Es liegt ein leichter Schweißgeruch in der Luft der ehrwürdigen Aula der Rückertschule. Kein Wunder, denn die 18 Mädchen und Jungen der Übergangsklasse 7 Üa schwitzen. Und zwar vor Begeisterung.
Die Jugendlichen aus verschiedenen Ländern der Erde nehmen an einem Tanzprojekt von Gabriele Leithäuser-Heß teil.

Und diese eineinhalb Stunden, in denen sie Spaß und Ablenkung zu Musik haben dürfen, nehmen sie sehr ernst. Aufmerksam und konzentriert machen sie in der Gruppe die einzelnen Schrittfolgen der Tanzlehrerin nach. "Zieht euch ganz lang, streckt Euch", ruft Gabriele Leithäuser-Heß in den Raum hinein.


Die vertraute Lehrerin tanzt mit

Die Musik ist laut, aber angenehm fetzig. Die Schüler tanzen zu dieser aktuellen Musik aus den Charts genauso gerne wie zu klassischer Musik. Sie geben ihr Bestes, sie strecken die Arme, sie drehen sich links, mal rechts herum, sie runden den Rücken, alles gerade so, wie es vorgegeben wird - und immer möglichst im Takt bleibend. Dass ihre Klassenlehrerin Martina Benzel-Weyh auch mittendrin dabei ist, das gibt den Flüchtlingen das gute Gefühl von Sicherheit. Als Lehrerin kann sie kein Mutterersatz sein, aber sie weiß, dass sie eine wichtige Vertrauensperson ist. Benzel-Weyh: "Einige von ihnen sind ohne ihre Eltern hier."

Die Schüler der Übergangsklasse sind zwischen 13 und 17 Jahren alt. Viele sind aus Kriegsgebieten geflohen, einige Schüler kommen aber auch aus EU-Ländern, weil ihre Eltern hier arbeiten. So hat Martina Benzel-Weyh Schüler aus dem Irak, Syrien, Aserbaidschan, Weißrussland, Polen, der Tschechischen Republik und Rumänien. Die meisten von ihnen können schon ganz gut Deutsch sprechen und verstehen. Sie sind seit etwa einem Jahr in Coburg. Andere sind gerade vor ein paar Wochen angekommen, sie können noch gar nichts in unserer Sprache. "Es ist schwer, allen gleichzeitig im Unterricht gerecht zu werden", sagt Benzel-Weyh, "aber gerade deswegen haben wir uns auch für dieses Projekt stark gemacht, denn hier beim Tanzen haben sie alle gleiche Chancen, hier regiert die Körpersprache." Und so verstehen alle, was sich die Tanzlehrerin Gabi wünscht und von ihnen erwartet. Zum Beispiel auch, dass sie keinen Quatsch machen sollen und bei der Sache sind. Aber nur selten sind liebevolle Ermahnungen der beiden Lehrerinnen nötig. Zu sehr wissen die jungen Menschen die Chance zu schätzen, die sie hier bekommen, und zu viel Spaß macht ihnen das Tanzen.


Im Freestyle durch die Aula

Alexa Hahn, Vorsitzende der Ballettfreunde, ist als Förderin auch dabei: "Wir glauben an Integration, wir glauben an die Macht des Tanzens." Voller Bewunderung beobachtet sie die Schüler, wie sie sich gerade im Freestyle durch die Aula bewegen - ganz so, als würden sie in diesen Minuten vergessen können, was ihre junge Seele so belastet. "Jeder tanzt so, wie er jetzt gerade mag", ermutigt Gabriele die Schüler. "So bekommen sie Vertrauen in sich selbst, können lernen, bei sich anzukommen." Am Ende schütteln die Schüler ihre Hand. Sie bedanken sich. Sie lächeln. "Bis nächste Woche!"

"Tanzen baut Brücken"
Gabriele Leithäuser-Heß aus Coburg, Initiatorin von "TanzPerspektive", erklärt, was hinter dem Projekt steckt.
Warum Tanzen mit Flüchtlingen?
Gabriele Leithäuser-Heß: Das mit am Schwierigste für Flüchtlinge ist die Sprache. Niemanden zu verstehen, ist ein großer Faktor der Verunsicherung. Tanzen ist eine ganz ursprüngliche Kommunikations- und Ausdrucksform, es braucht keine Sprache, es ist selbst eine Sprache - mit dem Körper. So baut es Brücken, ist international und kann Völker verbinden.

Was kann Tanzen bei den jungen Menschen bewirken?
Die Schüler der Übergangsklassen arbeiten täglich daran, sich in eine andere Kultur zu integrieren. Der künstlerisch-zeitgenössische Tanz ist eine Kunst- und Kulturform von vielen, die ihnen nahegebracht werden soll. So erhalten sie neue Impulse und Horizonte, die ihnen andere Räume und Erfahrungen erschließen. Viele der Jugendlichen sind teilweise ganz alleine hier in Coburg, sie brauchen eine innere Sicherheit. Da kann das Tanzen helfen: Bewegung und Rhythmus stärken das Selbstwertgefühl.

Hilft es auch beim Lernen?
Die Arbeit mit Bewegung, Musik und Kreativität fördert die kognitiven Kompetenzen, da Synapsenverbindungen gebildet werden. Tanzen verbindet das analytische Lernen mit dem musikalisch-künstlerischem, auch mit dem gestalterischen, sportlichen und sozialen Lernen. Es bindet aber auch die Beziehungen in der Gruppe, baut Vertrauen auf und bringt Entspannung in den Alltag.