Viel Geschichte in Coburg. Vieles aber wird in der herkömmlichen Zentrierung auf das Herzogtümliche um die beiden Ernsts gar nicht wahrgenommen. Die schwierige Zeit des Umbruchs um 1600 eröffnet sich uns in diesem Jahr anlässlich des 450. Geburtstages von Herzog Casimir. Noch viel weiter zurück geht es im Grabungsmuseum Kirchhof. Was? Wieso? Wo?

Viele wissen tatsächlich nichts von der Existenz dieser interessanten kleinen Einrichtung, weshalb das Kulturamt der Stadt den 20. Geburtstag am kommenden Sonntag zum Anlass nimmt, besonders einzuladen und das längst vergriffene Informationsblatt wieder aufzulegen: 13 Stufen ins 13. Jahrhundert. Die Treppe führt von der Unteren Anlage aus an der Rückseite des Ämtergebäudes hinab. Zum Geburtstag gibt's am Sonntag Schokolade für die Besucher.

Beim Bau des Ämtergebäudes stieß man 1988 südlich des zu diesem Zeitpunkt noch bestehenden Ratsschulen-Gebäudes östlich der Morizkirche auf dicke Grundmauern. Es waren die letzten Reste der Coburger Benediktiner-Propstei aus dem 13. Jahrhundert, von der aus die Saalfelder Mönche ihre in dieser Region liegenden Besitzungen verwalteten.

Richeza, die nicht unbedeutende, aus Saalfeld stammende polnische Königin, hatte 1056 (erste urkundliche Erwähnung "Koburks") im Streit um den Besitz ihrer Familie, der Ezzonen, einen Teil ihres Grundbesitzes um Coburg dem Kölner Erzbischof Anno II. übertragen. Womit er schließlich in die Verfügung des Benediktinerklosters Saalfeld kam.
Der Grundbesitz lag größtenteils in Ketschendorf, Cortendorf, Creidlitz, Lauter und Mirsdorf. Weiterer, eher verstreut liegender Besitz reichte von Lauter im Norden und Schney im Süden über Roth im Westen bis nach Firmelsdorf im Osten.

Eine eigenständige Verwaltung der Benediktiner erfolgte zunächst vom Festungsberg aus. Als Mitte des 13. Jahrhunderts die Henneberger den Festungsberg übernahmen, wurde die Probstei, also eine Art Verwaltungszentrum und Wirtschaftshof, in der Stadt gebaut. Im Laufe der nächsten Jahrhunderte entstand nun um die Morizkirche und diese Probstei herum, die zu einem umfangreichen Gebäudekomplex erweitert wurde, ein bedeutendes kirchliches und schulisches Zentrum. Um 1300 hatten die Benediktiner nämlich auch eine neue Klosterschule errichtet, die bereits einen Vorläufer, die "alte Schule" hatte.

Zahlreiche Skelette

Die unter dem damaligen 2. Bürgermeister Richard Dlouhy vorangetriebenen, von Reiner Wessels geleiteten Ausgrabungsarbeiten brachten so bedeutende Funde, dass der Stadtrat entschied, die Grundmauern der Probstei-Kapelle als Mu seum unter dem neuen Ämtergebäude zugänglich zu lassen. Ausgestellt sind hier nun auch Keramikfunde aus verschiedenen Jahrhunderten, darunter noch Drehscheibenware aus der Zeit um 1300, Knöpfe, Münzen, Spinnwirtel, schmiedeeisene Nägel, Murmeln und vieles mehr.

Schreibgriffel und ein eigenwillig geformter Spielewürfel aus dem 15./16. Jahrhundert erinnern an die lange Tradition dieses Schulstandortes. Das letzte, seit 150 Jahren bestehende Gebäude der alten Ratsschule wurde 1988 abgerissen, zum Teil per Hand abgetragen. Sie sollte in einem Freilichtmuseum bei Bad Brückenau wieder aufgebaut werden, was aber bis heute nicht geschehen ist.

Bei der Errichtung der Probstei im 13. Jahrhundert wurde ein Teil des hochmittelalterlichen Friedhofes, der bei der Morizkirche lag, überbaut. Während der Ausgrabungen von 1988 stieß man auf zahlreiche Skelette. Die hier Begrabenen waren größtenteils zwischen 25 und 35 Jahre alt. Nicht länger währte damals eine Lebensspanne. Die Menschen waren nicht größer als 1,45 bis 1,55 Meter und wiesen große Zahn- und Kieferschäden auf.
In einer der Vitrinen im Grabungsmuseum sind Schädelfragmente eines sechs- bis achtjährigen Mädchens zu sehen. Die Bronzeknöpfchen ihres Kopfschmuckes haben Verfärbungen im Knochen hinterlassen. Ein Schläfenring stammt aus karolingisch-ottonischer Zeit, aus dem 8./9. Jahrhundert, was auf eine Besiedelung in dieser Zeit im Innenstadtbereich Coburgs hinweist.

Grabungsmuseum Kirchhof Eingang über den Gehweg an der Unteren Anlage an der Rückseite des Ämtergebäudes. Geöffnet anlässlich des 20-jährigen Bestehens am kommenden Sonntag, 6. April, von 14 bis 16 Uhr, sonst von Mai bis Oktober jeweils Sonntag 14 bis 16 Uhr, sowie nach Vereinbarung mit dem Stadtarchiv von Montag bis Donnerstag von 8 bis 16 Uhr und freitags von 8 bis 12 Uhr, Telefon: 09561/891474. Eintritt 1 Euro, ermäßigt 0,50 Euro.