Vorbei. Und dann wieder auch nicht. Denn ob man im einzelnen berührt wurde oder nicht, ob man sich gar mal geärgert hat - auch die 14. Coburger Literaturtage wirken nach, gerade weil sie herausfordernd waren, mit Ulrich Eberls Roboterzukunft, mit Peter Stamms Orientierungs-Unwillen, mit politischem Diskurs. Der Roman-Marathon in der wieder bis auf den allerletzten Platz gefüllten Reithalle brachte uns dann abschließend - zu uns selbst, machte uns drei Aspekte unseres gegenwärtigen gesellschaftlichen Zustands bewusst, wie es eben nur Literatur und Poesie können.

Klaus Böldl vertrat mit seinem Roman "Der Atem der Vögel" (siehe auch Tageblatt-Rezension vom 19. April) die ja nicht grundlos so intensive Suche vieler nach Einswerden mit der Welt, Entlastung vom überbewerteten Ich, das dem Sein im Wege steht. Philipps Verschwinden in dieser unglaublichen nordischen Landschaft der Färöer Inseln wird in Bölds Vergegenwärtigung zum beruhigenden Balsam auf unseren gehetzten Seelen. Ganz im Gegensatz dazu dann mitten hinein in den größten angstmachenden Konflikt der Gegenwart, das Aufeinandertreffen von westlicher und nahöstlicher Kultur:

Mit ihrem Debütroman "Weil wir längst woanders sind" führt Rasha Khayat auf sehr spannend erzählte Art zwischen deutsche und arabische Lebensweise. 1978 in Dortmund geboren, dann zehn Jahre in Jeddah aufgewachsen, bevor die Familie zurück nach Deutschland kam, führt Khayat in die Zerrissenheit der "Halblinge". Die Geschwister Layla und Basil, tief verbunden miteinander, gehen einen widersprüchlichen Weg.

Der Leser folgt Basil nach Jeddah, wo er nach über zwanzig Jahren wieder auf den arabischen Teil seiner Familie trifft. Denn die in Deutschland zur unabhängigen jungen Frau erzogene Layla heiratet einen Mann in ihrer alten Heimat, wo die Frauen nicht einmal Auto fahren dürfen.

Doch wie wir in Rasha Khayats Roman diese arabische Lebenswelt und unsere Selbstgefälligkeit erfahren, wie Männer und Frauen dort sind, das ist durchaus geeignet, unsere gar zu sichere Selbstgewissheit zu stören. Wobei es Khayat nicht darum geht, die arabische Welt zu verteidigen. Was sie feststellt ist, dass Layla (wie sie selbst auch) in Deutschland ihr Anderssein ständig rechtfertigen muss, in Arabien nicht.


Ein seltsam trockener Humor

Und ganz merkwürdig wird es mit Paula Fürstenbergs Geschichte "Familie der geflügelten Tiger". In Potsdam aufgewachsen in der NichtmehrDDR, gräbt sie mit ihrer Hauptfigur Johanna zurück, geht auf der Suche nach dem kurz vor der Wende verschwundenen und nicht mehr aufgetauchten Vater Jens, der sich jetzt plötzlich doch meldet, den Spuren der DDR in Berlin und in den Menschen nach.

Der Mauerfall, der uns doch alle gerade überrascht hat, ist plötzlich so lange her; eine neue Generation ist herangewachsen. Was ist mit ihr entstanden zwischen Nicht-Vergangenheit und Gegenwart? Mit trockenem Humor, einem Fatalismus, "von dem ich nicht sagen kann, woher er kommt", so Paula Fürstenberg selbst, und verblüffenden Bildern blicken wir nun wiederum auf unsere Gegenwart, nicht wenig irritiert. Was ist denn da aus uns geworden?

Was bei allen Literaten dieser Literaturtage in den anschließenden Gesprächen hervorkam: Sie können nicht sagen, woher ihre Geschichten im Innersten kommen, wie sie dazu kommen, von den Äußerlichkeiten mal abgesehen. Sicher, Schreiben ist auch eine Technik, die erlernt wird. Doch dann, wo und wie der Geist zuschlägt - entzieht sich unserer Berechnung und Einsicht.

Klaus Böldl. Der Atem der Vögel. Roman. S. Fischer Verlag Frankfurt am Main, 140 Seiten, 18 Euro

Rasha Khayat: Weil wir längst woanders sind. Roman. DuMont Verlag Köln, 192 Seiten, 19,99 Euro

Paula Fürstenberg: Familie der geflügelten Tiger. Roman. Kiepenheuer&Witsch Köln, 240 Seiten, 18,99 Euro