Auf einem Weg durch die Stadt Coburg wurde am Samstagabend der Reichspogromnacht und ihren Opfern gedacht. Der Gedenkweg erinnerte an die Täter und ihre Verbrechen und ermahnt zum Nachdenken über den Umgang mit Minderheiten und über demokratische Werte.

Der 9. November sei ein besonderer Tag in unserer Geschichte, machte Pfarrer Dieter Stößlein deutlich. Mit ihm beginne 1918 die Weimarer Republik und mit dem 9. November verbinde sich der friedliche Umsturz in der ehemaligen DDR und der Fall der Mauer. An beides gelte es zu erinnern und der Opfer vom 9. November 1938 zu gedenken, sagte Stößlein. Die Pogrome des 9. und 10. Novembers 1938 seien nicht aus "heiterem Himmel" geschehen. Auch in Coburg hätte die Pogrome eine Vorgeschichte, die von Demütigung, Entrechtung und Vernichtung der bürgerlichen wie wirtschaftlichen Existenz der Juden geprägt gewesen seine.

Die ausgewählten Stationen des diesjährigen Gedenkweges "Stätten der Entrechtung" würden die Orte struktureller, verbaler und physischer Gewalt der Nazis gegen jene, die deren Rassenwahn, völkischer und gewaltverherrlichender Ideologie nicht entsprachen markieren, so Dieter Stößlein. "Wir stehen hier, weil wir die Deutung der Geschichte nicht denen überlassen wollen, die diese verharmlosen, den Opfern die Würde nehmen." Die Kultur des Erinnerns, so der Pfarrer, sei ein wichtiger Baustein in einer lebendigen Demokratie. "Wir stehen hier, weil Antisemitismus Menschen zu Mördern macht und wir das nicht hinnehmen wollen. Mit diesem Gedenken sagen wir Nein zu jeglicher Ausgrenzung und Gewaltanwendung gegen Minderheiten. Wir sagen Ja zur Achtung der Würde des Menschen und den Werten, die die Menschenrechte schützen".

Der 9. November sei für Deutschland ein Schicksalsdatum, machte auch Oberbürgermeister Norbert Tessmer deutlich. Wohl kein anderes Datum in der deutschen Geschichte habe derart die Emotionen geschürt und kontroverse Diskussionen hervorgerufen wie der 9. November. Der Schicksalstag symbolisiere die Hoffnungen der Deutschen, aber auch den Weg in die Verbrechen des Dritten Reiches, sagte Tessmer. Eine Aufarbeitung sei schon deshalb besonders wichtig, so Tessmer, weil die historischen Erinnerungen nicht mehr ausreichten. Es gebe immer weniger Menschen, die den Krieg, die Entbehrungen, die Flucht, den Verlust der Heimat, die Trauer um nahe Angehörige, das Morden in den Konzentrationslagern und das Drangsalieren der Geheimdienste erlebt haben. "Und wenn sie nicht mehr sind, dann kann auch nichts mehr weiter erzählt werden." Folge sei, so Tessmer, dass die Distanz zu dem Geschehen der "Humus für das Wegsehen, das Relativieren und das Verdrängen" sei.

Die Vorstufe zum Unheil sei das Wort, so der OB. Mit Worten könne Heil wie Unheil angefangen und zur Verrohung der politischen Kultur beitragen. Worte wie "Überfremdung", "Lügenpresse", "Volksverräter" oder "Altparteien" würden mürbe machen.

Das Gedenken wurde unterstützt von der AG "Lebendige Erinnerungskultur", dem Deutschen Gewerkschaftsbund, dem Bildungswerk, Initiative Stadtmuseum, dem Stadtheimatpfleger und Netzwerk Coburg Stadt und Land "Wir sind bunt" und den beiden Musikerinnen Lorena Hemmerich und Cora Heickenwälder.