Die Neuinszenierung von "Lakmé" ist die vierte Produktion, die Francois de Carpentries als Gastregisseur am Landestheater Coburg gestaltet. Das Werk feiert am Sonntag (18 Uhr) Premiere.

Die Oper "Lakmé" ist in Frankreich ein Repertoire-Stück, in Deutschland aber eine Rarität auf den Spielplänen. Wie erklären Sie sich das?
Francois de Carpentries: Die Uraufführung 1883 war ein riesiger Erfolg, seither steht "Lakmé" ständig auf den Spielplänen in Frankreich und Großbritannien. Das Werk ist Delibes' Antwort auf Richard Wagner, der in Paris nach ersten Misserfolgen schließlich gefeiert wurde. Wie auch Massenet beschritt Delibes einen anderen musikalischen Weg, obwohl er großer Wagner-Verehrer war. Für mich ist "Lakmé" eine Perle der Musikgeschichte.

Äußerlich betrachtet ist "Lakmé" ein Beispiel für den Exotismus auf der Opernbühne am Ende des 19. Jahrhunderts - wie auch zum Beispiel "Die Perlenfischer" von Bizet oder Puccinis "Madama Butterfly". Welche Rolle spielt das exotische Kolorit für Ihre Inszenierung?
Das Verständnis der Exotik bei Delibes geht nicht ohne Blick auf seine Biografie. Er war Chorleiter, Pianist, Dirigent und Komponist und bis 1883 vor allem durch die Ballette "Coppélia" und "Sylvia" bekannt. "Lakmé" ist auf dem Zenit seiner Karriere entstanden. Mit dieser Oper will Delibes das "ganz große" Werk schaffen, den ganz großen Erfolg haben, obwohl er in Frankreich schon sehr berühmt ist. All seine Fähigkeiten will er in dieser Oper vereinigen und sieht sie im Exotismus am besten geeint.
Es ist schwer, den Exotismus aus "Lakmé" herauszuhalten. In meiner Lesart spielt "Lakmé" etwa 1950. Im Jahr 1947 wird Britisch-Indien unabhängig und die beiden Staaten Indien und Pakistan werden gegründet. Mit dieser Teilung Südasiens beginnt eine gewaltige Massenflucht, Millionen von Menschen verlieren ihre Heimat: Muslime flüchten nach Pakistan, Hindus und Sikhs wandern nach Indien aus. So gesehen ergibt sich ein sehr aktueller Bezug: Menschen auf der Suche nach neuer Heimat und die Frage: Wie geht man mit Fremdheit um?

Wo ist Ihnen "Lakmé" zum ersten Mal begegnet?
Nicht auf der Bühne, lediglich als CD in der Einspielung von Michel Plasson. Das war eine gute Vorbereitung auf meine erste eigene Inszenierung dieser Oper 2004 an der Opéra de Rennes.

Was ist aus Ihrer Sicht das zentrale Thema dieser Oper?
Der Kampf unendliche Liebe gegen blinden Hass. Lakmé will aus der Kastengesellschaft ausbrechen und eine "westliche" Liebe leben, ihr Vater Nilakantha will dies auf jeden Fall verhindern. Der historische Bezug ist folgender: Die Thuggeen, welche die Göttin Kali (Hindu-Göttin des Todes und Wahrerin der kosmischen Dreieinigkeit von Schöpfung, Leben und Vergehen) verehren, verstanden sich im 19. Jahrhundert als Bewahrer der göttlichen Ordnung und lehnten alles Fremde ab. So wurden sie eine "Sekte" von Serienkillern, deren Aggression sich gegen reiche Muslime und später die englischen Kolonialherren richtete.

Was reizt Sie an diesem Werk besonders?
Die Widersprüche zwischen Schönheit und Brutalität. Die Musik schwelgt, ist wunderschön, die Handlung dagegen oft unglaublich aggressiv und blutrünstig. Beispielsweise singt Nilakantha eine der schönsten Arien, die je für einen Bassbariton geschrieben wurden, gleichzeitig spricht der Text von Mord und Totschlag.

Wo liegt die Herausforderung bei diesem Werk?
Eine heutige Fragestellung an diese Oper zu finden. Der Spagat zwischen dem Verständnis für die Handelnden und deren Fanatismus und unseren heutigen Wertevorstellungen. Diese Vermischung ist nirgends so stark wie in dieser Oper in der Musikgeschichte zu finden.

Das populärste Stück der Partitur ist das sogenannte "Blumen-Du ett", das in vielen Filmmusik-Partituren sowie in der Werbung Verwendung fand. Wie gehen Sie mit dieser Popularität um?
Das Blumen-Duett ist nur ein Teil der Geschichte, auf die diese Oper mit ihren vielen Ohrwürmern zu oft reduziert wird. Da gibt es noch die "Glockenarie" des Koloratursoprans oder die schon erwähnte Arie des Nilakantha. Durch die Werbung kennen die meisten Musikliebhaber nur das Blumenduett. Im Grunde ist es wie mit Joe E. Brown und Jack Lemon in "Manche mögen"s heiß". Jeder erinnert sich an den letzten Dialog, in dem Lemon im Motorboot sagt: "Ich bin keine Frau" und Joe E Brown antwortet: "Nobody is perfect". Aber wer kann schon den ganzen Film nacherzählen?

Die Fragen stellte Jochen Berger.

Premieren-Tipp Léo Delibes "Lakmé" - Sonntag, 8. Mai, 18 Uhr, Landestheater Coburg. - Weitere Aufführungen: 13., 20. Mai, 19.30 Uhr, 22. Mai, 18 Uhr, 26. Mai, 2., 11., 22., 29. Juni, 12. Juli, 19.30 Uhr

Francois De Carpentries inszenierte in Coburg bereits sehr erfolgreich die Strauß-Operette "Eine Nacht in Venedig" (2010), Leo Falls "Madame Pompadour" (2012) und Franz Lehárs "Lustige Witwe" (2014). Als Sohn einer Journalistin und eines Kaufmanns geboren, zog es ihn früh zur Bühne. In Brüssel ließ er sich zum Pianisten ausbilden, entschied dann aber, "eine Weile ohne Klassik" leben zu wollen. So wurde er Schauspieler und begann parallel dazu, erste eigene Theaterstücke zu schreiben. Dann lockten Regieassistenzen am Brüsseler Opernhaus. Regisseure wie Bob Wilson, Peter Stein oder Willi Decker versicherten sich seiner Mitarbeit. Der Brüsseler Oper blieb er auch nach seinen Assistenzjahren treu. Zudem führte er schon an vielen wichtigen Opernhäusern auf der ganzen Welt Regie.

Produktionsteam
Musikalische Leitung: Alexander Merzyn; Inszenierung: François De Carpentries;
Bühnenbild: Andreas Becker; Kostüme: Karine van Hercke; Choreografie: Daniel Cimpean;
Dramaturgie: Renate Liedtke;
Choreinstudierung: Lorenzo Da Rio