Die Familie hängt in der Bel Etage. An den Wänden rundum sind die Ahnen von Prinz Andreas versammelt, angefangen von Victoire, Herzogin von Kent, der Mutter von Queen Victoria, bis zu seinen Eltern. Die vierte Wand gehört Prinz Andreas und seiner Familie: Frau Carin, Sohn Hubertus mit Kelly, Tochter Stephanie, Sohn Alexander. "Das ist ein sehr intimes Bild", sagt Prinz Andreas, der im Tableau an den rechten Rand gerückt ist. "Ein Familienbild, kein offizielles." Die Herren tragen Sakko und Krawatte, die Damen Kleider und dezenten Schmuck.

Schon 2007 sprach Prinz An dreas davon, dass er ein solches Familienbild haben wollte. Damals schon saß er Christoph Wetzel Modell, der nun auch die Familie ins Bild setzte. Wetzel, der Menschenmaler: Prinz An dreas wollte keinen anderen für das Bild. Wetzel schuf das Bild in Coburg, im Dachgeschoss des Wohnhauses der Familie in der Elsässer Straße und wohnte auch einige Wochen dort.

"Er macht keine Skizzen, sondern malt gleich los", erzählt Prinz Andreas, der den gesamten Entstehungsprozess auf über 500 Fotos dokumentiert hat. Bilder eines Abbilds. Ein Bild - nachgerade eins von Wetzel - zeige mehr als ein Foto, sagt Prinz Andreas. "Kelly lacht auf Fotos immer." Hier schaut die Schwiegertochter ernst, genauso wie die übrigen Familienmitglieder, so, als würden sie aus dem Bild heraus die Welt ins Auge fassen.

Wer ist die Hauptperson? Hubertus und Kelly, die nächste Generation, bilden das Zentrum des Bildes. Doch Prinzessin Carin, die Mutter, wirkt noch präsenter. "So sähe sie aus, wäre sie gesund", sagt ihr Gemahl. Sein Abbild blickt dem Betrachter aufmerksam entgegen: Der Blick eines Mannes, der viel gesehen hat im Leben. Und der den Tod fast schon vor Augen hatte. Eine spät erkannte Blutvergiftung bedrohte sein Leben, und die Folgen machten ihm lange zu schaffen. An der einen oder anderen Stelle hat diese Erfahrung auch seinen Blick auf die Dinge verändert.

Geschäfte abgegeben

Vor fünf Jahren, als er das letzte Mal seinen Geburtstag mit einem öffentlichen Empfang feierte, war der Enkel des letzten Coburger Herzogs noch Leiter der Stiftungsverwaltung. In der Familienstiftung und in der Stiftung Herzoglicher Kunstbesitz sind die Vermögenswerte der Familie gebündelt. Die Geschäftsführung der Stiftungen hat Andreas im Jahr 2012 an seinen Sohn Hubertus abgegeben. Prinz Andreas, der es gewohnt war, zu entscheiden, kann nurmehr Vorschläge machen.

Funktioniert das mit Vater und Sohn gemeinsam im Geschäft? "Jeder hat seinen Platz gefunden", sagen beide unabhängig voneinander - so, wie sie beide unabhängig voneinander und zufällig am Tag des Gesprächs das gleiche Sakkomuster gewählt haben. Der Senior ist fürs Repräsentative zuständig, der Junior fürs operative Geschäft. "Mein Sohn macht es gut", sagt der Vater. "Aber er schaut auf die Zahlen."

Das hat Prinz Andreas, gelernter Kaufmann, ebenfalls getan. Aber er leistete sich auch Entscheidungen, die vom Bauchgefühl geprägt waren. Den Rückkauf des Forsthauses in Tabarz, zum Beispiel. Nach der Wiedervereinigung 1990 war es lange strittig, ob die Familienstiftung ihren Grundbesitz in Thüringen zurückerhalten würde. Während die Verhandlungen noch liefen, kaufte Prinz Andreas 2000 Hektar Wald als privaten Besitz und das frühere herzogliche Forsthaus in Tabarz gleich dazu, "obwohl es viel zu groß war". Doch dann kam die Einigung mit Thüringen, "wir bekamen unseren gesamten Besitz zurück, und dann hatten wir ein repräsentatives Haus als Zentrale".

Reserviertheit abgelegt

Die Thüringer hatten zu diesem Zeitpunkt längst ihre Reserviertheit vor dem Herzogs-Nachfahren abgelegt. Denn Prinz Andreas stand für pragmatische Lösungen - und für die Gründung der Stiftung Schloss Friedenstein, der die Museen in der ehemaligen Gothaer Residenz unterstellt sind. Dafür hat ihn die Stadt Gotha zum Ehrenbürger ernannt, ein Umstand, der ihn schmunzeln lässt: "Die Kommunisten haben meinen Großvater vertrieben, und ein sozialdemokratischer Oberbürgermeister macht mich zum Ehrenbürger..."

Vielleicht hat ihm geholfen, dass er fern der Stammlande aufgewachsen ist: Seine Mutter Gräfin Victoria-Luise zu Solms-Baruth ließ sich kurz nach Andreas Geburt von seinem Vater Prinz Friedrich-Josias scheiden. Sie heiratete den US-Offizier Captain Richard Whitten und zog mit ihm 1948 in die USA. Andreas besuchte zwar regelmäßig seinen leiblichen Vater und die Großmutter in Coburg. Endgültig nach Deutschland siedelte er aber erst um, als klar war, dass er als US-Bürger in den Vietnam-Krieg ziehen müsste. Prinz Andreas absolvierte seinen Dienst stattdessen bei der deutschen Bundeswehr.

"Ich bin Europäer geworden, und das muss man, um hier leben zu können." Erst nach der Geburt der beiden ersten Kinder Stephanie (1972) und Hubertus (1975) zog Andreas mit seiner Familie von Hamburg nach Coburg. In Hamburg hatte er seine spätere Frau Carin Dabelstein kennengelernt. "Wir wollten in Europa an einem Ort leben, wo Kinder in die Schule gehen können", sagt Prinz Andreas. "Als ich 1975 hierher kam, war Coburg beschaulich. Die Coburger hatten sich eingerichtet in ihrem Leben hinter der Grenze."

Rolle angenommen

Über die Rotarier fand der Neuankömmling Anschluss, als Mitglied des Stadtrats gewann er Einblicke, wie eine Stadt funktioniert. Über die Geschichte von Familie und Herzogtum fand Andreas Prinz von Sachsen-Coburg und Gotha zu seiner eigenen Rolle. "Herzog Ernst II. hat mich eingeholt." Mit dessen Liberalitas und Patriotismus konnte sich der Deutschamerikaner Prinz Andreas identifizieren. Ernst II. förderte im 19. Jahrhundert die deutsche Einheit und bürgerlich-demokratische Bestrebungen, so lange sie die Monarchie nicht grundsätzlich antasteten. Schon Ernst II. war Protektor des Deutschen Schützenbunds, der 1861 in Gotha gegründet wurde. Andreas führte diese Tradition fort.

Sein Vater Friedrich-Josias und sein Großvater, der letzte Herzog Carl-Eduard, taten sich schwerer mit solchen Dingen, meint ihr Nachfahr. Carl-Eduard, Enkel von Queen Victoria und ihrem Coburger Prinzgemahl Albert, war ursprünglich gar nicht für das Herzogtum Sachsen-Coburg und Gotha ausersehen. Der Engländer musste Deutscher werden - bis hin zu der Konsequenz, dass im Ersten Weltkrieg die Familienbande offiziell zerschnitten wurden. Dass Carl-Eduard nach dem Verlust der Herzogswürde bei den Nationalsozialisten heimisch wurde, gehört zu den Geschichtskapiteln, die sein Enkel gern noch aufarbeiten lassen würde.

Weil Card-Eduards ältester Sohn, Erbprinz Leopold, nicht standesgemäß heiraten wollte, weil der zweite Sohn, Prinz Hubertus, im Zweiten Weltkrieg fiel, wurde schließlich der jüngste Sohn, Friedrich-Josias, Chef des Hauses Sachsen-Coburg und Gotha. Er lebte am Ende mehr in Grein, dem österreichischen Besitz, als in Coburg.

1975 noch hatte Prinz Andreas in der Familienstiftung wenig zu melden. Bis 1997 hatte sie einen Generaldirektor; erst dann übernahm Prinz Andreas die Geschäftsführung selbst und strukturierte den Betrieb Stück um Stück um. Seine letzte Umstrukturierung betraf ihn selbst, als er die Geschäftsführung seinem Sohn Hubertus übergab.

Biograpie in Arbeit

Chef des Hauses und damit quasi auch Familienoberhaupt des belgischen Königshauses ist aber weiterhin der Senior. An einen beschaulichen Ruhestand scheint er nicht zu denken, auch, wenn er nach der überstandenen Erkrankung langsamer tritt und die geriatrische Reha-Abteilung des Coburger Klinikums in höchsten Tönen lobt: "Professor Kraft ist ein Segen für Coburg!"

Derzeit lässt er sein Leben in einem Buch aufarbeiten. "Ich will zeigen, was aus allem geworden ist - aber auch, dass man etwas dafür tun muss." Das gilt auch für das Bild, das der Nachwelt von ihm bleibt. Das repräsentative mit Hund, das auch auf Schloss Callenberg hängt, gefällt ihm jedenfalls nicht. Von Christoph Wetzel fühlt er sich besser getroffen.