Kowloon heißt der Finanzdistrikt in Hongkong. Von dort aus werden Strippen in die ganze Welt gezogen, an deren Enden Millionen von Existenzen geknüpft sind. Im ersten Stück des jungen, neuen Theaterautors Jan Geiger ist "Kow Loon" der von Moral und humaner Rückbindung losgelöste Ort, an dem er die Verhaltensweisen der Finanzeliten dieser Welt ins Visier nimmt. Das Landestheater Coburg sorgt am heutigen Freitag für die Uraufführung dieser theatralen Auseinandersetzung mit den unsere Gesellschaft zunehmend beherrschenden Prinzipien, Verhaltensweisen und Strukturen.

"Jan Geiger ist ein ganz erstaunlicher junger Autor", sagt Schauspieldramaturg Dirk Olaf Hanke. Entdeckt hat ihn der Drei Masken Verlag Berlin, wo mittlerweile drei Stücke Geigers im Programm sind. Sein erstes also wird nun von Gastregisseurin Alice Asper in der Coburger Reithalle erstmals auf die Bühne gebracht. "Geiger hat kein Stück über den heutigen, alle Grenzen sprengenden Kapitalismus geschrieben", kündigt Hanke an. "Ihn interessiert viel mehr, was die Ausrichtung an Effizienz, Gewinnmaximierung, an Zahlen ablesbarem Erfolg und Karriere mit dem einzelnen Menschen macht." Mit groteskem Humor und gezielter Überzeichnung lässt Geiger vier unterschiedliche Vertreter dieser Wirtschaftswelt aufeinander treffen.

Ohne Verantwortungsgefühl

Das hat Alice Asper im abstrahierten Bühnenbild von Karlheinz Beer inszeniert. "Kow Loon könnte überall liegen", erklärt die Regisseurin. "Die Menschen sind nicht mehr verortet, sind heimatlos, finden damit auch keine eigene Identität mehr. Soziale Beziehungen gehen verloren und damit auch jegliches Verantwortungsgefühl."
In Jan Geigers fiktiver Konstellation kämpfen Edwin, der Chef einer Investmentfirma (gespielt von Niklaus Scheibli), sein Meisterschüler und Vorstandsmitglied Johannes (Thorsten Köhler) und der junge Analyst Henry (Benjamin Hübner) in einem wüsten Macht- und Intrigenspiel um die Firma. Mittendrin auch die Putzfrau Christina (Anne Rieckhof), die aktiver Teil des Intrigenspiels ist. Sie muss in irgendeiner Form in dieser teuren Welt überleben.

"Das Stück habe ich unter dem Eindruck der Wirtschaftskrise geschrieben", beleuchtet Jan Geiger den Hintergrund. "Wir haben ja in den vergangenen Jahren eine regelrechte Ausweitung der Kampfzone erlebt. In meinem Stück ist Kow Loon auch das Symbol für die Abgehobenheit dieser Leute. Da hocken im soundsovielten Stock eines Wolkenkratzers einige, die aus Konkurrenz und Raffgier mit den Existenzen von Tausenden spielen." Jan Geiger wird heute Abend bei der Coburger Uraufführung anwesend sein.

"Jeder versucht jeden zu übertrumpfen und auszustechen. Es geht um Selbstüberhebung und pure Befriedigung des eigenen Egoismus", fasst Regisseurin Alice Asper zusammen. "Wir glauben doch alle, dass wir mit dieser globalisierten Welt klar kommen, haben aber in Wirklichkeit keine Ahnung."

Landestheater Coburg "Kow Loon". Schauspiel von Jan Geiger. Inszenierung Alice Asper, Bühnenbild und Kostüme Karlheinz Beer, Dramaturgie Dirk Olaf Hanke.

Darsteller Anne Rieckhof (Christina, Putzfrau), Thorsten Köhler (Johannes, Investment-Manager), Niklaus Scheibli (Edwin, Geschäftsführer), Benjamin Hübner (Henry, Analyst)

Premiere Freitag, 22. Mai, 20 Uhr in der Reithalle

Das Stück Krisentreffen im Konzern: Von Christina, die dort als Putzfrau arbeitet und vieles hört und sieht, hat Geschäftsführer Edwin erfahren, dass ein wichtiger Investor pleite ist. Die Firma steht damit kurz vor dem Aus. Edwin wittert die Chance, sich mit einer Summe in Millionenhöhe davonzumachen. Was er nicht weiß: Der skrupellose Emporkömmling Johannes hat gezielt falsche Informationen gestreut...

Der Autor Jan Geiger, geboren 1988, wuchs in Ansbach auf. Er studierte am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig, veröffentlichte in verschiedenen Anthologien und trat bei Poetryslams und Literaturfestivals an die Öffentlichkeit. Derzeit studiert er in München Soziale Arbeit.

Die Regisseurin Alice Asper wurde 1972 in Münster geboren, studierte Englische Sprache, Literatur und Kultur sowie Germanistik in Bochum und Hamburg. Bereits während ihres Studiums absolvierte sie zahlreiche Hospitanzen und Regieassistenzen unter anderem bei Frank-Patrick Steckel und Robert Wilson am Schauspielhaus Bochum, am Kölner Schauspielhaus und am Stockholmer Staatstheater.
Von 2000 bis 2005 war sie als Regieassistentin am Staatstheater Nürnberg engagiert, wo sie auch bereits mehrfach selbstständig inszenierte. Seither ist Alice Asper als freie Regisseurin tätig.

Der Ausstatter Der Künstler und Bühnenbildner Karlheinz
Beer wurde 1953 in Amberg geboren. Er lebt in Bamberg und Venedig. Beer trat seit 1983 zunächst als Maler, später auch mit dreidimensionalen Arbeiten und Skulpturen hervor. Zahlreiche Ausstellungen im In- und Ausland. Seit 1982 schuf Beer auch Bühnenräume und Kostüme für Theater und Oper. Werke Karlheinz Beers befinden sich in öffentlichen und privaten Sammlungen (zum Beispiel in der Baye rischen Staatsgemäldesammlung). In dieser Spielzeit hat Beer in Coburg auch die Ausstattungen zu "Der Vorname" und zur Ballettproduktion "Peer Gynt" gestaltet.