Es geht nicht um Schuld. "Nur durch Erinnern ist Trauer möglich, und das ist der erste Schritt zur Befreiung", sagt Rupert Appeltshauser, Vorsitzender der Initiative Stadtmuseum. Wenn die Arbeitsgemeinschaft Lebendige Erinnerungskultur im November düstere Tage aus der Coburger Vergangenheit ins Blickfeld rückt, dann, um "die Chance auf ein Anders" zu ergreifen. Denn es soll sich nicht wiederholen, was in der Nacht des 9. November 1938 (nicht nur) in Coburg geschah oder am 27. November 1941.

1938, in der so genannten "Reichskristallnacht", demolierten die Nazis die Geschäfte und Wohnungen jüdischer Bürger und brannten Synagogen nieder. 1941 wurden 26 Coburger Bürger aus ihren Häusern geholt, durch die Stadt zum Bahnhof geführt und nach Riga deportiert. "Ihr einziges ,Verbrechen‘ bestand darin, dass sie Juden waren", sagt Dieter Stößlein vom Evangelischen Bildungswerk (EBW), mit hörbaren Anführungsstrichen am Wort "Verbrechen".

"Es ist für mich ein schwarzer Tag in der Stadtgeschichte, dass eine Zivilgesellschaft es zugelassen hat, dass die Leute durch die Stadt getrieben wurden", sagt Stößlein. Wobei die Deportation nur der traurige Höhepunkt war nach über zehn Jahren des Schikanierens jüdischer Bürger. Denn das ging in Coburg schon los, bevor die Nazis deutschlandweit an die Macht kamen.


Nicht nur die schlechten Zeiten

Auch deshalb widmet sich der die Arbeitsgemeinschaft ausführlich diesen Ereignissen. Der Gedenkmarsch am morgigen Mittwoch nimmt unter anderem die Familie Baumwollspinner in den Blick, die in der Judengasse lebte. "Hier zeigt sich beispielhaft die ganze Schäbigkeit des Systems", sagt Rupert Appeltshauser. Die Familie hatte ein Textilgeschäft, das in der Pogromnacht zerstört wurde. Schon zuvor hatte der Laden kaum mehr etwas abgeworfen, da die Nazis zum Boykott jüdischer Händler aufgerufen hatten. Auch der Versuch, die Räume zu vermieten, scheiterte. Aber ein Wandergewerbeschein wurde Wolf Baumwollspinner auch nicht genehmigt, obwohl er ihn formgerecht beantragte. Am Schluss, sagt Appeltshauser, hatte die Familie auch nicht das Geld, um sich gefälschte Pässe oder Tickets für eine Flucht zu organisieren. Wolf, Frieda und Hermann Baumwollspinner wurden deportiert.

"Es ist wichtig, dass man solche Dinge regelmäßig macht, um eine Kultur des Erinnerns aufzubauen", meint Stößlein. Die Arbeitsgemeinschaft Erinnerungskultur will aber nicht nur auf schlimme Ereignisse hinweisen. Auch die guten Tage, zum Beispiel die ersten demokratischen Wahlen in Coburg am 26. Mai 1946, sind der AG eine Veranstaltung wert, wie am 22. Juni dieses Jahres. Zur AG gehören unter anderem das Netzwerk "Wir sind bunt - Demokratie leben", Gewerkschaften und Privatpersonen.

Dass sich die AG gebildet hat, ist für Appeltshauser auch ein Beleg dafür, dass Interesse vorhanden ist, sich mit der Stadtgeschichte auseinanderzusetzen. Das schaffe auch ein Forum für die Initiative Stadtmuseum, die immer wieder Vorträge oder Ausstellungen organisiert, wie derzeit zum Ersten Weltkrieg (zu sehen im Staatsarchiv). Denn einen festen Ort, wo Stadtgeschichte dauerhaft präsentiert werden kann, gibt es trotz aller Bemühungen der Initiative nicht.

Ausdrücklich begrüßt werde die Absicht der Stadt, die Geschichte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wissenschaftlich aufarbeiten zu lassen, sagt Appeltshauser. Den Auftrag hat das Institut für Zeitgeschichte erhalten. Doch Recherche und Veröffentlichung der Ergebnisse sei das eine. Bei der Vermittlung der Ergebnisse könne das Netzwerk "einen guten und wichtigen Beitrag leisten", ist Appeltshauser überzeugt.


Die Veranstaltungen

Gedenkweg "Geschäftsboykott und Arisierung": Stationen sind Häuser Coburger Juden, die am 9. November 1938 angegriffen wurden. Mittwoch, 9. November, 17 Uhr, Treffpunkt Marktplatz.

Konzert Zum Gedenken an die Pogromnacht, mit dem israelischen Komponisten Isaak Tavior, Barbara Baier und Mitgliedern des Zamir-Chors Bayreuth, in Zusammenarbeit mit dem Fränkischen Sängerbund. Eintritt 12 Euro (ermäßigt 5 Euro). Mittwoch, 9. November, 19.30 Uhr, Haus Contakt (Untere Realschulstraße 3).

Vortrag "Wegbereiter der Machtergreifung und des Widerstands: Bayerns Protestantismus und der Nationalsozialismus am Beispiel Coburgs". Pfarrer Helmuth Johnsen in Gauerstadt war in den 1920er Jahren einer der Wegbereiter des Antisemitismus, Pfarrer Werner Pürckhauser (Meeder) wurde als Mitglied der Bekennenden Kirche von den Nazis drangsaliert. Über dieses Spannungsfeld spricht Kirchenrat Björn Mensing, Beauftragter für Gedenkstättenarbeit in Bayern. Eintritt 5 Euro (ermäßigt 3 Euro, frei für Schüler, Studenten, Erwerbslose). Montag, 14. November, 20 Uhr, Haus Contakt.

Schweigemarsch Gedenken an die Deportation jüdischer Bürger aus Coburg am 27. November 1941. Verlesen werden die Namen der Deportierten sowie Texte jüdischer und verfolgter Künstler und Orgelmeditationen mit Peter Stenglein. Montag, 28. November, 17 Uhr, Kirche St. Moriz. Anschließend Schweigemarsch zum Bahnhof.