Michael Heinrich ist ein Pragmatiker, im besten Sinne ein praktischer Professor. Was er lehrt, macht er für seine Studenten begreifbar. Wo er Handlungsbedarf sieht, wird er aktiv - ob im Denkmalschutz, bei Fragen der Ästhetik oder im Dialog mit Politikern. Der 52-Jährige ist ein Vermittler mit perfektionistischen Zügen. Was er tut, tut er mit Herzblut - und ganz viel Kopfarbeit. Seit Anfang des Jahres ist er der fachliche Sprecher des Forums Kultur in der Metropolregion. Und wie sich im Gespräch gezeigt hat, ist er das nicht nur auf dem Papier.

Tageblatt: Worin sehen Sie Ihre vorrangige Aufgabe?
Michael Heinrich: Die Metropolregion Nürnberg ist extrem reich an kulturellen Aktivitäten, von der Hochkultur über die Volkskultur bis hin zu Bier und Bratwurst, also der Esskultur... aber im Ernst: In dieser Region scheint "kulturell" sehr vieles sehr in Ordnung, es fällt also nicht schwer, das Forum Kultur wohlwollend zu begleiten, beraten und dort zu helfen, wo vielleicht mein Wissen oder meine Ideen gebraucht werden!

Aber...
Aber der gesellschaftliche Wandel geht auch an diesem Garten Eden nicht vorbei und rüttelt an unseren liebgewonnenen Identitätskonzepten. Kultur und Bildung sind weit mehr als Unterhaltung oder Kompetenzzulieferung für unsere Wirtschaft: Beide kommen hier als zentrale Instrumente der Zukunftsgestaltung ins Spiel. Sie bauen erst das Wertegerüst, auf das wir noch immer so selbstverständlich vertrauen und auf dem jeder Wissenserwerb ruhen muss, und sie reflektieren dieses Wertegerüst und entwickeln es weiter.
Wer sind wir, wer wollen wir sein? In welcher Gesellschaft wollen wir leben? Welche Art von Bildung brauchen Menschen? Kultur hat hier die Aufgabe, Menschen zu ermöglichen, im Diskurs, Spiel und im Nachdenken für sich Antworten zu finden. Erst ein Kompass in diesen Fragen stellt die Weichen dafür, was wir von Wissenschaft, Bildung und Wirtschaft eigentlich brauchen.
Und: Was könnte integrativer sein als gemeinsame kulturelle Aktivitäten! Ich sehe es als meine vorrangige Aufgabe an, diese immens wichtigen Aspekte der Kultur zu betonen, zu begründen und damit, wo immer es geht, ihren Stellenwert auch im Bewusstsein derer zu heben, die Kultur als entbehrliches Sahnehäubchen betrachten.

Welche Rolle spielt Kultur für jeden einzelnen von uns?
Unter Kultur kann man viel verstehen, aber ganz allgemein könnte man sagen: Kultur schafft den Rahmen, unsere Bedürfnisse, Wünsche und Hoffnungen zu teilen, uns auszudrücken und uns zuzuhören; sie differenziert und potenziert unsere Sinnlichkeit und befreit unsere Gedanken; sie schafft Ebenen und stellt Zusammenhänge her, die uns aus unserem existenziellen Alltagsdruck herausheben und uns andere, weitere Blickwinkel bieten; damit bringt sie Leichtigkeit, vielleicht auch Humor in unser Leben; sie verbindet Dinge auf ungewohnte Weise und ist damit die Heimat der Kreativität, nach der auch die Wirtschaft so dringend verlangt; und mit all dem erzeugt sie Lebenssinn. Ich denke also, jeder von uns nutzt und braucht an jedem einzelnen Tag ein Stück Kultur, um sich lebendig zu fühlen. Nestroy sagt: "Kultur beginnt im Herzen jedes einzelnen." Vielleicht meint er damit die Bereitschaft, sich aktiv zu öffnen für die Inspirationen und das Dialogische von kulturellen Prozessen.

Kulturelle Bildung soll in der Gesellschaft bewusster wahrgenommen werden. Was verstehen Sie unter kultureller Bildung?
Bei kultureller Bildung sehe ich zwei wichtige Ziele: Zum einen das Wissen und der Diskurs über historisch gewachsene Kultur als Entzifferungsmatrix für unsere komplexe Welt. Beides ist verknüpft mit wesentlich schnellerer Orientierung und Verortung im soziokulturellen Raum. Zum anderen verstehe ich darunter auch die Kompetenzen, die es braucht, um an sozio-kulturellen Prozessen teilzuhaben: differenzierte Sprache, dialektisches Denken, Fantasie, Kreativität, Empathie, Bindungsfähigkeit. Ein Wirtschaftler würde jetzt vielleicht nicht zu Unrecht feststellen, dass auch wirtschaftlicher Erfolg mit solchen Qualitäten zusammenhängt.
Worin sehen Sie den Auftrag der Schule im Hinblick auf die kulturelle Bildung?
Die Schule tut schon viel, aber sie ist erst einmal überfordert, wenn sie die immer weiter wegbrechende kulturelle Bildung seitens des Elternhauses ersetzen soll. Die Weichen stellt jedoch die Bildungspolitik, und bei der steht in jedem Fall der Erwerb technisch-instrumentellen Wissens im Vordergrund. Davon ist ja auch die Schule geprägt. Doch die Kompetenzen kultureller Bildung, von denen ich spreche, wären auch für diese Art des Wissenserwerbs eine Energiespritze.
Jedenfalls sollte Kultur in alle Fächer eindringen, nämlich als Kultur, selber denken zu lernen. In allen Fragen der Wissensreproduktion sind uns Computer jetzt schon voraus, nicht aber in Kreativität und einer sozial und emotional motivierten Intelligenz.

Die Hochschulen beklagen, dass immer weniger Studierende tatsächlich für ein Studium geeignet sind. Es fehlt neben einem ausgeprägten Allgemeinwissen oft an der notwendigen Neugier und Kreativität beim Denken. Wo sehen Sie Ansatzpunkte, die Kinder besser auf die Herausforderungen der Zukunft vorzubereiten?
Persönliche, ernstnehmende Zuwendung, differenzierte Gespräche über alle Aspekte unserer Welt und Anforderungen, an denen Kinder sich ausprobieren können und lernen, mit Begrenzungen, Verantwortung, Fehlschlag und Erfolg gleichermaßen umzugehen - anstatt bequemes Parken der Kinder vor digitalen Medien und die Entertainisierung der Bildung. Fordern, reden und lieben, könnte man sagen.

Welche Aufgabe hat die Hochkultur in dem breiten Spektrum der kulturellen Bildung?
Die Hochkultur verstetigt nachhaltig und langfristig kulturelle Identität, und sie ritualisiert und sanktioniert kulturelle Praktiken. Und sie ist natürlich ein riesiges Aktions- und Zielfeld kultureller Bildung. Hochkultur und Schulen müssen jedoch enger als Diskurs- und Prägungsfeld für die Jugend zusammenwachsen, denn das klassische Hochkulturpublikum mit traditioneller kultureller Vorbildung wird immer älter.

Welche Rolle spielt Coburg in der Metropolregion? Gibt es hier Vorzeigeprojekte, die beispielhaft für die Metropolregion sein können?
Das Güterbahnhof-Areal mit den Stakeholdern Stadt, Hochschule, Vereinen und privaten Investoren ist auf einem guten Weg. Hier waren einige Leute tätig, vor denen ich großen Respekt habe, weil sie über das Tagesgeschäft hinausschauen. Das kann ermutigend für eine ganze Region sein.

Können Sie sich vorstellen, die verschiedenen kulturellen Einrichtungen in der Metropolregion noch besser zu vernetzen? Wie hoch schätzen Sie die Konkurrenz - beispielsweise unter den Theatern - ein?
Theater und ihre Intendanten betreiben immer eine Gratwanderung zwischen künstlerischer Profilierung und Publikumsnähe. Jeder Standort hat dabei seine eigene Chemie, und das macht Theater auch so ortsspezifisch wertvoll. Vernetzung darf das nicht neutralisieren, aber die Etablierung von themenbezogenen Festivals könnte einerseits das Ortskolorit stärken, neue Publikumsschichten gewinnen und gleichzeitig Begegnung fördern.

Die Digitalisierung macht auch vor der Kultur nicht halt. Wie schätzen Sie die Bedeutung ein und welchen Umgang empfehlen Sie?
Die Kultur war und ist Spielwiese aller tradierten und neuen Kulturtechniken und Denkweisen, und das ist gut so. Da aber die Digitalisierung unsere differenzierte Kommunikationskultur, unsere ganzheitliche Ausdrucksfähigkeit und vor allem unser leibliches Eingebettetsein in einen sozialen Kontext radikal verändert und uns dafür mit Schnelligkeit entschädigt, hat Kultur hier wie schon seit jeher die Rolle, der Gesellschaft den Spiegel vorzuhalten. In diesem Spiegel gibt es viel zu entdecken, und nicht immer muss uns alles gefallen. Ich wünsche mir und uns allen, dass die Kultur den Raum für diese Auseinandersetzungen bietet.


Forum Kultur - und wer dahinter steht
Das Forum
besteht aus einer Arbeitsgruppe von über 50 Mitgliedern. Es befasst sich mit den reichhaltigen kulturellen Angeboten in der Metropolregion.

Die Breite, die Vielfalt und das flächendeckende Angebot in dem Bereich sind in vergleichbaren europäischen Regionen in dieser Ausprägung kaum gegeben und stellen deshalb ein herausragendes Qualitätsmerkmal der Metropolregion Nürnberg dar. Auf dieser Grundlage sollen deshalb künftige Projekte der Metropolregion in dem Bereich Kultur erarbeitet werden.
Politischer Sprecher: Harald Fichtner, Oberbürgermeister der Stadt Hof;
Fachlicher Sprecher: Michael Heinrich, Studiendekan Fakultät Design, Hochschule Coburg;
Geschäftsführerin: Anke Steinert-Neuwirth, Kulturreferentin der Stadt Erlangen

Kurzvita Michael Heinrich
2009 - 2014: Vizepräsident der Hochschule Coburg
2007 - 2009: Studiengangsleiter Innenarchitektur
seit 2006: Professur Darstellen, Entwurf, Bühnenbild, Hochschule Coburg
Workshop-Leitungen Akademie der Bildenden Künste, München
1993-2013: Elf Gesamtplanungen Bühnenbild, 27 gesamtverantwortliche Bühnenbild- und Kostümausstattungen
1989 - 1990: Production Design (bei Oscarpreisträger Rolf Zehetbauer, Bavaria Film)
1986 - 1992: Studium Bühnen-, Kostümbild Akademie Mozarteum
1966: geboren in München; österreichischer Staatsbürger.