Was verbindet eigentlich Johannes Brahms und Claude Debussy? Die Frage drängt sich unwillkürlich auf beim Blick ins Programm, das der Konzertchor Coburg Sängerkranz für sein Jahreskonzert in St. Moriz ausgewählt hat. Dabei ist die Erklärung in diesem Fall eigentlich ganz einfach: die Harfe. Schließlich spielt die Harfe im "Deutschen Requiem" von Brahms in drei der sieben Sätze eine wichtige Rolle.


Debussy als Ergänzung



Weil das gut einstündige "Deutsche Requiem" gemeinhin nicht als abendfüllend betrachtet wird, stehen Dirigenten vor der Frage nach einer irgendwie passenden Ergänzung. Als Leiter des Konzertchors hat sich Kronachs Dekanatskantor Marius Popp für die "Dances sacrée et profane" von Claude Debussy entschieden - und damit dem vor 150 Jahren geborenen französischen Komponisten gleich noch einen Geburtstagsgruß spendiert.

Janina Frankenberger als Solistin



Diese zart instrumentierten Tänze, die im Jahr 1904 als Auftragswerk für den Musikinstrumentenhersteller Pleyel entstanden, bieten zudem für die aus Coburg stammende junge Harfenistin Janina Frankenberger die Gelegenheit, sich am Anfang des Konzerts als stilistisch einfühlsame, gestalterisch sensible Solistin zu präsentieren.


Bearbeitung für Kammerorchester



Das folgende Brahms-Requiem hat Coburg so ganz sicher noch nicht gehört. Mit so vielen vereinten Chören. Vor allem aber: mit einem derart kleinen Orchester. "Bearbeitung für Kammerensemble" verrät des umfangreich geratene Programmheft. Weniger als ein Dutzend Stimmen reichen Bearbeiter Joachim Linckelmann dabei, um den originalen Brahms-Orchesterklang ins Solistische auszudünnen. Ist es heute ein Sakrileg, Brahms mit einer derart radikalen Schlankheitskur in instrumentaler Hinsicht aufzuführen? Immerhin ließe sich die D-Dur-Serenade von Brahms als Beispiel dafür anführen, wie sich Orchester- und Kammermusik reizvoll begegnen können. Im Falle dieser Coburger Aufführung bietet diese Bearbeitung ganz praktisch betrachtet den Vorteil, dass die vereinten Chöre nirgends Mühe haben, sich gegen das Orchester allzu angestrengt behaupten zu müssen.


Bisweilen dominieren die Holzbläser



Wer das Brahms-Requiem in seiner originalen Gestalt gut im Ohr hat, wird natürlich in dieser Fassung gar manches Detail vermissen - und trotzdem den Geist des Werkes wiedererkennen können. Gegen das Problem einer manchmal allzu dichten Stimmführung bei Brahms muss der Dirigent in diesem Fall zumindest nicht kämpfen. Manchmal allerdings kann Marius Popp es nicht verhindern, dass sich die Holzbläser allzu nachdrücklich gegen das solistische Streichquintett in Szene setzen.


Überzeugende Vokalsolisten



Problemlos können sich die beiden Vokalsolisten in diesem Umfeld behaupten. Die Sopranistin Andrea Wurzer singt ihr Solo "Ihr hat nun Traurigkeit" mit schwebendem, leichtem Klang, prägnanter Artikulation und intensivem Ausdruck. Der Bariton Eric Fergusson wiederum gestaltet seine beiden Soli ("Herr, lehre doch mich", "Denn wir haben hier keine bleibende Statt") mit kraftvollem Nachdruck.



Vier Chöre beteiligt



Marius Popp hat sich bei dieser Aufführung des Brahms-Requiems die ehrgeizige Aufgabe gestellt, gleich vier vokale Klangkörper gestalterisch zu verbinden. Neben dem Konzertchor Coburg Sängerkranz und dem Dekanatschor Kronach wirken noch das Vokalensemble des Gymnasiums Alexandrinum und Mitglieder des Süddeutschen Ärztechores mit. Stilistisch trimmt Popp seine jederzeit sehr engagiert agierende Chorvereinigung auf einen gut singbaren Mittelweg. Seine Brahms-Deutung setzt auf moderate Tempi und insgesamt gut differenzierte Dynamik.

Lang anhaltende Stille


Auch im Ausdruck vertraut Popp auf Ausgewogenheit - differenziert im Gestus, aber nicht pathetisch aufgeladen. Die vereinten Chöre folgen Popps zumeist weit ausgreifender Gestik ebenso aufmerksam und konzentriert wie das Instrumentalensemble. Auch die heiklen polyfonen Passagen gelingen insgesamt zuverlässig. Der Lohn des Publikums: lang anhaltende Stille nach dem zart entschwebenden Schlusssatz "Selig sind die Toten, die in dem Herrn sterben" und schließlich ausdauernder Beifall.