Operetten-Aufführungen können allzu leicht zum Stelldichein unverbesserlicher Nostalgiker werden - Nachklang einer vermeintlich dem Untergang geweihten Gattung. Manchmal aber werden Operetten-Premieren zum ungetrübten Theater-Glück - ohne in Gefahr zu geraten, im Kitsch zu versinken. Fast 125 Jahr alt ist inzwischen Carl Zellers Meisterwerk "Der Vogelhändler" - ein Kronzeuge aus dem "Goldenen Operettenzeitalter". Dass dieses Werk auch heute noch sein Publikum finden kann, demonstriert Volker Vogel in Coburg.

Auf die Musik hören

Mit seiner inzwischen vierten Inszenierung am Landestheater beweist der Gastregisseur, dass man Operetten nicht krampfhaft "retten" muss. Manchmal entfalten sie ihren besonderen Charme gerade dadurch, dass man sie - bei aller scheinbaren Leichtigkeit - ganz einfach ernst nimmt.



Im Falle von Zellers "Vogelhändler" heißt das für Volker Vogel, die Musik und ihren Ausdrucksreichtum ernst zu nehmen. Vogels Erfolgs-Rezept ist im Grunde einfach zu beschreiben. Er hört in die Musik hinein, gibt ihr bei Bedarf genügend Zeit und Raum, sich in aller Ruhe ausdrucksvoll zu entfalten wie im "Ahnl"-Lied und dem Lied vom Kirschbaum. Andererseits aber weiß er auch ganz genau, wo das Werk szenische Unterstützung vertragen kann.

Lebende Bilder

Dazu hat Andreas Becker eine ebenso stimmige wie im Detail einfallsreiche Ausstattung geschaffen. Sein Bühnenbild zitiert Jagd-Romantik ebenso mit dezenter Ironie herbei wie herrschaftliches Ambiente. Und mit seinen Kostümen samt wunderbar karikierenden Perücken bietet Andreas Becker Regisseur Volker Vogel die Möglichkeit, viele Szenen regelrecht zu lebenden Bildern zu formen.



Coburgs Chordirektor Lorenzo Da Rio bewährt sich am Dirigentenpult nach dem Erfolg mit Benatzkys "Im weißen Rössl" im vergangenen Jahr erneut im Operettenfach. Unter seiner jederzeit umsichtigen Leitung entfaltet das Philharmonische Orchester den melodischen Reichtum von Zellers Partitur stets einfühlsam und mit vielen klanglichen Feinheiten.

Bestens besetzt in allen Rollen

Sängerisch ist dieser Coburger "Vogelhändler" durchweg überzeugend besetzt - von den Hauptrollen bis hin zu den vielen kleinen Rollen. Michael Lion mit beweglichem Bass als Baron Weps und Gabriela Künzler als ebenso reiche wie betagte Baronin Adelaide sekundieren das amouröse Verwirrspiel zwischen Briefbotin Christel (Julia Klein mit silberhellem Sopran) und Vogelhändler Adam (Dirk Mestmacher mit schlankem Tenor und spielfreudiger Darstellung). Dazwischen sorgen Anna Gütter mit koloraturfreudigem Sopran als Kurfürstin Marie und David Zimmer mit strahlkräftigem Tenor als Graf Stanislaus mit ihren Verkleidungen für operettentypische Verwicklungen.


Nicht zu vergessen der von Lorenzo da Rio bestens einstudierte Chor des Landestheaters, der - wieder einmal - überaus spielfreudig agiert und die Bühne in jeder Szene mit Leben füllt.

Ungetrübter Beifall

Auch dafür gibt es am Ende ungetrübten Beifall des rundum zufriedenen Premierenpublikums.



"Der Vogelhändler" und seine Interpreten am Landestheater Coburg


Termine der weiteren Aufführungen: Carl Zeller "Der Vogelhändler" - 8. Mai, 19.30 Uhr, 10., 14., 21., 29. Mai, 6., 16., 24. Juni, 1. Juli, 19.30 Uhr, Landestheater Coburg

Produktionsteam Musikalische Leitung: Lorenzo Da Rio
Inszenierung: Volker Vogel
Bühnenbild und Kostüme: Andreas Becker
Dramaturgie: Renate Liedtke
Choreinstudierung: Lorenzo Da Rio
Besetzung
Kurfürstin Marie: Anna Gütter
Baronin Adelaide: Gabriela Künzler
Baron Weps: Michael Lion
Graf Stanislaus: David Zimmer
Süffle, Professor: Stephan Mertl
Würmchen, Professor: Stephan Ignaz
Adam, Vogelhändler aus Tirol: Dirk Mestmacher
Christel, Briefbotin: Julia Klein
Schneck, Dorfschulze: Freimut Hammann/Martin Trepl
Jette, Kellnerin: Eva Maria Fischer
Quendel, Hoflakai: Sascha Mai
Chor des Landestheaters Coburg
Extrachor
Philharmonisches Orchester Landestheater Coburg

Carl Zellers Operette "Der Vogelhändler" feierte ihre Uraufführung am 10. Januar 1891 im Theater an der Wien. In der Titelrolle als Vogelhändler Adam: Alexander Girardi.