Es geht um sehr viel, in diesem Shakespeare-Drama ebenso wie in den gegenwärtigen weltpolitischen Konstellationen. Es geht um die Frage nach dem Wesen der Macht. Und ob Macht zwangsweise mit Gewalt einher geht. "Wenn man sieht, wie die hohen Herren derzeit wieder in dieser Welt agieren, ist man schnell bei Macbeth", sagt Matthias Straub. Der Coburger Schauspieldirektor bringt am Samstag das so blutrünstig bewegte wie tiefgreifend philosophische Drama Shakespeares aus dem Jahr 1606 auf die große Bühne des Landestheaters.
Shakespeare hatte am Vorbild der historischen Machtergreifung des schottischen Heerführers Macbeth eine hochdramatische Diskussion um die Verführung der Macht bis hin zur Tyrannei und tödlichen Hybris in zeitlos aktuelle Bühnenform gefasst. "Dieses Stück hat ungeheure Qualität", zeigt sich Matthias Straub fast ehrfürchtig vor Shakespeare. Er öffne in den Dialogen und Monologen auf kürzestem Wege philosophische Dimensionen, dringe tief in die Psychologie der Figuren. "Das schafft so kein anderer." Weshalb "Macbeth" ja nicht nur in Literatur und auf der Bühne, sondern auch in einer Vielzahl von Verfilmungen wieder- und wiederkehrte.


Sprache und Atmosphäre

Von denen aber will sich Straub eben nicht in ausschließlich bildliche Wucht verführen lassen. "Uns geht es ganz um die Sprache Shakespeares", gibt Straub seine Zielrichtung vor, auch wenn es selbstverständlich, oder fast unvermeidlich, in den Bildern von Gabriele Wasmuth schottisch stimmungsvoll und mythisch zwischen historischen Bezügen und moderner Abstraktion werden darf. "Wir bringen schon schottisches Hochland auf die Coburger Bühne", lacht Straub. Wasmuth sei Schottland-Fan. Sie habe sogar nach den historisch-korrekten Tartans, den typischen Karomustern der Clans gesucht.
In diesem Rahmen aber soll das Coburger Schauspiel-Ensemble die hohe Kunst der durchaus künstlichen Bühnensprache zelebrieren, in der nahe am Original liegenden Übersetzung von Jürgen Gosch und Wolfgang Wiens, die den rustikalen Rhythmus Shakespeares zu halten versucht. Denn eben durch die klare Distanzierung von unserer Alltagssprache komme die Gedankenentwicklung Shakespeares erst wirklich nahe.
Auf diesem Weg will Straub also der Machtfrage nachgehen, weshalb man sich im Voraus intensiv mit entsprechenden philosophischen Schriften befasst habe. Doch diese zentrale menschliche Fragestellung sei so komplex und weitgreifend, dass sie immer nur in Teilaspekten fassbar werde. Straub neigt zu Hannah Arendt. "Der Mensch braucht Macht als wirkungsvolle Kraft, sowohl in den persönlichen Beziehungen wie in kleineren und größeren Gesellschaften", ist Straub überzeugt.
Macht bedeute auch keineswegs zugleich immer Gewalt. In den auftretenden Nebenfiguren, von denen in der zeitlich auf etwa zwei Stunden Spielzeit konzentrierten Coburger Fassung einige zusammengefasst werden, will Straub einzelne, speziellere Aspekte der Macht hinterfragen: "Ein König allein auf einer Insel, hat der Macht?" Welche Rädchen funktionieren wie im Gesamtgerüst? Wer bleibt wie lange loyal? Welche Funktion hat Lady Macbeth? Und erst die Hexen!


Hexen aus der anderen Dimension

"Ja, wir lassen Hexen auftreten", lässt Straub die mythische Dimension Shakespeares durchaus zu. Allerdings will er sie nicht als entscheidende übergeordnete Instanz gelten lassen, sind sie doch völlig widersprüchlich, ja zynisch in ihren Weissagungen. "Sie werden ja wie eine Art Wunschbrunnen benutzt", meint Straub. Ob die Antworten auf die gestellten Fragen stimmen, weiß man nicht. Jeder macht damit, was er will. Die drei Hexen könnten auch drei Gaukler sein, auf die man hereinfällt. - Straub hat die Hexen für die Coburger Bühne mit Tänzern besetzt, die deren Text im Original über Band dazugeben.
Im Übrigen hat der Coburger Schauspielchef ja angekündigt, dass er in nächster Zeit verstärkt auf Shakespeare setzen will, die Königsdramen. "Die politische Situation verlangt das." Und um der höheren Erkenntnis wegen will er verstärkt auch die Kunst der Theatersprache pflegen. Die muss man sprechen können. - Und man muss sie hören können.


Das Stück "Macbeth" (englisch "The Tragedy of Macbeth") gehört zu den bekanntesten und wichtigsten Werken von William Shakespeare, verfasst um 1606. Die Tragödie beschreibt den Aufstieg des königlichen Heerführers Macbeth zum König von Schottland, seinen Wandel zum Tyrannen und seinen Fall. Shakespeare verknüpfte in seinem Drama geschichtliche Fakten über den historischen Schottenkönig Macbeth und den zeitgenössischen englischen König Jakob I. mit Aberglauben, Mythologie und Fiktion.

Die Produktion Landestheater Coburg: William Shakespeare "Macbeth. Aufstieg und Fall eines Tyrannen". Inszenierung Matthias Straub, Bühnenbild und Kostüme Gabriele Wasmuth, Choreografie Tara Yipp, Dramaturgie Carola von Gradulewski

Darsteller Niklaus Scheibli (Macbeth), Kerstin Hänel (Lady Macbeth), Thomas Straus (Duncan, König von Schottland), Benjamin Hübner (Malcolm, sein Sohn), Frederik Leberle (Banquo), Valentin Kleinschmidt (Macduff), Thomas Kaschel (Rosse), Solvejg Schomers (Fle ance, Banquos Sohn), Nils Liebscher (Seyton, ein Offizier), Stephan Mertl (ein Pförtner), Chih-Lin Chan, Joshua Limmer, Lauren Limmer/Takashi Yamamoto (drei Hexen)

Premiere Samstag, 2. Juni, 19.30 Uhr, im Großen Haus