Es ist ein Unterschied, ob der Arzt zum todkranken Patienten nach Hause kommt oder ob er am Krankenbett im Klinikum Visite macht. Die häusliche Umgebung, der Enkel an der Tür, die Tochter in der Küche, da wird spürbar, was die Krankheit des Patienten für eine Familie bedeutet. "Der Blick wird geweitet und es entstehen andere Gespräche", sagt Professor Johannes Kraft, einer von sechs Palliativärzten, die in Coburg Stadt und Land eine spezialisierte ambulante Palliativ-Versorgung (SAPV) zusammen mit Palliativ-Pflegekräften und der Seelsorgerin Gabriele Töpfer ermöglicht.


Aktuell werden 50 Menschen betreut, die keine lange Lebenserwartung mehr haben. 80 Prozent davon sind Krebspatienten, die nicht im Krankenhaus sterben möchten. Übelkeit, Schmerzen, Atemnot, Angstzustände oder Verwirrtheit sind die häufigsten Symptome, die durch das SAPV-Team gelindert werden können.


Mehr als Medizin

"Doch die Betreuung geht weit über die medizinische Komponente hinaus", betont Oberärztin Elke Schmidt. "Wir sehen auch die Nöte und Ängste der Angehörigen und begleiten die Familie meist bis zur letzten Stunde."
Im Durchschnitt sind das 26 Tage - manchmal aber auch nur zwei. Es gibt Fälle, bei denen verbessert sich der Gesundheitszustand des Patienten wieder und das SAPV-Team muss gar nicht mehr kommen.


Bayernweit gibt es nur vier evangelische Seelsorger in SAPV-Teams. Gabriele Töpfer ist eine davon in Coburg. "Manchmal können die Menschen nicht sterben, weil ihnen noch etwas auf der Seele liegt", sagt die Pfarrerin, die seit Jahren auch in der Hospizarbeit sehr aktiv ist. Dabei gehe es nur selten um den evangelischen oder katholischen Glauben, es gehe ganz oft um grundsätzliche Lebensfragen, um Ängste, auch um Schuldgefühle oder einfach nur ums Aushalten-Können.


"Unsere Arbeit ist eine sehr persönliche. Wir erleben viele intime Momente mit der Familie. Da braucht es einen sensiblen Blick und Umgang mit den Menschen." Professor Kraft, Chefarzt der Geriatrie und Palliativmedizin am Klinikum Coburg, weiß um die Empfindlichkeiten. Der Wunsch und letzte Wille des Patienten seien entscheidend. Ihm einen "schützenden Mantel" (Palliativ) umzulegen, ist das Anliegen des SAPV-Teams.


Ein Netzwerk

In den schwierigen Tagen zwischen Leben und Tod nicht allein zu sein, sondern sich ein Stück weit geborgen und gehalten zu fühlen, das möchten die Experten leisten. "Dazu muss das ganze Team funktionieren und sich gegenseitig stützen", sind sich alle einig. Auch die Hausärzte sind integriert und arbeiten eng mit den Palliativmedizinern zusammen.


Der Austausch miteinander, die wöchentlichen Teambesprechungen - manchmal auch einfach ein spontaner Anruf in der Nacht - machen die erfolgreiche Arbeit des Einzelnen möglich. Betreuung durch SAPV bedeutet von einem Netzwerk gehalten und aufgefangen zu werden.


"Mit einer gewissen Ruhe"

Das kann Sandra Engelbrecht nur bestätigen. Nachdem sie die Schmerzen ihres krebskranken Schwiegervaters nicht mehr lindern konnte, bekam sie den Tipp, sich doch mal bei der SAPV zu melden. Ein Anruf genügte und am nächsten Tag stand die Oberärztin Elke Schmidt mit Martina Scholz (pflegerische Leitung) vor der Tür. Von da an kamen sie bei Bedarf, mindestens einmal die Woche. "Zwei Engel", nennt Sandra Engelbrecht die beiden. "Die Betreuung war sagenhaft schön. Immer wenn die Frauen da waren, haben sie eine gewisse Ruhe ausgestrahlt. Ich kann es gar nicht beschreiben - jedem nur empfehlen, der in solch einer Situation ist."




Was steckt hinter der Abkürzung SAPV?




Palliativmedizin Der Name "Palliativ" kommt aus dem Lateinischen und bedeutet sinngemäß "einen schützenden Mantel umlegen". Diesen Mantel will das SAPV-Team Ihnen und Ihren Angehörigen reichen, damit Patienten und Angehörige bei schwerer Krankheit nicht alleine sind. Dies gilt nicht nur für tumorkranke Patienten, sondern auch für alle diejenigen, deren schwere Erkrankung nicht geheilt werden kann und die über die normale Pflege hinaus eine spezialisierte Betreuung und Begleitung benötigen.

SAPV-Team Das Team besteht aus qualifizierten Palliativärzten und Palliativpflegekräften. Das Team kooperiert mit ambulanten Hospizdiensten, Seelsorgern, Sozialarbeitern, Psychoonkologen, Pflegediensten, Apotheken und anderen Einrichtungen. Ebenso wird eng mit den Haus- und Fachärzten sowie Krankenhäusern, Palliativstationen und Hospizen in der Region zusammengearbeitet.

Palliativmedizinische Betreuung Mit dem Fortschreiten einer nicht heilbaren Erkrankung leiden Patienten oft unter Schmerzen und anderen Symptomen (Übelkeit, Erbrechen, Atemnot, Verwirrtheit, Angst, Stimmungsschwankungen). Diese Symptome haben starke Auswirkungen auf die Lebensqualität der Patienten, genauso wie psychische, soziale und spirituelle Sorgen. Die Therapeuten beraten, wie zum Beispiel ein Lagerungswechsel gegen Rücken- oder Fersenschmerzen helfen kann.

Ziel und Auftrag Die spezialisierte ambulante Palliativ-Versorgung (SAPV) hat das Ziel, die Lebensqualität und die Selbstbestimmung von Menschen in ihrer letzten Lebensphase so weit wie möglich zu erhalten, zu fördern und zu verbessern und ihnen ein würdevolles Leben in ihrer gewohnten Umgebung zu ermöglichen. Im Auftrag der Krankenkassen und der Kassenärztlichen Vereinigung hat das SAPV-Team ein Netzwerk aufgebaut, das es ermöglicht, schwerstkranke Patienten im häuslichen Umfeld bis zu ihrem Lebensende zu versorgen. Dies gilt auch für Patienten, die in Alten- und Pflegeheimen leben.

Ärztliche Leitung Barbara Gareus, Elke Schmidt, Johannes W. Kraft
Pflegerische Leitung
Martina Scholz
Johanna Partes

Kontakt
Telefon: 09561/22-5400, Email: sapv@klinikum-coburg.de