Die Brose-Mitarbeiter, die in Prievidza (Slowakei) Sitze für Automobile fertigen, haben nur 25 Urlaubstage, elf Feiertage und sind im Durchschnitt an neun Tagen im Jahr krank. Ihre Coburger Kollegen haben 30 Urlaubstage, elf Feiertage, zwölf Ausgleichstage und im Schnitt 26 Krankheitstage.
Diese Zahlen wurden in der Betriebsversammlung am 23. Juli im Coburger Werk genannt, wo die mangelnde Wettbewerbsfähigkeit des Standorts das beherrschende Thema war. Zumindest in den Reden der Geschäftsführer Kurt Sauernheimer (Brose Gruppe), Sandro Scharlibbe (Sitzsysteme) und Werkleiter Jan Brauer. Das geht aus einer Mitteilung hervor, die Brose gestern veröffentlichte und die auch dem Tageblatt zuging. In Wuppertal habe man vor einigen Jahren schon Maßnahmen zur Kostensenkung ergriffen, in Hallstadt "sind wir in einem Veränderungsprozess, und nun ist akut Coburg betroffen", wird Sauernheimer zitiert.
Scharlibbe zufolge wird der Bereich Sitzsysteme im laufenden Jahr 100 Millionen Euro weniger umsetzen als im Jahr 2017. Über die Ursachen wurde nichts gesagt. Aber aus Branchenkreisen ist zu hören, dass in der Region einige Zulieferer von der Produktionsdrosselung bei VW betroffen sind, die ab dieser Woche greift.
Doch auch die erzielbaren Preise für die Sitzsysteme und Komponenten sinken. Effizienzverbesserungen würden durch Lohnsteigerungen aufgezehrt, heißt es in der Mitteilung. "Damit kann der Standort Entwicklungsleistungen und Investitionen nicht mehr selbst finanzieren. Die Fertigung in Coburg ist nicht mehr wettbewerbsfähig." Zwar werde versucht, durch Konstruktion, Standardisierung und Automatisierung Kosten zu senken, aber das reiche nicht aus. Deshalb sollen die Arbeitskosten gesenkt werden. Mit dem Betriebsrat sollen deshalb der Mitteilung zufolge Einsparungen vereinbart werden. Möglichkeiten sieht das Unternehmen bei der Reduzierung von Urlaubstagen, einer Verlängerung der Arbeitszeit, der Absenkung von Zulagen oder der Umstellung von Akkord- auf Prämienlohn.
Allerdings kann nicht alles mit dem Betriebsrat direkt vereinbart werden. Das Betriebsverfassungsgesetz sieht vor, dass Dinge, die in Tarifverträgen geregelt sind, wie Arbeitszeit und Zahl der Urlaubstage, auch von Tarifparteien geregelt werden und nicht von Betriebsräten, sagt der Coburger IG-Metall-Geschäftsführer Jürgen Apfel. Brose sei seit 2005 nicht mehr tarifgebunden.


Bescheidener Feiern

Gespart werden soll auch dadurch, dass das 100. Standortjubiläum im nächsten Jahr "deutlich bescheidener" gefeiert wird als bisher geplant. Aber die Vorgabe der Gesellschafter ist eindeutig: Bis zum Ende des Jahres "muss es verbindliche Vereinbarungen mit dem Betriebsrat beziehungsweise der Belegschaft geben. Der Standort Coburg muss zumindest seine Entwicklungskosten und die Investitionen finanzieren können", fordert Michael Stoschek, Vorsitzender der Gesellschafterversammlung des Familienunternehmens. Wenn dies durch eine Halbierung des Krankenstands und durch andere Maßnahmen erreicht werde, "geben wir die notwendigen Investitionen frei. Andernfalls beginnen wir mit der Verlagerung der Coburger Produktion voraussichtlich in unser Werk in Prievidza." Und: Geschäftsführung und Betriebsrat sollten Lösungen "ohne externe Einflüsse" finden.
Betriebsratsvorsitzender Seref Durek meldete sich am Donnerstagabend mit einer Stellungnahme: Die vorgelegten Zahlen zum Thema Krankheitstage würden derzeit gemeinsam analysiert. "Unsere Produktion läuft rund um die Uhr, und unsere Mitarbeiter haben einen hohen Leistungsgrad, hohes Engagement und den höchsten Erfahrungslevel in der Brose Gruppe mit Sitzprodukten", schreibt Durak. Deshalb sei es bislang gelungen, die Produktion in Coburg zu halten, "obwohl unsere Wettbewerber schon lange nicht mehr in Deutschland produzieren". Man wolle nun gemeinsam mit der Geschäftsführung Lösungen erarbeiten, um die Weiterführung der Produktion in Coburg zu garantieren. "Unsere Zielstellung ist es, tragbare Lösungen für unsere Mitarbeiter, die verständlich, annehmbar und transparent sind, zu erarbeiten. Hierzu müssen viele Kostenfaktoren des Betriebes auf den Prüfstand gestellt werden."