"War meine Mutti nicht eine schöne Frau?", fragt Gabriele Tobisch-Gerlicher und blättert stolz in einem Album mit Fotos, die an der 500-Jahr-Feier des Goldenen Kreuzes 1977 aufgenommen wurden. Auf den meisten Bildern im Mittelpunkt: eine attraktive junge Frau mit langen dunkelbraunen Haaren. Kein Wunder, dass man in Coburg früher "zur Sonja" und nicht einfach nur "ins Goldene Kreuz" ging.
43 Jahre lang, von 1959 bis zum Februar 2002, stand Sonja Tobisch dort hinterm Tresen, hat jeden Spaß mitgemacht, hat sich die Sorgen und Nöte ihrer Gäste angehört, diskret Geheimnisse bewahrt, auch mal ein Gläschen mitgetrunken und auch mal ein wenig geflirtet, obwohl ihr Mann Günther nur ein paar Meter weiter in der Küche stand. Aber das mussten ihre zahlreichen Verehrer ja nicht unbedingt wissen. "Ich habe ihnen nicht erzählt, dass ich verheiratet bin", sagt Sonja Tobisch mit einem verschmitzten Lächeln.
Dass die passionierte Wirtin am heutigen Mittwoch 90 Jahre alt wird, mag man kaum glauben, wenn sie so vor einem sitzt und so lebendig von ihrer Zeit im Goldenen Kreuz erzählt. Die Erinnerungen an ihre Gäste und an die vielen Anekdoten jedenfalls sind präsent wie eh und je.
Für viele Coburger war das Goldene Kreuz wie ein zweites Wohnzimmer - vom Coburger Rotlichtmilieu bis zur Lokalprominenz, von der Stadtpolitik bis hin zur Kultur. Sie alle kamen "zur Sonja"; selbst die Kinder eines alteingesessenen Coburger Unternehmers: "Sie ließen sich von Mutti im Schrank verstecken, weil sie ihrem strengen Vater entgehen wollten", erinnert sich Gabriele Tobisch-Gerlicher schmunzelnd. Und, auch das hatte Tradition bei Sonja: Jeder Gast wurde mit Kosenamen angesprochen: Häschen, Mauseschwänzchen, Schnutzelchen...
Zu den Stammgästen gehörte auch die Belegschaft des Landestheaters. Premieren wurden "bei Sonja" gefeiert, die Ensemblemitglieder kehrten dort ein. Dazu fällt Sonja Tobisch gleich eine Geschichte ein: Die Ballettmädels fühlten sich einmal von einem älteren Gast bedrängt und baten die Wirtin um Hilfe. Die servierte dem aufdringlichen Gast statt eines Kräuterschnapses Worcestersauce. Kaum getrunken, glaubte er, er sei vergiftet worden und schrie laut nach den Sanitätern. Natürlich gingen auch die im Goldenen Kreuz ein und aus und fragten nur lapidar: "Was habt Ihr denn da wieder ausgeheckt?!"
"Wir hatten immer Spaß", sagt Sonja Tobisch. Genau deshalb seien die Leute so gern zu ihr gekommen. "Sie haben aus dem Goldenen Kreuz immer ein Erlebnis mitgenommen." Bei manchen wirke das sogar bis heute nach. "Wenn ich heute im Theater Gäste aus den 60er bis 80er Jahren treffe, höre ich oft: ,Das war die schönste Zeit‘." Und so empfindet es auch Sonja Tobisch. "Damals wurde einfach ganz anders gefeiert - egal, ob Fasching oder Pfingstkongress... das waren rauschende Feste. An Pfingsten hatten wir zig Bierbänke draußen stehen. Der Bierhahn ging praktisch von Freitagmittag bis Dienstagnachmittag nicht mehr zu." Klar sei dabei auch das ein oder andere zu Bruch gegangen, doch Sonja Tobisch sorgte immer vor: "Ich habe immer zu Pfingsten 1500 Gläser extra bestellt, mindestens 700 waren hinterher kaputt."


1959 noch schnell in den Westen

Sonja Tobisch ist am 8. November 1927 in Naumburg-Saale geboren. Nach der Schule besuchte sie die Handelsschule, war eine Zeit lang Sparkassen-Angestellte, arbeitete bei einem Rechtsanwalt und besuchte schließlich die Hotelfachschule. Dabei lernte sie ihren späteren Mann Günther kennen. "Wir haben einige Male zwischen Ost- und Westdeutschland hin und her gewechselt, bis wir schließlich im Westen sesshaft wurden." 1959 war das, und gerade noch rechtzeitig ehe der "Osten dicht gemacht wurde".
Sonja Tobischs Schwiegervater führte damals gerade das Residenzcafé in der Coburger Judengasse. Zur gleichen Zeit wurden für das Goldene Kreuz Wirtsleute gesucht, so übernahmen die Tobischs Coburgs ältestes Gasthaus - "ohne einen Cent in der Tasche", wie Sonja Tobisch erzählt. "Die Chancen standen 50 zu 50 - entweder es klappt oder es klappt nicht."
Von der Skepsis der Coburger Geschäftsleute ließen sich die jungen Wirtsleute nicht beirren: "Ich habe einfach die Kontakte vom Großvater genutzt und alles für das Gasthaus bestellt, was wir brauchten, Geschirr, Gläser." Die Bürgschaften übernahmen Bekannte.
"Anfangs habe ich praktisch rund um die Uhr gearbeitet", erzählt Sonja Tobisch. "Um 4 Uhr früh bin ich aufgestanden, um in Gastzimmer und Küche den Steinkohleofen anzuschüren." Mittwoch und Samstag kamen die Marktleute. "Da war es gerammelt voll. Früh um sechs haben die ersten ihren Kaffee bei uns getrunken, ich habe riesige Kannen gebrüht. Kaffeemaschinen hatten wir damals noch nicht. Jeder wollte etwas anderes. Das war eine harte Zeit."


Juristen gingen ein und aus

Die Polizei, die damals noch in der Rosengasse ihre Dienststelle hatte, ging im Goldenen Kreuz ein und aus - ebenso die Juristen. Im Stadthaus gleich nebenan war seinzerzeit das Gericht untergebracht. Staatsanwälte, Richter, Angeklagte - alle kamen ins Goldene Kreuz. "Die, die gewonnen hatten, haben sich betrunken, die die verloren hatten, ebenso."
1963 kauften die Tobischs das Goldene Kreuz. Zunächst suchten sie für die sechs Mietparteien im Haus eine neue Bleibe. Anschließend wandelten sie die Wohnungen in Fremdenzimmer um. "Wir haben da viel Geld reingesteckt." Duschen, Klos - die gab es bis dahin nur auf dem Gang. Was Sonja Tobisch bis heute auszeichnet, ist ihre Diskretion. "Vom Zuhälter bis zum Minister - jeder hat sich bei mir ausgeweint." Oft wurde sie um Rat gefragt, aber niemals habe sie jemandem verraten, was ihr anvertraut wurde, nicht einmal ihrem Mann oder ihren Kindern. "Meine Gäste haben mich geliebt, und ich habe meine Gäste geliebt."
2002, nach insgesamt über 50 Jahren hinterm Tresen und mit inzwischen 75 Jahren gab Sonja Tobisch ihren Beruf auf. "Es ist mir sehr schwer gefallen", gibt sie zu. Aber eine Knie-Operation habe ihr keine andere Wahl gelassen. Gleichzeitig war sie froh und dankbar, dass der Unternehmer Michael Stoschek das Goldene Kreuz übernahm, weiterführte und noch dazu aufwändig renovierte.
Mit dem Verkauf des Goldenen Kreuzes zog das Ehepaar Tobisch aus der Innenstadt nach Weidach. Auch das sei ihr schwer gefallen. "Weg vom Leben in der Innenstadt, wo jeden Tag jemand vorbeikam... hier war es so still."
Apropos still: An ihrem Geburtstag muss es für Sonja Tobisch ausnahmsweise nicht ganz so rauschend zugehen wie einst im Goldenen Kreuz. Sie feiert am Mittwoch, 8. November, im Kreise ihrer Familie.