Ausgerechnet zum 100. Geburtstag von Brose in Coburg hat das Familienunternehmen mit ein paar Problemen zu kämpfen. Die Rahmenbedingungen auf dem Weltmarkt sind schwierig, speziell die Automobilbranche steht unter Druck und im Geschäftsjahr 2018 verzeichnete Brose - erstmals seit Menschengedenken - einen leichten Umsatzrückgang. Wie es wieder aufwärts geht? Vielleicht ja, indem man zunächst kurz abwärts geht. Genauer gesagt: in den Keller. Dort werden bei Brose mehr als 800 Produkte aufbewahrt, die in der langen Firmengeschichte schon produziert worden sind. Jedes Einzelne von ihnen kann eine Geschichte erzählen - und jedes Einzelne kann Mut machen.

"Wir greifen auf einhundert Jahre Brose-Kompetenz zurück", sagt Gregor Kröner, der Leiter Vorentwicklung Sitz in der Brose-Gruppe. Er, der sich aktuell sehr viele Gedanken rund ums autonome Fahren macht, ist immer wieder fasziniert, wenn er im Keller die Gegenstände betrachtet. Manche mögen aus heutiger Sicht aus der Zeit gefallen erscheinen - andere wiederum sind zwar alt, enthalten aber technische Erfindungen, die bis heute überdauert haben. Das Archiv steht somit sinnbildlich für die Freude am Fortschritt und auch für den Mut zu unternehmerischen Entscheidungen bei Brose.

Kuriose Kellergeschichten

Uwe Balder, der bei Brose als Unternehmensarchivar tätig ist, gerät ebenfalls ins Schwärmen: "Die Innovationssprünge in einhundert Jahren Brose sind einzigartig!" Immer wieder hätte Firmengründer Max Brose - und später auch sein Enkel Michael Stoschek - zur richtigen Zeit die richtigen Weichen gestellt. So erkannten Max Brose und sein Geschäftspartner Ernst Jühling in den frühen 1920er Jahren, dass dem Automobil die Zukunft gehören wird - und ließen sich dazu einiges einfallen: vom Wagenheber bis zum Vulkanisierer für Autoreifen. Später, Anfang der 1950er Jahre, reagierte Max Brose darauf, dass neue Verwaltungen aufgebaut wurden, die allesamt Schreibmaschinen brauchten - die Schreibmaschine vom Modell "Brosette" wurde bis 1959 fast 50000 mal verkauft. Es gab sie auch in Grün, speziell für Polizeidienststellen - und in Rot für Feuerwehren. Welche "Kellergeschichten" kann uns Uwe Balder noch erzählen?

Der erste Autoblinker

Wenn der Unternehmensarchivar sagt, dass der Automobilzulieferer in den vergangenen hundert Jahren "auch mal abgebogen" sei, dann denkt er an Produkte wie die "Brosette" oder auch an Bügeleisen, die Anfang der 1950er Jahre ebenfalls zum Portfolio gehörten. Passend zum Thema Abbiegen zeigt Balder aber auch stolz den Vorläufer des heutigen Autoblinkers: Auf den mechanischen "Klapp-Schiebe-Winker", den das Handelshaus Max Brose 1914/15 im Angebot hatte, folgte 1927 der elektrisch beleuchtete "Atlas-Winker", den die Brose-Konstrukteure weiterentwickelt hatten: Der Winker war mittels "Stellhebel am Führersitz" über einen Bodenzug bedienbar. Übrigens: Alle Brose-Produkte dieser Zeit firmierten unter dem Namen "Atlas" oder unter "Mabro" (für Max Brose).

Achtung, Kanister von oben!

Besonders gerne erzählt Uwe Balder die Geschichte vom 20-Liter-Einheitskanister aus dem Hause Brose. Denn: Dieses Produkt aus den 1930er und 1940er Jahren enthält gleich mehrere technische Raffinessen, die noch heute an fast allen Benzin- und Ölkanistern zu finden sind. So unterschieden sich die Brose-Kanister von anderen vor allem durch den Verschluss: Statt eines Schraubverschlusses, der sich bei Hitze leicht mal verzeihen kann, gab es einen Bajonettverschluss. Außerdem wurde in den Ausfüllstutzen ein Entlüftungsröhrchen integriert, das ein schnelleres Ausgießen ermöglichte. Um die Stabilität zu erhöhen, wurde eine Art großes "X" in beide Kanisterseiten gestanzt. Uwe Balder muss schmunzeln, wenn er dieses "X" heute sogar auf handelsüblichen Kanistern aus Kunststoff sieht. "Bei Kunststoffkanistern ergibt das gar keinen Sinn", sagt er, "aber das X ist offenbar ein Merkmal für Qualität." Apropos: Um zu beweisen, wie robust die Brose-Kanister sind, wurden sie regelmäßig - vor den Augen potenzieller Kunden - vom Dach des Produktionsgebäudes geworfen und durften dabei nicht kaputt gehen (was sie auch nicht taten!). Dieses Produktionsgebäude, der "Kanisterbau", beherbergt heute das Brose-Bistro und das Fitnessstudio. Ob man statt Hantelstemmen mal Kanisterwerfen als Übung einführen sollte?

Kochern mit Brose

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs lag die Nachfrage nach Automobilen brach. Um seine Maschinen auszulasten und seine Arbeiter zu beschäftigen, konzentrierte sich Brose auf die Fertigung von praktischen Gebrauchsgegenständen aus Metall. Brose gehörte zu den Unternehmen, die auf behördliche Weisung kostengünstige Kochherde, sogenannte "Sparherde", fertigten. Bis in die frühen 1950er Jahre wurden auch Stahlhelme zu Kochgeschirr und Gießkannen umgearbeitet.

Pilgern wegen Volvo

Natürlich finden sich im Brose-Archiv auch alle Vorläufer an elektrischen Fensterhebern und Sitzverstellungen. Und dann steht da im Regal auch eine Kopfstütze für Volvo. Sie erinnert nicht nur daran, dass bei Brose Mitte der 1970er Jahre eine Kunststoffschäumerei aufgebaut wurde, sondern auch an diese Geschichte: Als 1983 auf dem Automobilmarkt ein harter Preiskampf tobte, bemühte sich Brose sehr um einen Großauftrag bei Volvo. Der damalige Teamleiter versprach: "Wenn wir den Auftrag bekommen, pilgern wir nach Vierzehnheiligen!" Brose bekam den Auftrag, und wenig später marschierte eine 20-köpfige Brose-Gruppe von Coburg nach Staffelstein - und brachte eine 20-Kilo-Kerze in die Wallfahrtskirche. Kurios: Die Kerze war mit vielen kleinen Kopfstützen verziert.

Heute stellt Brose zwar keine Kopfstützen aus Polyurethan mehr her, doch in Coburg befindet sich die Kunststoffvorfertigung, die jährlich rund 300 Millionen Teile produziert und unter anderem an andere Sitz-Werke in der Brose-Gruppe liefert.

Die Kerninnovation ließ sich Max Brose 1926 patentieren

Als Kerninnovation in der Firmengeschichte gilt der Kurbelapparat, den sich Max Brose 1926 patentieren ließ. Damit konnten die Autofenster bequem gehoben und gesenkt werden. Durch den Einsatz einer Schlingfederbremse ließen sich die Fensterscheiben in jeder gewünschten Position halten. Ende der 1950er Jahre elektrifizierte Brose seine manuellen Fensterheber und bot diese zunächst als Nachrüst-Satz an. Erstmals serienmäßig verbaut wurde der elektrische Fensterheber von Brose 1963 im BMW 3200 CS, auch "Bertone" genannt.

Die Erfolgsgeschichte von Brose ging auch nach dem Tod des Firmengründers (1968) weiter. Tochter Gisela Brose überbrückte, bis Enkel Michael Stoschek seine Ausbildung beendet hatte und schließlich 1971 die Führung übernahm. Brose präsentierte 1977 auf der Internationalen Automobilausstellung eine elektrische Mehrwege-Sitzverstellung. Erstmals serienmäßig in Europa verbaut wurde die elektrische Sitzverstellung ab 1979 in der Mercedes S-Klasse.

Gegenwart

Heute ist Brose ein weltweit agierender Mechatronik-Spezialist mit rund 26000 Mitarbeitern an 62 Standorten in 23 Ländern. Unter Mechatronik versteht man das Zusammenwirken von Elektrotechnik, Mechanik sowie Informatik.

Geschichte

Die heutige Brose-Gruppe hat ihren Ursprung im Jahr 1908. Damals eröffnete Max Brose in Berlin ein Handelsgeschäft für Automobilzubehör. Nach dem Ersten Weltkrieg gründete er 1919 in Coburg zusammen mit Ernst Jühling das Metallwerk Max Brose. Somit wird in diesem Jahr "100 Jahre Brose in Coburg" gefeiert.