Flughafen München am Dienstag, 2. Juni. 10.20 Uhr landet planmäßig eine Maschine aus den USA. An Bord ist die 23-jährige Mareike A. aus Rödental. Nie zuvor in ihrem Leben war sie so froh, wieder deutschen Boden unter den Füßen zu haben. Hinter ihr liegt eine Zeit, die wohl am ehesten mit dem Wort Nervenkrieg beschrieben werden kann.

Im Oktober vergangenen Jahres war die junge Erzieherin in die Staaten geflogen. In einem kleinen Ort in Massachusetts sollte sie ein Jahr lang bei einer Familie leben, sich dort als "Nanny" um die Kinder kümmern. "Ich wollte meine Englischkenntnisse verbessern, meine berufliche Qualifikation ausbauen, und ja, etwas erleben." Was sie dann erlebte, war alles andere als das, was sie sich erhofft hatte. Doch darüber spricht sie nicht. Sie darf nicht. Warum nicht, ist eine lange Geschichte, die an ihrer Stelle ihre Mutter Marita erzählt.

Schon nach kurzer Zeit, berichtet die Tochter im Kontakt mit ihrer Familie, dass ihre Gastfamilie nicht das ist, was sie sich vorgestellt hat. Die Kinder sind problematisch, die Eltern machen der jungen Deutsche merkwürdige Vorschriften. "Sie durfte nicht länger als 22 Uhr außer Haus, obwohl sie auch in Amerika volljährig ist, sie durfte nicht einmal eine eigene Meinung äußern", erinnert sich die Mutter.

Mareike A. wendet sich an ihre Betreuerin von der Agentur, die ihr den Platz vermittelt hatte. Die wiegelt ab, meint, es würde sich alles einrenken. Auch später ist sie nicht bereit, Mareike eine andere Familie zu suchen. Das habe bei anderen Mädchen reibungslos geklappt, die ebenfalls Probleme mit ihrer Gastfamilie gemeldet hatten, weiß Mareike aus Gesprächen mit den betroffenen jungen Frauen. Ihre eigene Situation änderte sich jedoch nicht. Anfang Dezember verweist die Betreuerin auf den Weihnachtsstress. Im neuen Jahr werde sie sich kümmern. Dazu kommt es nicht mehr.

Der Vater der Gastfamilie, der Mareike offenbar misstraut, installiert heimlich Kameras. Als eine Aufnahme zeigt, wie die Erzieherin den tobenden und schreienden dreijährigen Sohn am Arm fasst und der sich zu Boden wirft, ruft der Vater sofort die Polizei. Die junge Frau wird in Handschellen abgeführt. Ein Richter nimmt sie in Untersuchungshaft und setzt eine Kaution von 400 Dollar fest. Der Vorwurf: Körperverletzung.

Sofort nimmt die junge Deutsche, die sich keiner Schuld bewusst ist, Verbindung mit ihrer Betreuerin auf. Sie bittet sie, mit ihrer Bankkarte Geld abzuheben, sie würde ihr die PIN dafür geben. Doch das tut die Betreuerin nicht. Weil die Kaution nicht bezahlt wird, landet Mareike A. vor dem Haftrichter. Der schickt sie ins "richtige" Gefängnis und setzt die Kaution nun auf 2000 Dollar fest. Ihren Pass muss die Frau abgeben.

Eine Nacht im US-Knast

Inzwischen ist Marita A. auf dem Weg zu ihrer Tochter. Einen Tag und eine Nacht muss die 23-Jährige im US-Knast verbringen, dann ist die Kaution bezahlt, sie hat einen Anwalt und ist auf freiem Fuß. Der Anwalt stellt den Kontakt zu einer Bekannten her. Diese stammt aus Deutschland und nimmt Mareike A. in ihrer Familie auf. Die Mühlen der US-Gerichte beginnen unterdessen zu mahlen.

Im Januar steht Mareike A. erneut vor dem Richter. Es geht darum, zu entscheiden, ob der Fall vor eine Jury kommt, oder nicht. Die Entscheidung fällt für eine Jury, ein Termin wird festgesetzt. In ein paar Wochen, soll die Jury über Schuld oder Unschuld entscheiden. Eine Zeit des Bangens beginnt. Auch für die Eltern zu Hause in Rödental. Sie wissen die Tochter jetzt in guten Händen. Aber sie wollen sie so bald wie möglich von allen Vorwürfen befreit wieder zu Hause haben.

Monatelang hingehalten

Der Termin ist da. Erneut fährt Mareike A. über fünf Stunden zum Gericht in einem Vorort von Boston. Sie wartet Stunden, ehe sie erfährt, dass der Richter heute nicht kommt. Sie kann gehen. Der nächste Termin ist wieder in einigen Wochen.

Wieder die lange Anfahrt. Wieder warten. Diesmal kommt die Dolmetscherin nicht und Mareike A. fährt erneut unverrichteter Dinge zurück. Wieder warten die Eltern vergebens auf eine erleichternde Nachricht. In ein paar Wochen der nächste Versuch. Nun finden die Mitarbeiter bei Gericht das Video nicht, das die Schuld beweisen soll."Wir hatten den Eindruck, dass sie mürbe gemacht werden soll, damit sie einfach gesteht, um das zu beenden", sagt Marita A.. Doch sie weiß auch, dass ihre Tochter nicht eine Tat zugibt, die sie nicht begangen hat: "So ist sie nicht."

Dieses bewusste Video, ist eine eigene Geschichte. In Massachusetts hätte der Familienvater zwar heimlich filmen dürfen - aber nicht mit Ton. Der Anwalt weiß das, erklärt, dass damit die Verhaftung durch den Provinzpolizisten, der Mareike A. abgeführt hat, gar nicht zulässig gewesen wäre. Wegen des unerlaubten Filmens rät er zur Gegenklage. Die wird auch eingereicht. Doch jetzt geht es erst einmal um diese Jury-Verhandlung, die einfach nicht zu Stande kommt. Es klingt an, dass die Sache längst beigelegt worden wäre, wenn es sich bei der Beschuldigten um eine Amerikanerin handeln würde, doch offen zugeben wird es niemand.

Wieder ein Termin. Diesmal soll es wirklich klappen. Die Mutter ist wieder angereist, um in dieser Verhandlung bei ihrer Tochter zu sein. Es ist der 26. Mai. Der Anwalt ermutigt die junge Deutsche. Der Richter sei als fairer Mann bekannt. So viel darf Mareike A. sagen: "Es war der erste, der mich überhaupt angeschaut, mir in die Augen geschaut hat." Es ist auch der erste, der sich eingehend mit dem Fall beschäftigt. Noch ehe die Jury zusammentritt, schlägt er vor, dass beide Seiten ihre Klagen zurückziehen und keiner mehr sich über den anderen öffentlich äußert. Damit wäre die Sache erledigt. Deshalb kann Mareike A. nicht viel über ihre Erlebnisse erzählen. Sie kann gehen und bekommt ihren Pass zurück. Auch das eine Episode am Rande. Als der Richter die Verhandlung beendet, heißt es, die Mitarbeiter des Gerichts fänden den Pass nicht. Erst als der Anwalt der jungen Deutschen massiv wird, bemüht man sich. Nach zwei Stunden bekommt Mareike A. ihren Pass und endlich die Möglichkeit, die USA zu verlassen. Ein paar Tage bleiben Mutter und Tochter trotzdem noch. Die Familie, bei der sie die letzten Monate gelebt hat, hat sie ins Herz geschlossen und will sie nicht gleich gehen lassen. "Sie haben Mareike wie ein Familienmitglied aufgenommen", sagt Marita A.. Mit dem Versprechen, Mareike in Deutschland zu besuchen, wird sie verabschiedet. Der Flug nach München wartet

Sie selbst hat das Video übrigens nie gesehen, das ihre angebliche Tat belegen soll. Mutter Marita sagt: "Alle, die es gesehen haben, sagen, dass es nichts zeigt, was diese Anklage hätte rechtfertigen können."

Am Pranger der Medien

Erschüttert ist Mareike A. bis heute über den Umgang der Medien mit ihrem Fall. Im US-Fernsehen wird sie mit vollem Namen genannt, obwohl noch kein Urteil gesprochen ist. Für sie noch schlimmer: Eine deutsche Online-Ausgabe einer Boulevard-Zeitung titelt unmittelbar nach der Verhaftung: "Deutsche Nanny quält Sohn von US-Familie" - als wäre die Tat schon erwiesen. Ob es jetzt, nachdem das Gericht die Anklage hat fallen lassen, einen Bericht dieses Boulevard-Portals geben wird, dass die junge Erzieherin zu Unrecht angeprangert wurde? Die Familie würde sich freuen - schließlich möchte Mareike A. jetzt in ihrem Beruf in Deutschland Fuß fassen. Nur in Deutschland.