Die Welt treibt ihrem Untergang entgegen. Doch die Verursacher der drohenden Katastrophe ahnen davon noch nichts - oder wollen davon noch nichts wissen. Das klingt nach einem Szenario, das bei den allenthalben stattfindenden "Friday-for-Future"-Demonstrationen mahnend beschworen wird. Tatsächlich aber beschreibt dieses Szenario die Ausgangssituation in Richard Wagners "Rheingold".

Die Regie

So jedenfalls bringt Regisseur Alexander Müller-Elmau den Vorabend des Bühnenfestspiels "Der Ring des Nibelungen" auf die von ihm gestaltete Bühne des Landestheaters. Die sich aufdrängenden Parallelen zu Problemen der Gegenwart aber verleiten Müller-Elmau zum Glück nicht zu vordergründigen Aktualisierungen. Müller-Elmau setzt nicht auf plakative Akzente, sondern auf die Wucht und Kraft von Symbolen.

Das gelingt in weiten Teilen schlüssig und spannungsvoll - und dort, wo Wagners Text mit allzu groben Peinlichkeiten droht, setzt Müller-Elmau auf wohl dosierte Ironie.

Das Ausstattungskonzept

Als Bühnenbildner hat Müller-Elmau - wie schon bei seiner Coburger "Carmen"-Inszenierung -einen Einheitsraum entworfen, der sich mit wenigen Versatzstücken symbolschwer bei offenem Vorhang verwandeln lässt und bemerkenswert eindringlich arrangierte Bilder ermöglicht. Der Clou: das vielzitierte Rheingold mutiert zum überdimensionalen goldenen Hirn.

Die Kostüme

Julia Kaschlinskis Kostüme schlagen die Brücke zwischen mythischer Götterwelt und dekadenter Gegenwart. Götter, Riesen und Nibelungen erscheinen als ein heruntergekommener Haufen von Existenzen zwischen Langeweile, Gier und Niedertracht.

Die Geschichte und ihre Vorgeschichte

"Das Rheingold" ist so etwas wie die Vorgeschichte einer neuen Serie, ein Appetitanreger gewissermaßen. Die handelnden Personen werden vorgestellt, die Konflikte und ihre Ursachen werden angelegt - aber richtig spannend wird es erst in den Fortsetzungen von der "Walküre" über "Siegfried" bis zur "Götterdämmerung". Ein klassischer Fall von Cliffhanger also. Klar ist aber von Anfang an: Diese Geschichte geht nicht gut aus, denn sie beginnt mit einem Chef, der auf fatale Weise Schulden macht: Wotan. Göttervater Wotan hat sich mit fremder Hilfe (durch die Riesen Fafner und Fasolt) eine neue Firmenzentrale bauen lassen (Walhall) - auf Pump.

Verpfändet aber hat er Freia, die eigentlich Garant sein soll für die ewige Jugend der Götter. Um Freia auszulösen aus dem fatalen Pakt, muss Wotan aber neue Schulden machen. Er raubt Alberich, der den Rheintöchtern zuvor das Rheingold geraubt hatte, seinerseits dieses Gold. Damit beginnt die verhängnisvolle Kette gebrochener Verträge, die am Ende beinahe zwangsläufig zu mehreren Bluttaten führt. Wer den Begriff Rheingold als Symbol für Rohstoff liest, ist mitten drin in einer Geschichte der Ausbeutung der Natur - einer Ausbeutung mit katastrophalen Folgen.

Die Darsteller

Bis auf wenige Gäste (Simeon Esper mit schlankem Tenor als am Ende lautstark gefeierter als Loge und Evelyn Krahe als sonor warnende und mahnende Erda) ist dieses "Rheingold" mit Solisten des Coburger Ensembles besetzt. Allen voran: Michael Lion, der den Göttervater Wotan mit souverän geführtem Bass als nur scheinbar erfolgreichen Strippenzieher zeichnet. Ebenso beeindruckend wie überraschend: das stimmlich wie darstellerisch souveräne Alberich-Debüt Martin Trepls aus den Reihen des Landestheaterchors. Marvin Zobel als Donner, Peter Aisher als Froh, Felix Rathgeber (als Gast) und Bartosz Araszkiewicz als die beiden Riesen Fasolt und Fafner, Kora Pavelic als Wotans sorgenvoll gestimmte Gattin Fricka, Olga Shurshina als Freia, Dirk Mestmacher als Mime (mit pointierter Stepptanz-Einlage) und nicht zuletzt Dimitra Kotidou, Laura Incko und Emily Lorini als Rheintöchter-Trio - sie alle beeindrucken solistisch wie als Ensemble.

Der Dirigent

Coburger Generalmusikdirektor Roland Kluttig startet als jederzeit umsichtiger "Rheingold"-Dirigent in seine letzte Saison am Landestheater. Aus der Not der beengten Platzverhältnisse und der deshalb deutlich reduzierten Orchesterbesetzung macht er die Tugend eines zumeist gut durchhörbaren Wagner-Klanges. Dass Wagners Partitur gerade in ihren vielen leiseren Passagen besonders spannungsvoll klingen kann, wird in seiner klar disponieren Interpretation sehr gut hörbar. Unter seiner Leitung muss die Sängerschar nirgends forcieren.

Das Orchester

Wagners Rheingold-Partitur ist am Landestheater in einer geschickt reduzierten Fassung zu hören - einer Mischung der sogenannten Coburger Fassung und einer späteren Bearbeitung durch den Dirigenten Gotthold Ephraim Lessing. Das Philharmonische Orchester dringt konzentriert ein in Wagners Klangkosmos, musiziert bei Bedarf mit geballter Kraft, überzeugt aber nicht zuletzt mit fein differenzierten leisen Tönen.

Das Fazit

Wenn sich der Vorhang senkt im fast ausverkauften Haus am Schlossplatz, brandet Jubel auf, garniert mit Bravo-Rufen. Anders als bei der Eröffnungspremiere mit "Zauberflöte" im vergangenen Jahr: Mit diesem "Rheingold" gelingt der Spielzeit-Start wie erhofft. Mehr noch: Mit ihren wuchtigen, einprägsamen Bildern, aber auch mit überzeugenden Solisten ist diese Neuinszenierung allemal einen Besuch im Landestheater wert.

Rund um "Das Rheingold" am Landestheater Coburg

"Das Rheingold" - Vorabend des Bühnenfestspiels "Der Ring des Nibelungen" von Richard Wagner Landestheater Coburg Termine 3. Oktober, 18 Uhr; 8. Oktober, 19.30 Uhr, 20. Oktober, 1. November, 18 Uhr, 20. November, 4. Dezember, 9., 31. Januar, 19.30 Uhr

Produktionsteam Musikalische Leitung: Roland Kluttig

Inszenierung und Bühne: Alexander Müller-Elmau

Kostüme: Julia Kaschlinski

Dramaturgie: Dorothee Harpain

Besetzung Wotan: Michael Lion

Donner: Marvin Zobel

Froh: Peter Aisher

Loge: Simeon Esper

Alberich: Martin Trepl

Mime: Dirk Mestmacher

Fasolt: Felix Rathgeber

Fafner: Bartosz Araszkiewicz

Fricka: Kora Pavelic

Freia: Olga Shurshina

Erda: Evelyn Krahe

Woglinde: Dimitra Kotidou

Wellgunde: Laura Incko

Floßhilde: Emily Lorini

Vorverkauf Tickets gibt es in der Tageblatt-Geschäftsstelle, Hindenburgstraße 3a, Coburg