Eigentlich ist das Septemberfest der evangelischen Kirchengemeinde Haarbrücken-Ketschenbach-Thann ein fröhliches Fest. Nur heuer schwebte ein dickes Wehmutswölkchen über dem Festhimmel: Die Gläubigen nahmen Abschied von ihrer Pfarrerin Romina Englert, treffend zum diesjährigen Septemberfest-Motto: "Du hast die Wahl".

Zum 1. September hat Englert in Eschau (Dekanat Aschaffenburg) die Pfarrstelle übernommen. Am Dienstag zelebrierte sie in Haarbrücken noch ihren allerletzten Gottesdienst für die Erstklässler zum Schulanfang im Haus der Begegnung. Am 23. September (Sonntag) ist dann um 14 Uhr ihr Einführungsgottesdienst in der Epiphaniaskirche in Eschau. Das werden sich die Neustadter nicht nehmen lassen und werden dabei sein.

Beim Septemberfest 2015 herrschte in der Haarbrücker Kirchengemeinde große Freude, als Pfarrerin Englert (geb. Rieder) damals die Seelsorge übernahm. Vor drei Jahren lautete das Festmotto: "Gott spricht: Ich will Dich segnen und Du sollst ein Segen sein". Und Englert war hier ein großer Segen.

Länger geblieben als geplant

"Eigentlich wollte ich nur achtzehn Monate bleiben und dann als Dozentin wieder zurück an die Uni Erlangen gehen", sagte sie. Ihr Probedienst verdoppelte sich schlichtweg, was allen sehr guttat. "Der Dienst in dieser Gemeinde, das Miteinander mit den Menschen vor Ort und in der Region hat mir gleich viel Freude gemacht. Er wurde mir zum Segen". Das hat die Pfarrerin den Gläubigen auch so in den Gemeindebrief geschrieben.

Halt in der Gemeinschaft

In Eschau wird Englert Hausherrin eines stattlichen Gotteshauses. "Aber hier in Haarbrücken habe ich mich in den Raum ein bisschen verliebt, weil er so flexibel ist, und wie hier Gemeinde auch gelebt wird", ergänzte sie. Zudem habe sie ja auch die Erneuerungen in und an der Haarbrücker Kirche mitgetragen. "Hier ist man mehr in der Gemeinschaft und spürt diesen Halt auch und das ist sehr, sehr schön", fügte Englerts Mutter, die mit der Familie aus Nürnberg zu Gast war, hinzu.

"Ich werde viele gute Begegnungen mit ganz unterschiedlichen Menschen hier aus Haarbrücken mitnehmen, und die vielen Projekte, die wir gemeinsam angestoßen haben und die Erinnerungen, die geteilt wurden. Das war ja jetzt meine erste Stelle, das ist schon etwas ganz Besonderes und wird es auch immer bleiben, bleibt unvergessen", sagte Englert. Die Wärme dieser Kirchengemeinde habe es ihr hier leichtgemacht, und dafür sei sie sehr dankbar.

Doch das macht ihren Fortgang nicht wirklich süßer. Liebevoll und tränenreich war dann auch nachmittags der Abschiedsgottesdienst. "Lobe den Herrn, meine Seele und vergiss nicht, was er dir Gutes getan", dieses Predigtwort gehe ihr schon den ganzen Tag durch den Kopf, sagte die Pfarrerin am Altar. "Was für ein toller Tag heute. Und gleich drei Mal durfte ich heute Gottesdienst halten. Auf das Gute wollen wir zurückblicken, dass Gott uns geschenkt hat".

Prima Zusammenarbeit

Mit den vielen Ehrenamtlichen habe es ihr viel Spaß gemacht, neue Dinge, neue Projekte und neue Gottesdienstformen mit modernen Liedern auszuprobieren. "Viele sorgenvollen Fragen haben mich in den letzten Wochen erreicht". Wie es sein werde mit der Vakanz, mit den vielen schönen Gottesdiensten und was solle mit dem neuen Kirchenvorstand werden, wie solle alles ohne Pfarrer gehen? Englert: "Ich verabschiede mich schweren Herzens, ich war hier sehr gerne ihre Pfarrerin. Ich verabschiede mich jedoch sorgenfrei, weil ich weiß, die stehen hier zusammen, in Freud und Leid."

"Alle eure Sorge werft auf ihn, denn er sorgt für euch", dieser Wochenspruch sei gut für die kommende Zeit, sagte Dekan Stefan Kirchberger. "Ein guter Spruch, um Abschied zu nehmen, neu anzufangen und auch, um einen Abschied zu geben und die Vakanz-Zeit zu überbrücken. "Pfarrerin Englert ist eine Theologin, die die heilende und versöhnende Kraft des Glaubens unter uns groß gemacht hat. Wir verabschieden heute eine Pfarrerin, die in diesem Sinne Sorge für andere getragen hat", dankte der Dekan.

Klassenerhalt statt Champions League

"Laßt eure Pfarrerin in guten Gedanken ziehen und begleitet sie in eurem Gebet. Das Ziel einer Vakanz-Zeit ist nicht Champions League, sondern der Klassenerhalt. Hier ist ein guter Zusammenhalt und ihr könnt das. Ich weiß, wenn wir heute die Pfarrerin in der Gemeinde verabschieden müssen, sind wir ein bisschen traurig, aber nicht hoffnungslos. Alle eure Sorge laste auf ihm, denn er sorgt für euch", schenkte Dekan Kirchberger Mut. Diese Kirchengemeinde sei ein Teil ihrer Lebensgeschichte als Pfarrerin, mit der sie gelebt habe. In Eschau erwarten sie neue Aufgaben. "Dafür geben wir Sie frei", sagte der Dekan und segnete Romina Englert. Die Arbeit werde auf mehren Schultern verteilt, auch Pfarrerin Bettina-Maria Minth stehe bereit, diese Aufgaben zu übernehmen.

"Haarbrücker haben immer ganz besondere Pfarrer/innen", meinte zweite Bürgermeisterin Elke Protzmann (CSU) und danke im Namen der Stadt Neustadt. "Sie haben sicherlich hier Spuren hinterlassen. Wir wissen es zu schätzen, was wir bekommen und wen wir verlieren" dankte Protzmann.

Die Kandidaten

Am 21. Oktober sind Kirchenvorstandswahlen. Beim Septemberfest stellten sich die zehn Kandidaten vor, die ihre Kraft und Zeit für die Lebendigkeit samt ihren Aufgaben für ihre Kirchengemeinde bereitstellen wollen: Matthias Fischer (Neustadt), Gabriele Hantke (Rödental), Claudia Hartmann (Neustadt), Christian Kathan (Haarbrücken), Kerstin Klaußner (Haarbrücken), Heico Lauzening (Haarbrücken), Gisela Schieber (Haarbrücken), Ann Schmidt (Ketschenbach), Carola Seifert (Ketschenbach), Sylvia Wittmann (Haarbrücken).

Und das sagen die Gläubigen

Anni Matuschek (Haarbrücken): "Ihre Aufgeschlossenheit für alles und alles Neue, so bleibt uns unsere Pfarrerin in schöner Erinnerung, egal ob für die Kinder oder für uns alte Leute. Alle zwei Wochen hatte sie den Seniorenkreis organisiert, das war mit ihr immer sehr schön, wir sind so gern gekommen".

Uwe Sauerbrey (Ketschenbach): "Unsere sympathische Pfarrerin hinterlässt große Fußspuren und die müssen erst einmal gefüllt werden. Sie war auf jeden zugegangen und hat es mit jedem gekonnt".

Elly Luthardt (Thann): "Wirklich sehr schade, dass die Frau Pfarrer fortgeht. Wir haben so viel Schönes mit ihr erlebt, ihre sehr schöne Hochzeitsfeier haben wir alle mit ihr zusammengemacht, sie hat mit unserer Gemeinde gefeiert, sehr schade. Aber wir werden nur Gutes von ihr in Erinnerung behalten"