Mit alternativen Kraftstoffen haben Götz-Ulrich Luttenberger und Raimund Angermüller so ihre Erfahrungen. "Bei diesen Temperaturen ruckeln die Erdgasbusse an den Steigungen. Manchmal bleiben sie ganz stehen und müssen abgeschleppt werden", erzählt Götz-Ulrich Luttenberger, der Geschäftsführer der SÜC. Raimund Angermüller ist der Chef des Verkehrsbetriebs, der zu den SÜC gehört. Er düst gern mit dem Elektroauto herum, das im Fuhrpark für Dienstfahrten zur Verfügung steht.
Doch die 15 Erdgasbusse und das eine Elektroauto sind Peanuts angesichts der rund 280 Fahrzeuge, die die SÜC und andere Beteiligte nun einem Großversuch unterziehen wollen: Die Stadtbusse, Müllautos, Transporter und Personenwagen erhalten statt herkömmlichem Diesel nun "R33". Das ist Diesel, dem zu 33 Prozent regenerative Stoffe beigemischt wurden, in erster Linie Biodiesel und aufbereitetes Pflanzenöl (siehe Text unten).

Probefahrt im Stadtbus

Zur Jungfernfahrt eines Stadtbusses mit dem neuen Treibstoff kam sogar Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU). Vom Betriebsgelände der SÜC führte die Fahrt hinauf zur Hochschule, wo der neue Kraftstoff unter der Federführung von Hochschulvizepräsident Professor Jürgen Krahl entwickelt worden war.
Dass der R33 nun im Feldversuch erprobt werden kann, ist den insgesamt 19 Projektpartnern zu verdanken, die Jürgen Krahl um sich geschart hat. Einer davon sind die SÜC, ein weiterer die HUK-Coburg. Die werde die Dieselfahrzeuge ihrer Außendienstmitarbeiter mit dem neuen Kraftstoff betanken, sagte gestern Wolfgang Weiler, Sprecher der HUK-Vorstände. Er verwies darauf, dass die HUK schon seit Jahren bei ihren Baumaßnahmen aufs Energiesparen achte. Bei der anstehenden Sanierung des Bürokomplexes auf der Bertelsdorfer Höhe sollen am Ende Energieeinsparungen von 50 Prozent stehen. Auch beim Fahrzeugpark setze die HUK auf sparsame Motoren. Was den neuen Kraftstoff angeht, vertraut Weiler auf die Zusicherungen seiner Projektpartner, dass der R33-Diesel für die Motoren verträglich sei. "Wir sind gespannt auf die Ergebnisse und sehr optimistisch." Und im übrigen seien die Fahrzeuge gut versichert.

Keine Tank-Teller-Diskussion

Auch Peter Ramsauer zeigte sich angetan von dem Projekt, das die Hochschule gestartet hat. Schließlich habe die Bundesregierung zum Ziel gesetzt, dass der Energieverbrauch im Mobilitätssektor bis 2020 um zehn Prozent sinken soll und bis 2050 gar um 40 Prozent. Gleichzeitig gehe die Bundesregierung aber davon aus, dass der Verkehr zunehme, sagte Ramsauer gestern in der Hochschule Coburg.
"Für uns war wichtig, dass es sich um zertifizierte nachwachsende Rohstoffe handelt", sagte Raimund Angermüller am Rande der Veranstaltung. "Wir wollen nicht in diese Tank-Teller-Diskussion geraten." Mindestens zwei Jahre oder drei Millionen Kilometer weit wollen die SÜC den neuen Kraftstoff nun testen.

Schon in zwei Zapfsäulen

Der Großversuch mit dem Dieselkraftstoff R33 hätte schon vor einem Jahr beginnen können, hätten die Projektpartner nur eine Tankstelle gehabt. Über den CSU_Bundestagsabgeordneten Hans Michelbach kam der Kontakt zu Harald Schlotter zustande, Gesellschafter und technischer Leiter der Walther-Tankstellen, einer mittelständischen Kette aus Schweinfurt. Die Walther-Tankstelle in der Raststraße hat seit vorigem Mittwoch zwei Zapfsäulen mit R33 bestückt.
"Wir waren immer die ersten", sagt Schlotter: Die erste Tankstelle mit bleifreiem Benzin, die erste mit Biodiesel. Nun ist es der R33, der dort zum normalen Dieselpreis verkauft wird. "Er müsste eigentlich teurer sein", erläutert Sebastian Dörr von Lubtrading, einer weiteren Partnerfirma im Projekt. Nicht, weil die Hydrierung von altem Pommesöl so ein neues Verfahren wäre, sondern weil die Hersteller dafür neue Anlagen brauchen. Dass dieses hydrierte Pflanzenöl kein herkömmlicher Diesel ist, "merkt der Motor nicht", sagt Dörr. "Für den Motor sind das alles Paraffine."
Nur dass die einen seit Jahrmillionen im Erdreich geschlummert haben, die anderen aber in einem chemischen Verfahren erzeugt wurden. Die Unterschiede, sagt Dörr, seien jedenfalls nur auf molekularer Basis nachweisbar.

Diesel für die Innenstädte

Wenn es gelingt, ein Drittel des herkömmlichen Dieselkraftstoffs durch aufbereitetes Pflanzenöl zu ersetzen, dann spart das zum einen fossilen Brennstoff. Hochschulvizepräsient Jürgen Krahl hegt aber noch weitere Erwartungen an den R33: Er soll weniger krebserregende Schadstoffe ausstoßen als normaler Diesel. Dann könnte man den R33 als "Innenstadtkraftstoff" vermarkten, der die Umweltzonen und Fahrverbote für Dieselautos ohne Partikelfilter überflüssig macht. Außerdem wird in dem Großversuch getestet, ob der R33 den Motorölverbrauch senkt und wie er sich auf die Langlebigkeit des Motors insgesamt auswirkt.
"Wir haben in Deutschland 40 Hochschulinstitute, die sich mit dem Motor befassen, aber keins, das sich mit Kraftstoffen befasst", sagte Krahl. "Bei uns liegt die Forschung und Entwicklung in den Händen der Ölindustrie." Auch bei dem jetzt laufenden Großversuch haben die Partner aus der Wirtschaft den Löwenanteil der Mittel beigesteuert: Es gab zwar 285 000 Euro vom bayerischen Umweltministerium und aus EU-Mitteln, aber 1,1 Millionen Euro von den Industriepartnern. Insgesamt erreiche die Hochschule bei ihren Forschungsprojekten einen Drittmittelanteil von 25 Prozent, stellte Hochschulpräsident Michael Pötzl fest. sb