Für neugierige Musikfans sind solche Abende wunderbare Entdeckungsreisen. Sie bieten die Chance, Werke zu hören, die selten oder fast nie auf den Programmen stehen, obwohl sie unbestreitbare Qualität besitzen - Werke, wie sie der Dirigent Hans Stähli für sein Konzert mit dem Orchester der Gesellschaft der Musikfreunde Neustadt ausgewählt hatte.


"Sinfonia alla turca"

Zum Auftakt: die 4. Sinfonie mit dem Beinamen "Sinfonia alla turca" von Andreas Romberg - ein melodisch einprägsames Werk, zeitlich zwischen Haydn, Beethoven und Schubert angesiedelt.


Einfühlsam interpretiert

Und schon hier dürften sich viele der Zuhörer in der sehr gut besuchten Mehrzweckhalle Heubischer Straße gefragt haben, warum diese Sinfonie so lange in Vergessenheit geraten war. Der nachhaltige Eindruck, den das viersätzige Werk hinterließ, lag natürlich auch an der stilistisch sehr einfühlsamen, detailgenauen Interpretation durch Hans Stähli. Unter seiner Leitung hat das Orchester der Musikfreunde Neustadt unüberhörbar eine bemerkenswerte Entwicklung genommen. Beeindruckend, wie konzentriert und engagiert der durch einige Profis ergänzte Klangkörper die klaren gestalterischen Impulse Stählis in Dynamik wie Ausdruck fein differenziert in Klang verwandelte.


Lebendiger Dialog

Beeindruckend dann auch die Begegnung mit Felix Mendelssohn Bartholdys Konzertarie "Infelice". Hier harmonierten die aus Coburg stammende, seit vielen Jahren in Zürich wirkende Geigerin Birgit Thorgerd Müller und die in Berlin lebende Sopranistin Andrea Chudak jederzeit ebenso harmonisch wie spannungsvoll. Der klar konturierte, schlanke und doch sehr tragfähige Geigenton und der schlanke, gleichwohl kraftvolle Sopran führten in dieser dramatisch bewegten Arie einen ungemein spannungsvollen Dialog. Unter Stählis umsichtiger Leitung gelang eine ausgesprochen expressive Deutung dieser Arie, deren szenischen Charakter Andrea Chudak sehr anschaulich entfaltete.


Musik zu Goethes "Egmont"

Nach der Pause zog dann Beethovens Schauspielmusik zu Goethes "Egmont" unwiderstehlich in Bann. Mit feinem Gespür für Spannungsbögen entfaltete das homogen und konzentriert agierende Orchester unter Stählis energischer Leitung die dramatische Wucht der Ouvertüre. Prägnant im Charakter erfasst waren auch die weiteren Sätze dieser Schauspielmusik, zusammen gehalten durch die von Werner Schwarz mit präzisem Pathos rezitierten verbindenden Texte.


Intensiver Ausdruck

Als Vokalsolistin gestaltete Andrea Chudak die Lieder Klärchens mit präziser Diktion, vorbildlicher Textverständlichkeit und intensivem Ausdruck. Wie ein Schauspiel auch ohne Szene durch die suggestive Kraft der Musik packend lebendig werden kann, erlebten die Zuhörer in Neustadt dank dieser spannungsvollen Interpretation auf beeindruckende Weise.
Verdienter Lohn für ein bemerkenswertes Konzert war der ausdauernde Beifall am Ende.



Rund um die Musikfreunde Neustadt und ihre Solisten



Geschichte Die Gesellschaft der Musikfreunde Neustadt wurde 1925 gegründet. Nach dem schwierigen Wiederbeginn nach Kriegsende begann 1952 die Ära von Rudolf Potyra als Chefdirigent des Orchesters. Bis in die 50er Jahre waren die Musikfreunde ein Orchester aus Neustadtern und für Neustadter. Nach dem Fall der innerdeutschen Grenze 1989 fanden auch Musikliebhaber aus Sonneberg den Weg in das Orchester. Nachfolger Potyras als Leiter wurde Rolf Otto. Seit April 2013 ist Hans Stähli, längjähriger ehemaliger Erster Kapellmeister des Landestheaters, Dirigent des Orchesters.



Andrea Chudak studierte an der Hochschule für Musik "Hanns Eisler" Berlin. Sie wurde mehrfach mit Preisen bei nationalen und internationalen Wettbewerben ausgezeichnet. Seit 2001 ist sie an den Opernhäusern in Karlsruhe, Kaiserslautern, Stuttgart, der Staatsoper Berlin und am Theater an der Wien als Solistin tätig. Konzertverpflichtungen im In- und Ausland ließen sie mit namhaften Orchestern zusammenarbeiten. Neben zahlreichen Engagements ist sie seit 2017 ständige Solistin bei den Dresdner Residenz-Konzerten. Sieben CD-Einspielungen dokumentieren ihr musikalisches Schaffen.

Birgit Thorgerd Müller Nach dem Abitur in Coburg studierte sie in München und Winterthur Geige. Von 1993 bis 1995 Mitglied im Radio-Sinfonie-Orchester Stuttgart, spielt sie seitdem im Orchester des Opernhauses Zürich. Konzertreisen führten sie zu den Salzburger Festspielen, in die Elbphilharmonie, nach Japan und in europäische Musikmetropolen. Solo- und Kammermusikkonzerte sowie Ur- und Erstaufführungen sind ihr ein besonderes Anliegen.

Werner Schwarz studierte Germanistik in Erlangen und trat 1983 in den Gymnasialen Schuldienst ein. In seiner Position als Studiendirektor für das Fach Deutsch führte er bei mehreren Theateraufführungen und Musicalproduktionen Regie. Im Jahr 2014 inszenierte er eine modern Fassung von Mozarts "Zauberflöte" am Arnold-Gymnasium. Nach der Rolle er Erzähler in Edvard Griegs "Peer Gynt" ist der Part als Sprecher in "Egmont" seine zweite Zusammenarbeit mit den Musikfreunden Neustadt.