Sie sind zu Erinnerungen ihrer selbst geworden, die beiden alten Frauen, Ruth und Vika. In ihrem New Yorker Appartement leben sie ihre letzten Tage so innig miteinander, wie ihrer beider Leben ineinander verwoben war, weit über eine Geschwister-Liebe hinaus: "Kein Paar wie wir". Beides, diese ungewöhnliche Liebe und die Bedeutung der Erinnerung für das Leben, sind die zentralen Motive eines ungewöhnlichen Debüt-Romanes und dessen Autors, die zum Auftakt des Literaturfestivals "Coburg liest" in diesem Jahr zu erleben sind. Eberhard Rathgeb kommt zum Roman-Marathon am Samstag, 5. April, in der Reithalle.

Feindliche Eltern, der tyrannische Vater und die ihrem Leiden an der Welt hingegebene Mutter, die ihre Töchter gänzlich zu absorbieren versuchen, schweißen Ruth und Vika zusammen. Mit 30 Jahren gelingt es ihnen endlich, aus Buenos Aires zu fliehen, wohin der Vater rechtzeitig vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten gezogen war.

Ihr schützender Pakt schließt Männer und eigene Kinder aus. Ruth und Vika leben in Verweigerung der herkömmlichen Beziehungsmuster, genießen nach ihrer Flucht ihr Leben und sind glücklich miteinander. In Abwehr und Gegenentwurf bleiben sie aber auch gefangen im alten Terror. "Statt zu schrumpfen, wuchs der Schatten der Ereignisse mit den Jahrzehnten und warf sich wie ein schwarzes Tuch über sie."

Eberhard Rathgeb taucht mit Sensibilität und Wortkraft in die Erinnerungen der Schwestern ein, die im strengen Tagesritual sich gegenseitig immer wieder ihr gemeinsames Leben erzählen, dabei wie Wühlmäuse ihr vergangenes Leben freilegen:

Was es bedeutete, Distanz zum Deutschen zu schaffen, perfekt Englisch, Spanisch und Deutsch sprechend, aufzugehen in der Wahlheimat, in der Flucht-Heimat New York. Reisend die Welt zu entdecken, sich vor allem dabei aber von den Eltern fernhaltend, welche die braven Töchter dann im pflegebedürftigen Alter doch wieder zu sich zwingen, ohne Dank, ohne eine Spur von Liebe.

Was bleibt vom Leben?

Rathgeb dringt also ein in eine der zahllosen Familiengeschichten, in der die Kinder gefressen werden. Wie Ruth es bewerkstelligt, sich als schöne Frau nicht von den Männern benutzen zu lassen in einer Zeit, als unabhängige Frauen noch für großes Misstrauen sorgten, ist ein weiterer spannender Aspekt.

Eberhard Rathgeb, der 1959 in Buenos Aires geboren wurde, mit vier Jahren nach Deutschland kam und hier Feuilletonredakteur der FAZ war, mutet uns sprachlich und dramaturgisch den kreisenden Erinnerungsfluss der alten Frauen zu, hält fest daran, die Gedanken der beiden immer wieder zu binden im Rahmen der rückwärtsgerichteten Formulierung "dachte sie".

So bleiben wir mit Ruth und Vika zitternd im Erinnern, das zum Schluss das Leben ausmacht, erreichen mit ihnen eine Art geläutertes Leben, das aber ebenfalls zum Verschwinden verdammt ist. Denn irgendwann gehen auch die Erinnerungen, "ohne mir vorher Bescheid zu sagen, als wären wir uns fremd geworden, als hätten wir nichts miteinander zu tun", registriert Ruth.

Was also ist das Leben, was bleibt vom Leben? Und welche - kostbare - Rolle spielt dabei die Literatur? Denn Rathgeb stellt dem Vergessen ja seine literarische Schöpfung entgegen, ein Kunst-Werk.
Im Zentrum des Gefangenseins von Ruth und Vika stand ihre Liebe. Sie ließ die beiden leben trotz aller feindlicher, verschlingender Kräfte.

Eberhard Rathgeb hat 2013 den Aspekte Literaturpreis erhalten, die wichtigste Auszeichnung für deutschsprachige Erstlingswerke.

Eberhard Rathgeb: Kein Paar wie wir. Roman. Hanser Verlag München, 186 Seiten, 17,90 Euro.