Wer gerne Wetten abschließt auf mögliche Reaktionen des Coburger Publikums, dürfte an diesem neuen "Don Giovanni" seine Freude haben. Denn Søren Schuhmachers Inszenierung lässt vermutlich selbst aufgeschlossene Opernfreunde mit vielen offenen Fragen zurück. Ist das schlimm?


Intensives Zusammenspiel zwischen Bühne und Orchester



Wer gerne alles zweifelsfrei und gnadenlos eindeutig erklärt bekommen möchte, ist in dieser Deutung sicherlich am falschen Ort. Wer freilich aus Angst vor schwer zu beantwortenden Fragen diese Eröffnungspremiere des Landestheaters vorschnell von seinem Besuchszettel streichen sollte, verpasst nicht nur einen musikalisch faszinierend spannenden Abend. Denn dieser "Don Giovanni" bietet in vielen Szenen ein intensives Zusammenspiel zwischen Bühne und Orchester.

Skrupelloser Verführer


Der Abend beginnt, bevor sich der Vorhang hebt. Aus Lautsprechern tönt Mozarts leidenschaftlich dunkles d-Moll-Streichquartett - passende Einstimmung auf das nahtlos folgende d-Moll der "Don Giovanni"-Ouvertüre. Was dann auf der Bühne zu sehen ist, erzählt die Höllenfahrt des skrupellosen Herzensbrechers namens Don Giovanni im Rückblick mit reichlich surrealen Akzenten.


Arena der Assoziationen



Die Bühne wird zur Arena der Assoziationen, in der die Gesetze von Zeit, Raum und Logik außer Kraft gesetzt werden. Bühnenbildner Norbert Bellen hat dazu den passenden Rahmen geschaffen. Zentrales Element ist ein riesiger, zweigeteilter roter Vorhang, der hoch droben im Schnürboden auf einer kreisrunden Schiene eifrig in Bewegung gehalten wird. Mit beweglichen Versatzstücken gestattet dieses Konzept auf der fleißig rotierenden, regelrecht zum Karussell werdenden Drehbühne rasche Verwandlungen auf offener Szene. Dazu hat Carola Volles die adäquaten Kostüme entworfen, die ebenfalls eine Fülle von Assoziationen freisetzen.


Leporello als Don Giovannis Spiegelbild



Søren Schuhmachers Regie zeigt die Titelfigur als negativen Fixpunkt einer Figurenkonstellation, in der eigentlich nur Zerlina die Chance hat, individuelle Züge zu gewinnen. Bei Schuhmacher wird Don Giovannis Diener Leporello zum Spiegelbild seines Herrn. Das ist nicht frappierend neu, wirkt aber durchaus schlüssig umgesetzt.
Schuhmachers Inszenierung erinnert mit ihren psychologisierenden Aspekten ein wenig an den Hollywood-Streifen "Don Juan de Marco" und bietet vielerlei Assoziationsmöglichkeiten, wirkt aber in ihrem Anspielungsreichtum nicht in jeder Szene sofort verständlich oder stimmig.


Musikalisch einfühlsam



Unbestreitbar aber ist seine Deutung musikalisch einfühlsam, wenn er den expressiven Gehalt der Arien und Ensembles in Bilder und Bewegungen übersetzt. Ungewohnt, aber stimmig ist zum Beispiel seine Umsetzung der Leporello-Arie, für die ihm frappierend schlüssige Bilder zwischen Panoptikum und Pathologie einfallen.

Souverän: Dirigent Roland Kluttig


Musikalisch ist dieser Coburger "Don Giovanni" unbedingt eine Reise wert. Das ist das Verdienst von Generalmusikdirektor Roland Kluttig, der in jedem Takt, in jedem Moment mühelos souverän agiert. Dass dieser Abend in musikalischer Hinsicht pures Mozart-Glück aus dem Orchestergraben zu bieten hat, kündigt sich schon in den ersten Takten der Ouvertüre an.



Nuancenreich gestaltet



Wie das Philharmonische Orchester hier Kluttigs fein differenzierte musikalische Vorstellungen in Klang, Artikulation und Dynamik nuancenreich umsetzt, wird zu einem Versprechen, das im weiteren Verlauf des Abends praktisch ohne Einschränkungen eingelöst wird. In schlanker Besetzung demonstriert das Philharmonische Orchester, wie sich auch auf modernen Instrumenten Erkenntnisse der historischen Aufführungspraxis mit Gewinn anwenden lassen.

Ausdrucksvoll leise Töne


Unter Kluttigs Leitung musiziert das Orchester jederzeit klar konturiert und transparent in der Stimmführung, ohne Klangsinnlichkeit und Gesanglichkeit der Artikulation zu vernachlässigen. Das Publikum erlebt an diesem Premierenabend ausnahmslos Rollendebüts. Die Titelpartie ist natürlich eine große Herausforderung. Benjamin Werth beweist mit intensiver Gestaltung, dass er nicht nur vokale Durchschlagskraft besitzt, sondern auch ausdrucksvoll leise Töne klug einzusetzen weiß.


Rundum überzeugendes Coburg-Debüt



Als Don Giovannis Diener Leporello gibt Norman D. Patzke als Gast sein in Gesang wie Darstellung rundum überzeugendes Coburg-Debüt. Zur weiblichen Hauptrolle des Abends wird in dieser Premiere die Zerlina von Marie Smolka, die ihren technisch makellos geführten Koloratursopran mit differenzierter und intensiver Gestaltungskraft verbindet. Zerlinas Verlobter ist ein junger Solist aus den Reihen des Landestheater-Chores: Marcello Mejia-Mejia, der diesen Part stimmlich überzeugend und mit lebendigem Spiel gestaltet.
Don Ottavio wird oft als Schwächling auf die Bühne gestellt. In Søren Schuhmachers Regiekonzept bekommt Roman Payer durchaus die Chance zu differenzierter Gestaltung, auch wenn sich sein lyrischer Tenor nicht gänzlich frei entfaltet.

Bedrohliche Würde


Sofia Kallios Donna Anna überzeugt besonders in den lyrischen Passagen, Betsy Hornes Donna Elvira beeindruckt durch packende Gestaltungskraft. Mit sonorer Stimmkraft gibt Michael Lion als Komtur dieser Rolle bedrohliche Würde. Coburgs neuer Chordirektor Lorenzo Da Rio hat den Chor des Landestheaters hörbar bestens einstudiert. Zudem überzeugen die Sängerinnen und Sänger bei einigen anspruchsvollen darstellerischen Aufgaben durch unerschrockene Spielfreude.
Am Ende gibt es im Premierenpublikum manchen fragenden Blick zur Inszenierung, aber schrankenlose Begeisterung für Solisten, Chor, Orchester und Dirigent.


Namen & Termine



"Don Giovanni" Oper von Mozart; 27., 30. September, 4., 12. Oktober, 19.30 Uhr, 14. Oktober, 15 Uhr, 20., 24. Oktober, 19.30 Uhr, 28. Oktober, 15 Uhr, 31. Oktober, 18., 28. Dezember, 19.30 Uhr (weitere Termine in Planung)

Darsteller Benjamin Werth (Don Giovanni); Michael Lion / Sergiy Zinchenko (Il Commendatore); Sofia Kallio (Donna Anna); Roman Payer/Thomas Volle (Don Ottavio); Betsy Horne / Hayley Sugars (Donna Elvira); Michael Lion / Norman D. Patzke (Leporello); Marcello Mejia-Mejia (Masetto); Maria Smolka (Zerlina)

Hintergrund Mozarts "Dramma giocoso" auf einen Text von Lorenzo da Ponte wurde am 29. Oktober 1787 in Prag uraufgeführt.