Eine neue "Schatzkammer" für Coburg. Auf der Veste. Dass der Titel des dritten und letzten Teiles der Neugestaltung in den Kunstsammlungen kein übertriebenes Versprechen ist, durfte das Tageblatt bei einem Werkstattbesuch erfahren. Am 18. April wird die hochkarätige, europaweit bedeutsame Glassammlung neu eröffnet.
Auch wenn eben erst die Vitrinen-Bauer die beiden großen Säle im Karl-Eduard Bau verlassen haben, nur wenige Ausstellungsobjekte tatsächlich wieder vor Ort sind, setzt bereits Staunen ein: Eine Glastür zieht jetzt den Blick - in einen völlig neuen, so nie gesehenen Raum. Vier markante Steinpfeiler, Weite, obwohl die Fläche gar nicht so groß ist. Durchblick in den dahinter liegenden, noch als Thronsaal geplanten Raum.
Früher beschleunigten an dieser Stelle die Besucher, um möglichst rasch durch die Masse der historischen Gläser zu den Waffensammlungen zu kommen; das Personal sprach von "Rennstrecke" und amüsierte sich mit der Vorstellung, die für den Durchgang benötigten Zeiten der Besucher zu stoppen. Dass hier kostbarste Schätze lagerten, das interessierte zu wenige. Im Gegenteil, dieses unscheinbare Eck löste eher Beklemmung aus. "Müssen wir uns das jetzt auch noch angucken?", stöhnten nicht nur die Kinder.
Eben das war der Grund für die mit erheblichem Aufwand durchgeführte Neugestaltung auf der Veste. "Die Gewohnheiten der Menschen ändern sich", erklärt Direktor Klaus Weschenfelder die Motivation für den Aufwand. Was die Kunstsammlungen nur für diesen Teilbereich und ohne die Kosten für die baulichen Veränderungen etwa 330 000 Euro gekostet hat. Große Freude über den Sponsor, die Firma Kapp, die sich mit 50 000 Euro beteiligt hat. "Wichtig ist für uns dabei vor allem auch die Identifikation der Coburger Wirtschaft mit der Veste", dankt Weschenfelder.
Also, so schnell wird in Zukunft keiner mehr hier durchrennen. Der eindrucksvolle, harmonisch wirkende neue Säulensaal entstand, weil Seitenkammern aufgelöst wurden. Die schönen Pfeiler steckten tatsächlich in Verkleidungen. Die Architektur an dieser Stelle der Veste neu zu erleben, ist eines der Anliegen dieses Umbaus. Auch wenn die Fenster verdunkelt werden, damit man das durchsichtige, dann effektvoll beleuchtete Glas intensiver wahrnimmt, wird die Raumsituation eine völlig andere sein.


Prachtvoll

Und mitten drin zwischen den massiven Pfeilern, da hängt er: der riesige, nach der Reinigung wieder funkelnde venezianische Leuchter, eine schier unübersehbare, filigrane Glasfontäne mit rosa und blauen Blüten, sich ergießend aus einem extra in der Decke höher abgesetzten, weinroten Viereck. Einfach prachtvoll, lebensvoll, heiter.
So wie dieser Kronleuchter aus Murano, wohl vom Anfang des 19. Jahrhunderts, ins Auge und Bewusstsein fällt, so sollen in Zukunft einige zentrale Kunstwerke aus der etwa 1000 Objekte umfassenden Sammlung von Herzog Alfred (geboren 1844 auf Windsor Castle, gestorben 1900 auf Schloss Rosenau) inszeniert werden. "Die Gläser erzählen spannende Geschichten. Die Leute sollen das erfahren und genießen können", sagt Sven Hauschke, der für das Glas in den Kunstsammlungen zuständige Kurator. Dafür wurden 17 zusätzliche Vitrinen angeschafft, riesige für die Darstellung eines historischen Büffets, und einzelne Glassäulen, um etwa die einzigartige große Achatschale aus Venedig Anfang des 16. Jahrhunderts zu präsentieren. Oder für die erstaunliche Milliefiori-Kugel aus dem 16. Jahrhundert mit der auf ihr balancierenden Mohrenfigur.
Neben den in ihrer Schönheit prangenden Glasobjekten werden Medienstationen Hintergrundinformationen und begleitende Geschichte(n) liefern. So zu Herzog Alfred, der vor seiner Coburger Zeit als englischer Flottenadmiral mit eigenem Kriegsschiff über die Weltmeere schipperte und jede Gelegenheit nutzte, um an wertvolles Glas zu kommen.


Große Gefahren

Diese Ausstellungsvitrinen, die sind ja eine Sache für sich, Hightech sozusagen, kosten locker 15 bis 20 000 Euro. Da geht es nicht nur darum, dass die Leute die feinen Trinkpokale nicht andatschen. So hart Glas erscheint, so empfindlich ist es, selbst wenn es einfach nur da steht. "Glas ist eigentlich nach wie vor eine Flüssigkeit", erklärt Sven Hauschke. "Für uns zwar erstarrt, aber die Moleküle sind in Bewegung. Und somit reagiert Glas besonders auf Umwelteinflüsse." Es kann instabil werden, obwohl kein Mensch daran gerührt hat. Es kann blind oder rissig werden.
Deshalb müssen die bergenden Gehäuse genauestens klimatisiert sein, auf 30 Prozent Luftfeuchtigkeit. Schadstoffe müssen absorbiert werden. "Organisches Material in den Vitrinen ist ganz schlecht", berichtet Hauschke. Deswegen wird das Glas nicht mehr auf Holzsockeln angeordnet, denn Holz dünstet aus. Die hauseigenen Handwerker auf der Veste fertigen eigens Bänke und Kästen aus Aluminium, die dann mit farblich changierender Seide bezogen werden. Das wirkt besonders lebendig. Wobei die indische Seide aufwendig im Labor geprüft wird. Denn wer weiß, welches Chemielein da außer dem angegebenen noch drin steckt.
Und wie kriegt man die großen Bänke in die Glaskästen? Durch die perfekt schließenden seitlichen Türen. Verdammt, wenn sich in dem vorgesehenen Raumeck unerwartet eine Klappe nicht vollständig öffnen lässt, weil ein drei Zentimeter breiter Mauervorsprung in den Grundrissen nicht eingezeichnet war. Einfach mal ein bisschen schieben, geht nicht, die Vitrine ist zu schwer, genau austariert...
"Unsere Leute sind findungsreich, irgendwie schaffen wir es immer", gibt sich Hauschke gelassen. Aber klar wird, der planerische und technische Vorlauf für solch eine Ausstellungspräsentation ist hoch, sehr hoch.

Historisches Glas auf der Veste Coburg. Ab 19. April wird die europaweit bedeutsame Sammlung, die Objekte von der italienischen Renaissance bis zum Ende des 20. Jahrhunderts enthält, neu gestaltet zu sehen sein. Bedeutend ist der Bestand an venezianischen Gläsern, der von Herzog Alfred von Sachsen-Coburg und Gotha (1844-1900) gesammelt wurde.