Ein Wiedersehen mit Coburg bietet das Konzertwochenende im Landestheater für den jungen Dirigenten Moritz Gnann. Der 37-Jährige ist einer von drei GMD-Kandidaten, die sich um die Nachfolge von Roland Kluttig als Generalmusikdirektor bewerben. Für eine halbe Spielzeit war Gnann in der Saison 2012/2013 nach einem kurzfristigen Personalwechsel bereits als kommissarischer Erster Kapellmeister am Landestheater tätig. Seitdem sammelte er vielfältige Erfahrungen bei einer Reihe von renommierten Orchestern. Beim Sinfoniekonzert am Sonntag und Montag dirigiert er Werke von Martinu, Strawinsky und Mendelssohn. Zudem leitet er bereits am Samstag das Concertino.

Wie erleben Sie nach sieben Jahren die Wiederbegegnung mit dem Philharmonischen Orchester?

Moritz Gnann: Es gibt viele neue Kolleginnen und Kollegen im Orchester, das Orchester ist insgesamt etwas jünger geworden im Durchschnitt, es gibt eine gute Energie, ein großes Potenzial. Ich habe mir neulich eine Vorstellung "Rheingold" angehört, am Mittwoch war ich in der "Fledermaus" - das war sehr erfreulich aus meiner Sicht.

Was reizt Sie dazu bewogen, sich um die Aufgabe zu bewerben als Generalmusikdirektor ab Herbst 2020 in Coburg?

Ich möchte sehr gerne auf regelmäßiger Basis mit einem Klangkörper und einem Ensemble arbeiten. Ich möchte sehr gerne Teil einer längerfristigen Entwicklung sein. Denn wenn Sie als Gastdirigent mit einem Orchester arbeiten - egal in welchem Land, auf welchem Niveau: Sie haben immer nur eine Woche - und das ist wenig Zeit. Da gibt es ganz viele Fragen, die ungeklärt bleiben.

In der Ausschreibung der GMD-Stelle ist die Residenzpflicht erwähnt. Gleichzeitig soll der künftige Generalmusikdirektor die Gelegenheit zum Gastieren erhalten. Wie lässt sich bei diesem Thema die richtige Balance finden?

Es ist natürlich wichtig, dass der GMD vor Ort sein Pensum leistet. Das ist gerade am Anfang wichtig für die Zusammenarbeit mit dem Orchester und dem Ensemble, damit man eine gemeinsame Sprache entwickelt. Dass ein GMD daneben auch gastiert, ist aber gut für das Ensemble und das Orchester, wenn der GMD auch Einflüsse von anderswo mitbringt. Ich arbeite aktuell viel in Großbritannien, wo die Spielkultur eine andere ist. Sie beginnen bei der ersten Probe auf einem sehr hohen Niveau, danach aber ist der Prozess bis zum Konzert sehr herausfordernd.

Wo sehen Sie Schwerpunkte Ihres Repertoires?

Wir haben jetzt das Beethoven-Jahr vor Augen - für mich ein sehr, sehr wichtiger Komponist. Ich habe mich sehr mit Richard Wagner auseinandergesetzt in den letzten Jahren. Wagner hat so viele Einflüsse aufgenommmen - von Mendelssohn, von Schumann, von Weber. Diese deutsche Romantik liegt mir sehr am Herzen, auch Brahms natürlich. Mir ist aber auch sehr wichtig, dass zeitgenössische Stücke dem Publikum präsentiert werden. Das sollte man natürlich nicht zu heftig machen - ein Konzert sollte immer ausgewogen sein. Aber es ist natürlich erfrischend, wenn man erlebt, was heutzutage komponiert wird. In Boston habe ich tolle Erfahrungen gemacht - das Boston Symphony Orchestra hat sehr oft Kompositionsaufträge an junge, überwiegend an amerikanische Komponisten vergeben. Auch das Publikum war oft sehr begeistert davon. Das ist oft gerade für jüngeres Publikum sehr interessant. In der Oper gibt es neben Richard Wagner und Richard Strauss auch Giuseppe Verdi, den ich sehr liebe. Ich liebe Puccini, ich mag sehr gerne auch französische Oper - da gibt es so viel Auswahl.

Warum sind Sie Dirigent geworden?

Ich bin durch Zufälle an eine Blaskapelle geraten, bin reingerutscht in diesen Bereich und habe mich dann schließlich doch bei einer Musikhochschule beworben, nachdem ich zuvor erst andere Studienfächer ausprobiert hatte.

Was zeichnet einen guten Dirigenten aus?

Das wichtigste ist, das Stück, das man leitet, zum Leben zu erwecken - dass man es schafft, die Musik zu beseelen. Auch die Probenökonomie ist für einen Dirigenten sehr wichtig.

Bei den Sinfoniekonzerten am Sonntag und Montag dirigieren Sie Werke von Strawinsky und Mendelssohn. Wie passt dieses Programm zusammen?

Es gibt schon einen roten Faden. Bohuslav Martinu mit seinem Stück "Les Fresques de Piero dela Francesca" zeigt einen bunten Stilmix mit tschechischer Volksmusik, mit französischer Musik und mit dem Einfluss von Igor Strawinsky, der eine große Inspirationsquelle für Martinu war. Strawinskys Violinkonzert, das dann folgt, ist eines der wichtigen, der großen Violinkonzerte des 20. Jahrhunderts - ein neoklassisches Stück, das eigentlich recht kammermusikalisch wirkt, obwohl es groß besetzt ist. Den Bogen zur "Italienischen Symphonie" von Mendelssohn schlagen die "Fresken" von Martinu, der auf Anraten eines Freundes nach Arezzo gefahren war und sich die Fresken von Piero della Francesca angesehen hat.

Die akustischen Voraussetzungen im Landestheater gelten im Konzertbereich als heikel. Wie bereiten Sie sich auf die Konzerte am Wochenende unter diesem Aspekt vor?

Für mich wird das sicher eine besondere Herausforderung, weil ich die akustischen Bedingungen im Konzertbereich gar nicht kenne. Die Musiker haben mir schon gesagt: ich muss ein bisschen aufpassen, damit die Holzbläser nicht "unterbelichtet" klingen.

Was erwarten Sie vom Concertino am Samstag?

Ich finde dieses Format sehr interessant - dass der Dirigent die Gelegenheit hat, etwas zu erläutern zu den Stücken. Ich habe mich dazu entschieden, den Martinu spielen zu lassen und etwas zu diesem Stück zu sagen. Danach gibt es noch die "Italienische" von Mendelssohn.

In der Ausschreibung für die GMD-Stelle stand ausdrücklich das Thema Musikvermittlung. Welche Erfahrungen haben Sie in diesem Bereich schon gesammelt?

Bislang habe ich damit sehr gute Erfahrungen gemacht. Dabei geht es schon auch darum, Menschen ins Konzert zu bekommen, die sonst vielleicht nicht ohne weiteres kommen, weil es Hemmschwellen gibt. Für mich ist es wichtig, einen Dialog zu führen mit dem Publikum,. Ich bin auf jeden Fall offen für Wünsche und Anregungen. Für ein vitales Theater ist es ganz wichtig, dass man einen Dialog pflegt.

Wie stehen Sie generell dem Thema Überalterung des Publikums bei Klassische Musik gegenüber? Was kann man gegen diese Überalterung machen?

Ich würde gar nicht von Überalterung sprechen. Ältere Besucher sind von jeher die diejenigen, die am ehesten Zeit und Muße haben, ins Konzert und in die Oper zu gehen. Es ist wichtig, Formate anzubieten, die auch speziell darauf ausgerichtet sind, dass sie für ein jüngeres Publikum interessant sein können. Da ist gerade der Aspekt der Moderation wichtig. Ich habe gerade in Karlsruhe ein Programm gemacht mit einer Schulklasse, bei dem wir Dvoraks 8. Symphonie auseinandergenommen haben. Dann gab es ein Konzert, das präsentiert wurde durch die Jugendlichen.

Welche Erinnerungen haben Sie an der Coburger Publikum?

Das Publikum ist sehr enthusiastisch, ist mit Neugier und offenen Ohren ins Konzert und in die Oper gekommen. Die Zuhörer haben sich sehr gefreut, wenn ihre Coburger Künstler eine tolle Leistung, eine tolle Vorstellung geboten haben. Ich habe Coburg als ein sehr positives Umfeld in Erinnerung.

Und Coburg als Stadt?

Coburg ist eine wunderschöne Stadt, die ich aber erst noch richtig kennen lernen müsste. Ich freue mich jetzt auf die Konzerte mit dem Orchester und bin sehr gespannt auf das Concertino am Samstag.

So geht es weiter mit der Coburger GMD-Suche

Konzert-Tipp Als dritter GMD-Kandidat stellt sich Moritz Knapp als Konzertdirigent am Landestheater Coburg vor: Samstag, 14. Dezember, 11 Uhr - Concertino; Sonntag, 15. Dezember, 18 Uhr, Montag, 16. Dezember, 20 Uhr: 3. Sinfoniekonzert - Werke von Martinu, Strawinsky und Mendelssohn; Solist: Martin Emmerich (Violine); Philharmonisches Orchester, Leitung: Moritz Gnann Auswahl Insgesamt drei Kandidaten stehen zur Auswahl für die Nachfolge von Roland Kluttig als Generalmusikdirektor am Landeestheater Coburg. Die endgültige Entscheidung nach den Probedirigaten soll nach Aussage von Intendant Bernhard F. Loges voraussichtlich zwischen Mitte und Ende Januar fallen. Harish Shankar studierte Klavier an der Musikhochschule Lübeck. Sein Dirigierstudium schloss er an der Hochschule für Musik Franz Liszt in Weimar in der Klasse von Gunter Kahlert ab. Künstlerische Impulse erhielt er in Meisterkursen beispielsweise bei Parvo Järvi und Nicolás Pasquet. Daniel Carter ist seit der Spielzeit 2019/2020 Kapellmeister an der Deutschen Oper Berlin und war zuvor von der Spielzeit 2015/2016 bis zur Saison 2018/2019 Erster Kapellmeister am Theater in Freiburg. Er studierte Komposition und Klavier an der University of Melbourne. Moritz Gnann war bis 2018 Assistant Conductor beim Boston Symphony Orchestra, mit dem er 2016 beim Tanglewood Music Festival debütierte. Gnann ist ein regelmäßiger Gast an der Semperoper Dresden. Als Gastdirigent ist Gnann der Deutschen Oper Berlin eng verbunden.