktion zusammenhängt. So kamen auch die kleinen Schnapskrüge ins Museum. Und die Oliven-Märbel, längliche Tonkugeln für Halsketten.

Die Ausstellung im Mühlenkeller mischt Handwerks-, Heimat- und Kulturgeschichte verschiedenster Epochen. Centware liegt neben Kostbarkeiten, eine Leihgabe des Sonneberger Spielzeugmuseums steht neben Ebay-Errungenschaften, Geschenken und den Resten, die Trümper aus dem Schutt der Märbelmühle von Dörfles-Esbach (Kreis Coburg) rettete, als diese abgerissen wurde. Die Wände sind bis an die Decke gefüllt, die Gänge schummrig und eng.

Dieser Ort hat nichts von musealer Unberührbarkeit. Es gibt keine interaktiven Bildschirme, nicht einmal Erklärtafeln. Dafür gibt es Axel Trümper, der von den Geheimrezepten der Märbelmüller erzählt.
Im Grunde lässt sich dieses kuriose Museum kaum beschreiben. Man muss es erleben. Wer Glück hat, lernt dabei auch noch Monika Trümper kennen und erfährt von ihr einiges über Turniermurmeln und Murmelturniere: Die besten Murmelspieler der Welt treffen sich immer am Karfreitag am Pub des englischen Dorfes Green Tinsley. Aber das ist eine andere Geschichte.



Märbelmuseum

Das einzigeMurmelmuseum Deutschlands in Sachsenbrunn ist noch nicht ganz fertig - und wird es vielleicht nie. Im Sommer kann hier trotzdem gefeiert werden und zumindest die Ausstellung im Keller kann im Winter nach Anmeldung unter 0171/7931263 besichtigt werden. Erwachsene zahlen 3 Euro Eintritt, Kinder 2 Euro.