Dieses Gesicht wird man nicht mehr vergessen: ein schönes, verschmitztes Jungengesicht. Doch in seinen Augen liegt bereits eine Ahnung des Drohenden und das Wissen, dass er trotz all seiner "Streiche", seines Aufbegehrens nicht entkommen wird. Er ist kahlgeschoren. Er stirbt am 9. August 1944 durch eine Spritze Morphium Skopolamin auf Anordnung von Anstaltsleiter Dr. Valentin Faltlhauser.
Der steht 1949 zusammen mit weiteren ehemaligen Pflegekräften der Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren vor Gericht, "wegen dieser Sache" und hunderter anderer im Rahmen des Euthanasieprogramms der Nazis begangener Morde. Die Strafen fallen lächerlich aus. Alle haben nur auf Anordnung von oben gehandelt. Und außerdem aus Mitleid mit diesem "lebensunwerten Leben" und um Schaden vom "gesunden Volkskörper" abzuwenden.
Das schöne Gesicht des Jungen Ernst Lossa wird hinter der schlichten Szenerie in der Reithalle eingeblendet, zusammen mit wenigen weiteren Dokumentarfotos von schon fast verhungerten Kindern aus den "Heil- und Pflege-Anstalten" des "Dritten Reiches". Mehr wäre auch kaum zu ertragen. Die sinnvolle Ausstattung besorgten Janosch Dahabi und Marisa Nuxoll, zwei Studierende der Hochschule Coburg.
Der Jugendclub des Landestheaters hat sich in diesem Jahr einem der schlimmsten Kapitel der deutschen Geschichte ausgesetzt und dem schonungslosen Bewusstsein, wozu der Mensch fähig ist. So schwer das Ganze zu ertragen ist, so notwendig ist es erst recht jetzt, die Dimension des Verbrechens aufzuzeigen, und zwar am schmerzhaft konkreten Fall. Dafür gebührt dem Jugendclub höchste Achtung. Ganz abgesehen von der eindrücklichen Darstellung.


Über 100 000 Ermordete

In der Regie von Peter Molitor und Denise Madeleine Schliefke wurde das Dokumentarstück "Nebel im August (Der Fall Ernst Lossa vor Gericht)" von John von Düffel auf die Bühne gebracht, basierend auf der Romanbiografie über Ernst Lossa von Robert Domes, das von Kai Wessel 2016 auch in die Kinos kam. Gerichtsszenen, kurze Monologe, eindringliche tänzerische Verdichtungen (Choreografie Tara Yipp) werfen in anderthalb Stunden packenden Theaters Licht auf kaum zu ertragenes Verbrechen, dem unter geschliffener intellektueller Begründung und höchst funktioneller Organisation mehr als 100 000 geistig oder körperlich Kranke - aber nicht nur, siehe Ernst Lossa - zum Opfer fielen.


Es fehlte nicht an Helfern

Ein Heer von Helfern war dafür notwendig. Und stand zur Verfügung. Das Stück zeigt einige konkret Beteiligte, historische Personen. Alle weisen dem Staatsanwalt gegenüber (Emilie Schorr) die Schuld von sich, weisen sie anderen zu, vom scheinbar rational-wissenschaftlichen Anstaltsleiter Faltlhauser (Luca Schenk mit beeindruckender schauspielerischer Intensität), über das weitere, nur zum Teil später erschrockene medizinische Personal (Tomiris Issin, Anetta Chiantone, Amy Ellis, Lea Reichel, Emilia Härty) bis zur kaltschnäuzigen Pauline Kneißler (Valentina Gaudiello), der anzusehen ist, dass sie gewisse Befriedigung fand bei der Umsetzung der "Anordnungen" von oben. Sie war auch "im Osten" eingesetzt, wo sie kampfunfähige deutsche Soldaten "erlöste".
Dem intelligenten, eigenwilligen Ernst Lossa wiederum gibt Selina Bär berührend Gestalt auf der Reithallenbühne.
Die Urteilsverkündung ist ein weiterer Schock und auch als solcher inszeniert: Ein Clown (Marleen Gertloff) hampelt mit Aktenordnern und jubelt über die Quasi-Freisprüche. - Das alles ist ein sehr starkes Stück des Coburger Jugendclubs.

Landestheater Coburg Nebel im August (Der Fall Ernst Lossa vor Gericht). Dokumentarstück von John von Düffel nach der Romanbiografie von Robert Domes. Theaterabend des Jugendclubs (empfohlen ab 14 Jahre)

Inszenierung Peter Molitor, Denise Madeleine Schliefke, Ausstattung: Janosch Dahabi, Marisa Nuxoll, Choreografie: Tara Yipp

Darsteller Luca Schenk, Selina Bär, Emilie Schorr, Tomiris Issin, Anetta Chiantone, Amy Ellis, Lea Reichel, Emilia Härty, Valentina Gaudiello, Marleen Gertloff, Nele Mülfarth, Ana Gerboth

Weitere Vorstellungen 26., 27. Juni, 20 Uhr in der Reithalle