Lange mussten Coburgs Musikfreunde auf Georg Friedrich Händels "Messias" warten. Das Oratorium ist zwar eines der populärsten Werke der Chorliteratur, stand in der Vestestadt aber viele Jahre nicht mehr auf dem Programm. Am dritten Advent dirigiert Kirchenmusikdirektor Peter Stenglein eine Aufführung mit der Kantorei St. Moriz.

Erinnern Sie sich noch, wann Sie den "Messias" das erste Mal dirigiert haben?
Sehr gut sogar. Das war im Jahr 1990 - auf meiner ersten Stelle in Fürstenfeldbruck, eines meiner ersten Projekte überhaupt, mit einem sehr kleinen Chor und natürlich in Englisch. Ich hatte es zuvor zwar auch schon auf Deutsch mitgesungen, mich aber bei bestimmten Stellen immer geärgert.

Bei der Aufführung am nächsten Sonntag in St. Moriz wird "Der Messias" also auch in englischer Sprache gesungen?
Als Dirigent habe ich das Werk bislang immer nur auf Englisch aufgeführt. Es gibt einfach eine wichtige Momente, in denen es eine sehr überzeugende Wort-Ton-Beziehung gibt. Es hat einfach viel für sich, das Werk in der Sprache aufzuführen, in der es musikalisch gedacht ist. Kein Mensch käme schließlich auf die Idee, zu sagen, die h-Moll-Messe müsse man auf Deutsch singen, weil der Text in Latein gehalten ist. Im Falle des "Messias" klingt vieles einfach überzeugend auf Englisch.

Wann haben Sie den "Messias" zum letzten Mal in Coburg aufgeführt?
Komplett im Konzert zu hören war der Messias zum letzten Mal 2003 - damals mit dem Bachchor. Und 2007 gab es im Rahmen des Jubiläums "50 Jahre Bachchor" gemeinsam mit dem Choeur André Leculeur Ausschnitte aus dem "Messias". Mit der Kantorei haben wir das komplette Werk auch schon gesungen, das ist allerdings lange her - das müsste 1995 gewesen sein.

Wie wehren Sie sich bei einem derart populären Werk gegen Routine?
Ich bin eigentlich der Meinung, man muss gerade diese populären Stück nicht so oft machen, dass man am Ende in die Gefahr kommt, es immer wieder genauso zu machen wie beim letzten Mal. Deshalb suche ich immer wieder auch neue Stücke aus - auch mit dem Bachchor. Wenn eine gewisse Zeit vergangen ist seit der letzten Aufführung, nimmt man die Partitur wieder ganz anders in die Hand. Mir fallen dann Dinge neu auf, die mir vielleicht bei einer permanenten Beschäftigung nicht so auffallen würden.

Im Vergleich zwischen "Messias" und dem "Weihnachtsoratorium": Wo sehen Sie Parallelen, wo sind die Unterschiede?
Es gibt - glaube ich - mehr Unterschiede als Parallelen. Das Weihnachtsoratorium ist ja tatsächlich für die Weihnachtszeit entstanden, wobei Weihnachten bei Bach tatsächlich die Zeit der Feiertage vom 25. Dezember bis 6. Januar meint. "Der Messias" ist von der Konzeption her deutlich anders. Händel selbst hat das Werk zunächst in der Passionszeit aufgeführt. Die Uraufführung war ja im April 1742. "Der Messias" ist in diesem Sinn kein reines Weihnachtsstück, weil zwar der Weihnachtsteil vorkommt, aber im Grunde nur die Einleitung ist.

Was sind textlich die zentralen Unterschiede?
Bach vertont ja das Lukas-Evangelium, Händel dagegen vertont in allererster Linie alttestamentarische Texte, Psalmen und Jesaja-Texte - und ein bisschen aus dem Lukas-Evangelium, eben im Weihnachtsteil. Allerdings ist "Der Messias" noch zu Händels Zeiten sehr schnell in die Adventszeit gerutscht - und seitdem wird das Werk sehr stark mit dem Advent verbunden, vor allem im angelsächsischen Raum.

Wie beschreiben Sie stilistisch Ihren interpretatorischen Ansatz?
Mir geht es nicht um die übermächtige, erschlagende Klangfülle, die schon zu Händels Zeit fast zur Tradition geworden ist. Natürlich kann man das Werk auch mit einem Massenchor machen, aber der Reiz liegt auch darin, dass das Werk in einer kleinen Besetzung entschlackt klingt, dass es transparenter klingt. Es hat nicht so viel Pomp, aber vielleicht ein bisschen mehr Geschmeidigkeit.

Das Gespräch führte unser Redaktionsmitglied Jochen Berger.