"Konzessionsvergaberichtlinie": Schon das Wort klingt sperrig. Die Richtlinie, die noch in diesem Jahr das EU-Parlament passieren soll, regelt, unter welchen Bedingungen Gemeinden ihre Trinkwasserversorgung öffentlich ausschreiben müssen. So, wie sie Bauarbeiten ausschreiben. Dann macht die Wasserversorgung ein Privatunternehmen.

Für Heinz Köhler "tastet diese Richtlinie ans Selbstverständnis des deutschen Rechts". Was der SPD-Politiker, Jurist, Vorsitzender der Fernwasserversorgung Oberfranken (FWO) und frühere Europa-Abgeordnete damit meint, lässt sich im Internet ablesen: Dort haben inzwischen über eine Million Menschen eine Bürgerinitiative gegen diese EU-Richtlinie unterstützt. "Es gibt viele, die bei uns anrufen und fragen, ob sie das unterschreiben können", berichtet Berthold Lendner.

Sein Job ist es, Wasser zu verkaufen. Für ein privates Unternehmen. Die Städtischen Werke/Überlandwerke Coburg (SÜC) sind eine GmbH im Eigentum der Stadt Coburg. "Wir haben keine Hedgefonds im Hintergrund", betont SÜC-Geschäftsführer Götz-Ulrich Luttenberger, "und wir müssen keine 25 Prozent des Wasserpreises als Dividende auszahlen", ergänzt Berthold Lendner, der Hauptabteilungsleiter. Beide sehen der geplanten Richtlinie gelassen entgegen: Denn daran, dass die Stadt ihre Wasserversorgung ihrem eigenen Unternehmen übertragen darf, wird sich damit nichts ändern. Anders sieht es dort aus, wo externe Unternehmen Anteile an Stadtwerken übernommen haben. Oder wo die Stadtwerke weniger als 80 Prozent ihres Umsatzes im eigenen Gebiet machen. Aber bestehende Konzessionsverträge werden fortgelten, hofft Götz-Ulrich Luttenberger. Zur Not müsse die SÜC ihre Gesellschaften eben so gestalten, dass sie nicht unter die Richtlinie fallen.

Auch ohne die Konzessionsrichtlinie ist die Wasserversorgung in Deutschland schon ein Geschäft, meist in der Hand kommunaler Unternehmen. Aber auch andere drängen auf den Markt. Das Land Berlin zum Beispiel verkaufte 1999 Anteile an ihren Wassergesellschaften an Veolia Wasser und den RWE-Konzern. Das brachte erst mal Geld in die Kasse, aber die Wasserpreise stiegen drastisch. Die Berliner stimmten 2011 in einem Volksentscheid für den Rückkauf. Zum 1. Januar 2012 gab der RWE-Konzern seinen 24,95-Prozent-Anteil zum Preis von 658 Millionen Euro an das Land Berlin zurück. Gekauft hatte RWE für 618 Millionen.

Zahlreiche Gemeinden regeln die Wasserversorgung selbst. Bis vor einigen Jahren gab es vom Freistaat Bayern auch noch großzügige Zuschüsse für den Bau von Versorgungsanlagen, bestätigt Friedrich Schubart, stellvertretender Leiter des Wasserwirtschaftsamtes in Kronach. "Das wurde von der EU durchaus als problematisch gesehen", sagt Schubart. Aber als Bayern seine Förderpraxis einstellte, waren auch fast überall die Netze erneuert und neue Brunnen gebohrt.

In den Gemeinden, wo Wassergebühren direkt von der Gemeinde erhoben werden, dürfen nur die Kosten gedeckt werden, die durch den Betrieb entstehen. "Häufig ist der Wasserwart der entscheidende Faktor", sagt Schubart. Auch die Investitionskosten werden umgelegt - "aber viele haben vermutlich keine Rücklagen gebildet".
Wenn dann das Leitungsnetz erneuert oder nach neuen Wasserquellen gesucht werden muss, wird's knifflig: "Kleine Versorger sollen sich von den großen unterstützen lassen", sagt Schubart. In Weitramsdorf, Weidhausen und Niederfüllbach kamen an dieser Stelle die SÜC ins Spiel. Sie erhielten übrigens nie staatliche Zuschüsse für den Wasserleitungsbau, wie Lendner betont. "Höchstens mal in Neubaugebieten."

Die SÜC versorgen die Bürger in Coburg, Lautertal, Dörfles-Esbach, Grub am Forst, Weidhausen, Weitramsdorf, Niederfüllbach, Beuerfeld und Moggenbrunn mit Wasser, außerdem den Milchhof Wiesenfeld. Damit, sagt Lendner, "haben wir die Hälfte der Einwohner von Stadt und Landkreis", rund 60   000 Menschen. Woanders schielen kommunale Versorgungsunternehmen schon über Ländergrenzen. "Die EU-Kommission argumentiert so: Wenn deutsche Stadtwerke in Polen Wasserversorgung machen, warum sollen dann die Franzosen nicht nach Deutschland dürfen", erläutert Heinz Köhler.

Aber nicht nur die Versorgung mit Wasser ist ein Geschäft: Auch für die Dienstleistungen drumherum gibt es schon private Anbieter. So lässt zum Beispiel die Gemeinde Ebersdorf ihre Wasserrechnungen und Planungen von der Eon-Tochter Südwasser erstellen, bestätigt Bürgermeister Bernd Reisenweber.

Mehr aber auch nicht: "Wir sind nach wie vor ein Eigenbetrieb und haben immer noch die Hand drauf." Allerdings stand in Ebersdorf auch der Verkauf der Gemeindewerke zur Debatte. Die SÜC hätten Interesse gehabt, sagt Reisenweber. Letztlich sei das am Preis gescheitert: "Wir hatten so viel investiert, dass der angebotene Kaufpreis einfach zu niedrig erschien."