Die neuen Herren im Haus der Maschinenfabrik Waldrich Coburg hatten vor zehn Jahren ein gehöriges Stück Weg zurückzulegen, um ihren Besitz zu besuchen. Rund 7650 Kilometer Luftlinie beträgt die Entfernung zwischen Coburg und Peking, Sitz des chinesischen Maschinenbauers Beijing No. 1. Seit einem Jahrzehnt hält die Firma aus dem Reich der Mitte alle Anteile an dem Coburger Traditionsunternehmen.


Sorgen und Fragen

"Damals hatten wir viele Sorgen, wie es mit uns unter einem chinesischen Gesellschafter weitergehen wird", bekennt Hubert Becker. Würden die Maschinen abgebaut und künftig in China produzieren? Werde es Waldrich Coburg in wenigen Jahren überhaupt noch geben? Und wie reagierten die Kunden auf die 100-prozentige Übernahme? Seinerzeit bewegten diese Fragen die Mitarbeiter, aber auch die Bevölkerung und die Stadt Coburg.
An diese Ängste und Skepsis erinnerten auch Oberbürgermeister Norbert Tessmer (SPD) sowie IHK-Präsident Friedrich Herdan. Hubert Becker, Vorsitzender der Geschäftsführung, zerstreute am Samstagvormittag bei einer Feier anlässlich des zehnten Jahrestages des Firmenverkaufs diese Befürchtungen: "Für uns war es ein Glücksfall."

Damals habe der Direktor von Beijing No. 1 Waldrich mit einer alten Eiche verglichen, die sich nicht mehr verpflanzen lasse. "Waldrich Coburg bleibt Waldrich Coburg", zitierte Becker den damaligen Direktor Cui. Die "alte Eiche" im Hahnweg zu Füßen der Veste Coburg "hat in den vergangenen zehn Jahren eine einzigartige Entwicklung genommen, die mit den früheren Gesellschaftern nicht möglich gewesen wäre", so Hubert Becker. Nach wie vor sei die Maschinenfabrik weltweit "bekannt als traditioneller deutscher Maschinenbauer mit qualitativ hochwertigen Produkten 100 Prozent made in Germany".Völlig unbekannt waren sich die beiden Unternehmen Beijing No. 1 und Waldrich Coburg schon damals nicht. Seit 1984 kooperierten die beiden Firmen beim Bau von Fräsmaschinen in China.

Wang Xu, Präsident von Beijing No. 1, sagte, dass "wir vor zehn Jahren noch zwei separate Individuen waren, heute sind wir schon zu einem Ganzen zusammengewachsen". Überwunden worden seien anfängliche Schwierigkeiten, aber auch "blendende Leistungen" seien gemeinsam erbracht worden. Den Rückgang des Maschinenmarktes könne man nur mit vereinten Kräften bewältigen. Das Servicegeschäft und besonders die vor wenigen Tagen vorgestellte Serien-Fräsmaschine "Taurus" hätten dem Unternehmen neue Wachstumspunkte gegeben. "Wir werden Schulter an Schulter in die Zukunft gehen", schloss Wang Xu.


Tessmer: Waldrich ist ein Glück und eine Erfolgsgeschichte für Coburg

Die Firma Waldrich bezeichnete OB Norbert Tessmer als "Glück und Erfolgsgeschichte für Coburg". Nach den Worten von IHK-Präsident Friedrich Herdan sind Maschinen aus dem Hause Waldrich "weltweit gefragt". Mit dem neuen Gesellschafter habe das Unternehmen einen leichteren Zugang zum riesigen chinesischen Markt bekommen.

Seit der Übernahme von Waldrich Coburg durch Beijing No. 1 vor zehn Jahren haben sich die konjunkturellen Voraussetzungen nach Firmenangaben ständig verbessert. 2005 betrug der Umsatz rund 60 Millionen Euro, verdreifachte sich ein Jahr später und kulminierte 2008 bei mehr als 300 Millionen Euro, relativierte sich jedoch durch die Finanzmarktkrise auf 240 Millionen Euro. Der Auftragsbestand 2008 belief sich auf 500 Millionen Euro.


Neue Stellen entstanden

Rund 300 neue Stellen konnten geschaffen werden und 60 Millionen Euro investierte die Firma in den Standort. Seit 2013 ist die Auftragslage zurückgegangen, weshalb das Unternehmen sich dem Projekt- und Servicebereich zuwandte. Weiter soll neben der Entwicklung und dem Bau von Sonder- und Großmaschinen nach Auftrag der neue Geschäftsbereich "Serienmaschinen" konjunkturelle Schwankungen ausgleichen.