Wer an die Musik des Mittelalters denkt, hat oft herb anmutende Klänge im inneren Ohr - spröde und scheinbar fremd. Das mag durchaus nicht gänzlich falsch sein und ist doch gewiss nicht die ganze Wahrheit. Denn Musik des Mittelalters kann auch bemerkenswert klangvoll und verblüffend expressiv sein - zärtlich und innig, zerbrechlich, verletzlich und doch voller Glaubenszuversicht.

Davon kündet der Coburger Melchior-Franck-Kreis mit seinem Programm "Musik am Hofe Kaiser Maximilian I." im Riesensaal von Schloss Ehrenburg. Konzerte des Melchior-Franck-Kreises leben seit jeher von der Kunst seines Gründers und Leiters Knut Gramß, Musik scheinbar längst vergangener Zeiten lebendig und ausdrucksvoll in die Gegenwart zu holen. Dazu komponiert Gramß mit seiner beziehungsreichen Auswahl der Werke regelrechte Klangbilder - Musik, die sich gleichsam wechselseitig beleuchtet und in Bezug setzt zur Zeit, in der sie einst entstand.

"In Musikarchiven ist es ganz still", sagt Knut Gramß denn auch und verweist damit auf die Aufgabe des Interpreten sogenannter alter Musik, verstaubte und vergilbte Noten zu klingendem Leben zu erwecken. Immer wieder ist Knut Gramß bei diesen musikalischen Entdeckungsreisen auch als Klang-Maler gefordert, wenn er die Noten in geduldiger Kleinarbeit zunächst transkribiert und anschließend für die Aufführung einrichtet.

Als Dirigent hat Knut Gramß nichts von seinem Enthusiasmus verloren, mit dem er sein Ensemble mitzureißen versteht. Geradezu beschwörend malt Gramß die Musik dirigierend in die Luft - und sein Melchior-Franck-Kreis folgt ihm singend und auf historischen Instrumenten musizierend stets aufmerksam und reaktionsschnell.

Künstler aus ganz Europa

Das Programm, das im barocken Riesensaal von Schloss Ehrenburg erklingt, bietet einen facettenreichen Einblick in die musikalische Pracht, die einst am Hofe von Kaiser Maximilian I. geherrscht haben muss, der als "letzter Ritter" und Förderer der Künste einen besonderen Platz einnimmt am Ende des Mittelalters.

Zahlreich die bedeutenden Musiker aus ganz Europa jener Zeit an der Wende vom 15. zum 16. Jahrhundert, die Maximilian I. in seine Dienste nahm. Und so singt und musiziert der Melchior-Franck-Kreis Werke beispielsweise von Heinrich Issac und Ludwig Senfl, dazu ausdrucksvolle Sätze von Josquin Desprez.

Während Melchior Franck, der Namensgeber des Ensembles und einstige Hofkapellmeister von Herzog Johann Casimir, in diesem Programm ausnahmsweise fehlt, erinnern Knut Gramß und seine Musiker an den Bamberger Komponisten Heinrich Finck, der um 1444 geboren wurde und 1527 starb und einst ebenfalls in Diensten von Kaiser Maximilian I. stand.

Nach ausdauernd begeistertem Beifall gibt es schließlich noch zwei Wiederholungen als Zugaben - der klanglich geradezu zauberhaft zarte Satz "Rex coeli" aus einer Bamberger Handschrift aus der Zeit um 850 sowie Heinrich Isaacs berühmte Abschiedskomposition "Innsbruck, ich muss dich lassen".


In dieser Besetzung musiziert der Melchior-Franck-Kreis Coburg


Gesang Gisela Maria Paul, Carolin Heckel, Ulrike Zeidler, Arnhard Heinisch, Armin Vogel, Wilfried Paul, Gerhard Zeidler

Gambe, Laute, Harfe Susanne Fischer, Edda Rassow, Peter Ulrich, Maximilian Fahnler, Janina Frankenberger

Zink, Dulzian, Posaune, Schalmei Gerhard Forkel, Karola Braune, Christine Hilverling, Adelheid Gramß, Hanswolf Popp

Blockflöte, Krummhorn, Kontrabass Gabriele Senger, Angelika Götz, Helmut Hilverling, Ernst-Ludwig Noé

Leitung Knut Gramß

Kaiser Maximilian I., geboren am 22. März 1459 in der Wiener Neustadt, gestorben am 12. Januar 1519 in Wels (Oberösterreich), nimmt nicht nur als Herrschergestalt aus dem Geschlecht der Habsburger am Ende des Mittelalters ("letzter Ritter") einen besonderen Platz ein, sondern er gilt auch als einer der ganz großen Förderer der Wissenschaften und Künste.

Hofkapelle Schon als Kind erlebte er die traditionsreiche Staatsmusik seines Vaters, Kaiser Friedrichs III. in der Wiener Hofburg und die Hofkapelle Innsbruck. Hinzu kam, dass er als 18-Jähriger bei seiner Heirat mit der ebenso schönen wie reichen Maria von Burgund die flämische Musikpflege und ihre Sänger und Instrumentalisten kennen und bewundern lernte. Mit ihnen gestaltete er die Hof- und Reichstage zu Worms, Augsburg und Freiburg.