Der Abend beginnt wie ein Spiel. Tango-Klänge schweben durch die Coburger Reithalle. Und während das Premierenpublikum langsam seine Plätze sucht, probieren die beiden Schauspieler Stephan Mertl und Helmut Jakobi scheinbar beiläufig die Requisiten für ihre Rollen als Estragon und Wladimir in "Warten auf Godot" aus.



Zwei abgetragene Anzüge, zwei zerknautschte helle Hüte, dazu zwei schwarze Stühle und eine weiß gestrichene Holzscheibe hoch droben über der Bühne als Mond, später noch einen Rollstuhl, einen Koffer, einen Picknickkorb und einen langen Strick - mehr braucht Gastregisseur Johannes Zametzer nicht, um Samuel Becketts Schauspiel auf die Bühne zu bringen.


"Warten auf Godot" hat schon die unterschiedlichsten Deutungen erlebt - ein Stück, das scheinbar fast alles zulässt, von der apokalyptischen Vision bis zur clownesken Groteske. Johannes Zametzer, erstmals als Regisseur zu Gast in Coburg, entscheidet sich dafür, dieses Schauspiel ganz bewusst in der Schwebe zu halten. Estragon und Wladimir, diese heimatlosen Gesellen ohne Habe und scheinbar ohne Herkunft - sind sie nun verzweifelt oder doch fast glücklich? Und ihr rätselhaftes Warten auf Godot, der einfach nicht kommen will - ist dieses Warten eine Verheißung oder eine Drohung?


Klug und einfühlsam führt Zametzer seine Anti-Helden Estragon und Wladimir. Zametzer lässt Stephan Mertl und Helmut Jakobi nicht nur mit Worten, sondern immer wieder auch mit sprechenden Blicken und Gesten spielen. In Zametzers Regie balancieren Mertl und Jakobi fast traumwandlerisch sicher auf dem schmalen Grat zwischen Groteske und Tragik, zwischen hintergründigem Slapstick und purem Nonsense.

Absurd und hintersinnig

Hinter ihrem Lachen lauert die Verzweiflung, völlig hoffnungslos sind sie dennoch nicht. Denn bevor die Hoffnungslosigkeit von ihnen Besitz ergreift, flüchten sie sich ins Spiel. Spielend vertreiben sie sich die Zeit, spielend vergessen sie ihre Heimatlosigkeit - spielend bewahren sie sich vor dem Sturz in den Abgrund der Verzweiflung. Sind Estragon und Wladimir nur durch die Macht der Gewohnheit aneinander gefesselt? Oder trägt nicht doch auch jeder bewusst Verantwortung für den jeweils anderen? Mertl und Jakobi spielen diese beiden Heimatlosen mit feinem Gespür für die heikle Balance zwischen lächerlich und anrührend.


Mit unsichtbaren Banden scheinen Estragon und Wladimir aneinander gefesselt. Buchstäblich ein dicker Strick dagegen verbindet den herrischen Pozzo (Nils Liebscher) und seinen Diener Lucky (Thomas Straus), den er wie einen dressierten Sklaven hält. In den beiden Auftritten von Pozzo und Lucky, von Liebscher und Straus mit scharfer Präzision gespielt, wird die Bühne der Reithalle fast zur Manege - zum Mittelpunkt eines absurden Circus‘.


Vielleicht ist das Leben ja doch nur ein Spiel - tragisch und komisch zugleich. Und die in die Welt geworfene Kreatur namens Mensch - ist sie von Geburt an unwiderruflich verflucht oder doch mit der Hoffnung auf Erlösung gesegnet?


In der Coburger Reithalle wird Becketts "Warten auf Godot" dank einer klugen Regie und dank großartiger schauspielerischer Leistungen zu einem packenden Theaterabend, der viele spannende Fragen stellt: absurd und hintersinnig, komisch und abgründig zugleich.



Darsteller und Termine



Darsteller Wladimir: Helmut Jakobi, Estragon: Stephan Mertl, Pozzo: Nils Liebscher
Lucky: Thomas Straus, Junge: Luiz Lorenz/Luca Schenk

Termine 2., 3., 4., 6., 18., 19. Oktober, 20 Uhr. - Vorverkauf Tageblatt-Geschäftsstelle (09561/888-125), Theaterkasse (0 95 61/89 89 89)