Du lügst. Weißt Du noch mehr über mich? Du schreibst abscheuliche Gedichte. Du führst immer nur Krieg. Du hast nichts als Silikon-Gedanken im Kopf. Warum beleidigen wir uns so? Warum tun wir das einander an?
Wie aus dem Schnellfeuergewehr prasseln die Salven auf die Seelen der berühmten TV-Darstellerin Katja und ihres unwilligen Interviewers Pierre. Der engagierte, vielleicht fanatisch gewordene Politikjournalist und frühere Kriegsberichterstatter darf nicht über den Rücktritt der Regierung berichten, sondern wird zum Tittenwunder Katja in die Wohnung geschickt.


Die wahren Geschichten

Doch das TV-Sternchen entpuppt sich als keineswegs dämlich, sondern als tiefgründig analysierend und als psychologisch und menschlich überlegen. Unter dem gegenseitigen Dauer beschuss fallen die Mau ern, die wahren Geschichten der beiden Kämpfernaturen kommen zu Tage. Es sind keine schönen Lebensgeschichten.
Knapp anderthalb Stunden absolut fesselnd aber ist das Kammerspiel des niederländischen Regisseurs und Autors Theo van Gogh, vor allem in der Form, in der es Frederik Leberle in der Reithalle inszeniert hat. In seiner für Zwischentöne und Hintergründe sensiblen Personenführung sind die am Landestheater neu verpflichtete junge Schauspielerin Sarah Zaharanski und Nils Liebscher vom ersten Moment an wie verhakt in der Psyche des anderen, ohne je wirklich zueinander kommen zu können.
Die Junge klettert noch recht agil, gefangen aber trotzdem, im Gestänge ihres Lebenskäfigs, den Bühnenbildner Udo Herbster eben so abstrakt und trotzdem sinnfällig in die Reithalle gebaut hat. Der Ältere bewegt sich nur noch vorsichtig. Die beiden Kontrahenten, die es auf unerklärliche Weise trotzdem zueinander zieht, bleiben getrennt durch eine spiegelnde Scheibe.


Verletzte Seelen

Bösartigkeit ist ein legitimes Mittel der gegenseitigen Erkundung. Die Funken sprühen. Sarah Zaharanski zeigt sich sicher in ihrer Gratwanderung von äußerer Inszenierung der begehrten Sexbombe und allmählicher Enthüllung einer schon in jungen Jahren schwer verletzten, dabei souverän gebliebenen Seele.
Nils Liebscher vergegenwärtigt mit Intensität, doch sparsam eingesetzten mimischen Mitteln das Grauen des Bosnienkrieges, das die Arroganz des Machers und moralischen Gutmenschen gebrochen hat. Er gab sich stets als Sieger, hat aber als Mensch längst verloren. Katja gewinnt ohnehin niemals, trotz großer Berühmtheit. Aber sie kann gut eine Gewinnerin spielen.
Trotz aller Feindseligkeit erkennen die beiden einander, wenigstens für Momewnte. Was in den menschlichen Beziehungen etwas Besonderes ist. Und weshalb diese spannende Geschichte erzählt wird, souverän umgesetzt im Coburger Theater in der Reithalle.

Der Autor Der umstrittene niederländische Filmemacher Theo van Gogh, geboren 1957, wurde 2004 von einem Islamisten ermordet. "Das Interview" basiert auf dem Drehbuch von Theodor Holman.

Die Inszenierung
"Das Interview". Schauspiel von Theo van Gogh. Inszenierung Frederik Leberle. Bühnenbild und Kostüme Udo Herbster. Dramaturgie Denise Burkhardt. Darsteller: Sarah Zaharanski und Nils Liebscher.

Weitere Termine 29. September, 1., 9., 10. Oktober, 20 Uhr in der Reithalle.