Noch eine Woche bis zum Samba-Festival. Rolf Beyersdorf, Geschäftsführer der veranstaltenden Sambaco GmbH, ist die Vorfreude deutlich anzumerken. Obwohl: Kann der quirlige Tausendsassa überhaupt schlecht gelaunt sein?! Auch darüber werden wir mit ihm sprechen. Wir treffen uns mit Rolf Beyersdorf in einem Café. Bevor er sich setzt, begrüßt er lachend die Wirtin und winkt freundlich weiteren Gästen zu. Der 56-Jährige ist in Coburg bekannt wie ein "bunter Hund" - auch wir kennen ihn gut, deshalb duzen wir uns. Er bestellt einen Espresso und eine Rhabarberschorle.

Na, kribbelt's schon?!

Rolf Beyersdorf: Bei mir kribbelt's das ganze Jahr! (lacht) Ganz ehrlich: Ich bekomme Gänsehaut, wenn ich ans Festival denke. Samba ist mein Leben!

Wie kam es dazu?

Ich liebe Tanz, ich liebe Musik, ich liebe Südamerika - und nur wenige Völker können Tanz und Musik so gut kombinieren wie die Brasilianer! Ich mag es, wie unverkrampft und lebensfroh die Brasilianer sind. Denn auch bei mir ist das Glas immer halb voll und nicht halb leer.

Stimmt. Rolf Beyersdorf scheint eigentlich immer gut gelaunt zu sein. Täuscht dieser Eindruck oder bist Du auch mal schlecht drauf?

Sagen wir es mal so: Ich bin ein sehr leidenschaftlicher Mensch. Deshalb kann ich sehr wohl auch mal wütend sein. Aber ich weiß, wo die Grenzen sind. Da bin ich meinen Eltern sehr dankbar - sie haben es kanalisiert, wenn ich in der Jugend mal wieder zu leidenschaftlich und wild war.

Reden wir übers Festival. Nachdem Christof Pilarzyk im vergangenen Jahr ausgestiegen ist, bist Du der letzte Verbliebene der ursprünglich drei Festival-Begründer. Inwieweit wirkt sich das auf deine Arbeit aus?

Es ist immer schwer, wenn einer der Hauptmacher aufhört. Das war es auch, als in den 1990er Jahren Michael Häfner weggegangen ist. Aber das Gute ist: Wir sind bei Sambaco ein eingespieltes Team aus 35 Leuten, die zum Teil seit Anfang an dabei sind. Hinzu kommt, dass die Zusammenarbeit mit der Stadt Coburg top ist. Da herrscht mittlerweile ein blindes Vertrauen.

Wie und wo verbringst Du das Festival? Schaffst Du es, die Auftritte Deiner Frau anzuschauen?

Ich bin viel unterwegs. Zum einen muss ich sehen, wie die Shows der von uns gebuchten Bands sind. Ich bin aber auch daran interessiert, nachzuschauen, wie es mit den kleinen Samba-Gruppen in den Gassen funktioniert. Für meine Frau bleibt jedoch immer Zeit. Ihre Show ist ja seit 1998 eines der Highlights des Festivals! Dieses Jahr tritt sie in der Nacht zum Sonntag um 2 Uhr im Kongresshaus auf - da habe ich die Chance, sie etwas länger zu genießen!

Hast Du so etwas wie einen Lieblingsplatz beim Festival?

Also das Kongresshaus gehört auf jeden Fall dazu - da geht es nach Mitternacht so richtig ab! Ich gehe am Abend aber auch sehr gerne in den Hofgarten, wo sich viele Jugendliche aufhalten - da hört man alle mögliche Sprachen, denn zur Zeit des Samba-Festivals sind meistens auch viele Austauschschüler in Coburg. Sehr am Herzen liegt mir außerdem das Kinder-Samba im Hofgarten. Toll, wie die Ejott das an beiden Nachmittagen immer wieder hinbekommt. Mein absolutes Highlight ist aber ein völlig anderes...

Wir sind gespannt!

Wenn ich am Samstag- und am Sonntagmorgen so gegen halb 6 aus dem Kongresshaus komme, laufe ich sehr gerne zum Sportheim der Coburger Turnerschaft. Dort stelle ich mich auf die Terrasse und blicke über die zig hundert Zelten, die am Sportplatz stehen. Das fasziniert mich immer wieder - und dazu trinke ich meistens einen Kaffee. Auch jetzt beim Interview braucht Rolf Beyersdorf noch etwas Koffein. Er, der kaum Alkohol trinkt und am Caipirinha vor allem das Vitamin C der Limetten gut findet, bestellt einen weiteren Espresso.

Kommst Du während des Festivals überhaupt zum Schlafen?

Nein. Ich gehe höchstens mal kurz heim, um zu duschen.

Wie hält man das durch?

Ich versuche körperlich fit zu sein. In den Wochen vor dem Festival jogge ich viel, besuche die Zumba-Stunden meiner Frau und mache auch viel funktionales Krafttraining - und zwar am besten bei Hitze. Das können zwar viele nicht verstehen. Aber der Samba-Umzug am Sonntag ist ja auch in der Hitze, und darauf muss ich mich vorbereiten.

Du wirst heuer 57 Jahre alt. Denkt man da auch mal ans Aufhören?

Stimmt - jetzt wo Du es sagst! Mensch, da fang ich gleich im August an, darüber nachzudenken! Aber mal Spaß beiseite, klar macht man sich auch darüber ab und zu Gedanken. Ich möchte ja nicht zum Schluss von der Bühne getragen werden! Aber ich dachte, die Rente für meinen Jahrgang kommt erst nach dem 65. Lebensjahr?! Und: Samba und Rente - passt das überhaupt zusammen?

Gibt's schon einen konkreten Zeitplan für einen Rückzug oder auch einen potenziellen Nachfolger?

Nein, einen konkreten Plan gibt es natürlich noch nicht. Oft muss man eine sich bietende Gelegenheit einfach nutzen. Da ich in einem gutfunktionierendem und erfahrenem Team arbeite, dass das Arbeiten für mich leicht und angenehm macht, kommen mir die Gedanken an eine Übergabe nur selten in den Sinn. Ganz so schnell will Rolf Beyersdorf wohl wirklich noch nicht aufhören. Denn er berichtet, dass er fürs 30. Samba-Festival, das in zwei Jahren ansteht, eine Ausstellung plant. "Ich sammel bereits!" Gezeigt werden soll darin außer der Geschichte des Festivals auch die historischen Verbindungen zwischen Brasilien und Coburg.

Inzwischen kommen jedes Jahr auch viele "Promis" zum Samba-Festival, zum Teil inkognito. Was kannst Du uns darüber verraten?!

Nichts. (grinst)

Ach bitte!

Ja, es stimmt schon, dass wir in den vergangenen Jahren immer wieder - ganz inoffiziell - prominente Besucher hatten. Aber ich möchte mich da bewusst bedeckt halten. Denn diese Gäste genießen es ja gerade deshalb so in Coburg, weil sie sich hier noch unerkannt bewegen können und keiner damit rechnet, dass plötzlich der Prominente xy neben einem steht. Nur so viel kann ich vielleicht sagen: Vor allem meine Frau Nini hat gute Kontakte, und sie hat sogar schon mit Pelé telefoniert, ob er nicht mal kommen will - aber: Pelé war leider noch nie da!

Es gibt aber nicht nur Fans des Samba-Festivals.

Okay, Samba polarisiert: Viele lieben das Festival und die Atmosphäre. Aber natürlich können einige auch mit dem Samba nichts anfangen. Das betrifft ja viele Bereiche des Lebens. Hier ist der Schlüssel die Toleranz und der Respekt. Vor allem die Anwohner der Innenstadt sind hier auf die Probe gestellt und zeigen durch ihre große Toleranz, wie ein respektvoller Umgang unter den Menschen möglich ist. Für diese Toleranz während des Festival-Wochenendes bin ich, sind wir sehr dankbar!

Wie würdest Du jemandem, der noch nie dabei war, das Samba-Festival beschreiben?

Es ist vor allem ein absolut friedliches Fest, bei dem die Leute gut drauf sind. Das liegt auch daran, dass die Besucher gar nicht so betrunken werden können wie vielleicht bei anderen Großveranstaltungen. Der Caipirinha hat ja oft gar keine Chance, bis zur Leber zu kommen, weil er vorher schon durchs viele Tanzen verdunstet! (lacht)

Ein Passant erblickt Rolf Beyersdorf: "Servus, Bujus", ruft er.

Wie kamst Du eigentlich zu Deinem Spitznamen "Bujus"?

In meiner Grundschulzeit hatten viele ähnliche Vornamen: Michael, Thomas oder auch Rolf. Deshalb gab es die Angewohnheit, dass die Leute mit ihrem Nachnamen angesprochen wurden. Weil aber "Beyersdorf" recht lang war, wurde aus mir erst der "Beyers" - und aus dem "Beyers" hat dann in der 3. Grundschulklasse mein Freund Rolf Jung den "Bujus" gemacht!

HINTERGRUND

Geschichte Drei Männer, eine verrückte Idee: Michael Häfner, Rolf Beyersdorf und Christof Pilarzyk veranstalteten 1992 erstmals ein Samba-Festival in Coburg. Daraus hat sich bis heute das größte Samba-Festival außerhalb Brasiliens mit geschätzten 200000 Besuchern (an allen drei Tagen zusammen!) entwickelt. Dafür, dass Samba in Coburg Fuß fassen konnte, nennt Rolf Beyersdorf rückblickend insgesamt vier "Glücksfälle", die Anfang der 1990er Jahre zusammen gekommen seien. 1. das Ende der Militärdiktatur in Brasilien 1985; 2. Michael Häfner - der viel zu früh verstorbene Samba-Liebhaber hatte bereits 1986 eine Samba-Gruppe in Coburg gegründet und somit den Weg für alles Weitere bereitet; 3. die Grenzöffnung 1989 - plötzlich lag Coburg nicht mehr abseits, sondern in der Mitte Deutschlands; 4. Norbert Kastner - der 1990 ins Amt gewählte Coburger Oberbürgermeister war offen für neue Ideen und unterstützte das Projekt.

Zur Person Rolf Beyersdorf ist Halb-Engländer. Er wurde 1962 in Coburg geboren und verbrachte in seiner Kindheit auch viel Zeit in der Heimat seiner Mutter im südenglischen Cornwall. Die dortige Offenheit der Menschen habe ihn sehr geprägt, sagt Beyersdorf. 1998 kam erstmals eine gewisse Nice Ferreira zum Samba-Festival nach Coburg. Die brasilianische Sängerin und Tänzerin begeisterte das Publikum - und wohl auch Rolf Beyersdorf. Der "Samba-Blitz", wie er es nennt, hat aber erst 2003 eingeschlagen. Seitdem sind die beiden ein Paar; geheiratet wurde 2004.

Festival 2019 Zur offiziellen Eröffnung am Freitag, 12. Juli, auf der Schlossplatz-Bühne werden gegen 21 Uhr unter anderem mehrere Samba-Königinnen aus Rio de Janeiro erwartet. Bereits ab 19 Uhr gibt es in der VR-Bank am Theaterplatz eine Autogrammstunde mit Ex-Fußballprofi Giovane Elber sowie Rebecaa Mir ("Let's dance", GNTM). Gegen 22.30 Uhr tritt auf der Schlossplatz-Bühne der brasilianische Superstar Saulo auf. Bei der Show im Kongresshaus, die am Freitag und Samstag jeweils um 23.30 Uhr beginnt, tritt in der Nacht zum Sonntag auch Nice Ferreira auf. Der Sonntag, 14. Juli, beginnt um 10.30 Uhr mit einem Samba-Gottesdienst auf dem Marktplatz. Der Samba-Umzug durch die Innenstadt setzt sich ab 14 Uhr in Bewegung. Ab 16.30 Uhr singt auf der Marktplatz-Bühne Judy Bailey. Weitere Infos unter www.samba-festival.de.