Adel, Klerus, Bauern - diese drei Stände prägen die Welt. So wurde es zu Beginn des 16. Jahrhunderts zwar noch verkündet, doch die Welt hatte sich weitergedreht. Reiche Händler, die frühen Kapitalisten, unterminierten mit ihren Aktivitäten absichtlich oder unabsichtlich die alte Ordnung. Zu sehen ist das im zweiten Abschnitt der Landesausstellung 2017. "Ritter, Bauern, Lutheraner" erzählt im 500. Jahr der Reformation auch über Religion und Martin Luther, doch sie greift weit über diese Themen hinaus.

Wer die Darstellung der Fugger und ihrer - damals - weltumspannenden Aktivitäten erreicht hat, ist schon ein gutes Stück auf diesem kostbar gerahmten Weg durch die Geschichte gegangen, vorbeigekommen an betenden Klerikern, einer Armillarsphäre, in der die Planeten die Erde umkreisen, hat erfahren, wie das Dorf Aschau gesellschaftlich aufgebaut war und wie man sich das Leben auf dem Augsburger Marktplatz zu Beginn des 16. Jahrhunderts vorstellen kann.

Die Zünfte regulieren das Handwerk - aber die Händler lassen Stücke auf Auftrag und in Lohnarbeit fertigen, sie halten Anteile an den Erz- und Silberminen, sie finanzieren mit ihren Krediten den Kaiser. Die Bauern sind meist arm und stöhnen unter ihrer Abgabenlast, die Kirchen versprechen Seelenheil gegen Geld, und in all das platzt ein Wittenberger Professor namens Martin Luther mit seinen Thesen zum Ablass.

Stimmig hat Ausstellungsgestalter Friedrich Pürstinger das inszeniert, denn die Raumfolge in der Veste Coburg stellt einige Anforderungen sowohl an die Macher als auch an die Besucher der Ausstellung. Der Durchgangsraum, wo es losgeht, zeigt das Weltbild (dass Coburg auf einer Karte im Mittelpunkt dieser Welt steht, mag für die Residenzler nur angemessen erscheinen), in der "alten Küche" ist die Gegenwart des beginnenden 16. Jahrhunderts dargestellt: Das Leben auf dem Land und in der Stadt, das Streben nach Seelenheil. Am Ausgang blickt Luther durch einen Spalt im Tor, wo (neuzeitliche) Reißzwecken und Klammern von abgerissenen Plakaten zeugen, eine Anspielung auf den angeblichen "Thesenanschlag". Die lateinischen Thesen hatten bei weitem nicht die Reichweite wie der einige Monate später publizierte Übersetzung: Der "Sermon von Ablass und Gnade" wurde Luthers erster Bestseller.

Über eine Wendeltreppe geht es hinauf in die Große Hofstube des Fürstenbaus. Hier musste die Dauerausstellung der Kunstsammlungen vorübergehend weichen - aber nicht ganz: Ausstellungskurator Peter Wolf vom Haus der Bayerischen Geschichte nutzt bewusst, was vorhanden ist. Totentanz und Humanismus, dazwischen der Niedergang des Rittertums: Viele der Stücke stammen aus Coburg, sei es aus den Kunstsammlungen, der Landesbibliothek, dem Staatsarchiv oder dem Stadtarchiv. Nur mit den katholischen Artefakten haben es die Coburger nicht so.

Auch die Veste selbst ist Teil der Ausstellung. Hier lebte Luther während des Augsburger Reichstags 1530, konnte nur schreibend Kontakt halten zu seiner Delegation. Wie er schrieb und schrieb und schrieb, ist in den Lutherzimmern an einer großen Glaswand zu erleben: Während die Schrift erscheint, kratzt ein Stift, ein Mensch atmet. Dafür muss man freilich einen ruhigen Moment in dieser Ausstellung erwischen, die 100 000 Besucher erwartet.
Der große stimmige Erzählbogen, der sich durch den Fürstenbau spannt, endet in einem Durchgangsraum, wo es um Flugschriften und Kampflieder geht, die medialen Mittel des 16. Jahrhunderts. Fake-News und Diffamierungen gibt es nicht erst seit Twitter, Facebook und Co.

Die losfliegenden Flugblätter markieren auch den Übergang zu Ausstellungs-Kurzgeschichten, die zwar miteinander zusammenhängen, aber kein komplettes Bild ergeben. Wo gilt welche Religion und warum, was hatten Religion und weltliche Macht miteinander zu tun? Der Schmalkaldische Bund und die Grumbachschen Händel, die Religionswechsel in der Oberpfalz und München als Hort des Katholizismus: Das alles wird kurz und prägnant gezeigt; schiefe Türstöcke symbolisieren, dass da vieles nicht so festgefügt ist, wie es scheinen soll.

Der Weg hinunter ins Erdgeschoss ist ein Zeitsprung: Am Ende geht es um die Veste als Lutherstätte im 19. und 20. Jahrhundert, um die Verehrung und Vereinnahmung des Reformators, sei es vom Haus Sachsen-Coburg und Gotha oder von den Nationalsozialisten.

Am Ende wagen Wolf und Pürstinger wieder einen großen Sprung: Bevor sie die Besucher nach draußen in den Museumsshop entlassen, geht es um die "Freiheit". Für Luther konnte der Christenmensch nur im Himmel Freiheit erlangen, sei er doch auf Erden niemandem und gleichzeitig jedermann untertan. Von Freiheit konnten viele Bewohner des Landes 1530 nur träumen - und wenn, meinten sie vermutlich Freiheit von Hunger, Angst und Not.

Freiheit heute meint vielerlei, wie im letzten Raum zu sehen ist: Die auf den Boden projizierten Zitate reichen von der amerikanischen Verfassung über Heinrich Heine bis zum Werbespruch "Die Freiheit nehm' ich mir!" Je mehr Menschen im Raum stehen, desto mehr Freiheits-Sprüche werden an der Wand sichtbar. Freiheit verlangt nach vielen.