"Mein Herr, es tut mir sehr leid, dass Ihnen recht geschehen ist." So tönt es schon, kaum dass der Zauberer Merlin, in diesem Fall der Sohn des Teufels, geboren wurde, selbstverständlich in grotesken Zusammenhängen. Der Clown entschuldigt sich bei einem Theaterbesucher, den er kurz zuvor geohrfeigt hat.
Liebe Leute - zu denen auch die Coburger gehören, ein bisschen vielleicht in besonderem Maße, denn hier ging Tankred Dorst als Kind und Jugendlicher ins Theater, hier wollte er Dramaturg werden - liebe Leute, es tut mir sehr leid, dass Euch recht geschehen ist. - So könnte auch der Autor des Monumentalwerkes "Merlin oder Das wüste Land" selbst sprechen, wobei der widersprüchliche Satz hinter Dorsts gesamtem großen Werk stehen mag. Anders konnte der jetzt 90-jährige sicher nicht. Ab Sonntag, 24. Januar, wird er zusammen mit seiner Co-Autorin und Ehefrau Ursula Ehler hier in Coburg stehen, in seiner Heimatregion, in dem ihm zu Ehren eine Theaterfestwoche veranstaltet wird.
Mit seinen zahlreichen Theaterstücken, Prosawerken und Filmen gibt Tankred Dorst den Menschen viele kräftige Ohrfeigen. Seine Schläge sind allerdings auch voller Verständnis, verabreicht von einem, der schon früh auf das Desaster blickte, dabei nicht böse wurde, obwohl man das dem aus gutbürgerlichem Haus in Oberlind bei Sonneberg Herausgezerrten in Krieg und Nachkrieg durchaus hätte beibringen können. Aus der Trostlosigkeit des 20. Jahrhunderts kam Tankred Dorst im Schreiben sogar zu einer Haltung der Zärtlichkeit. Was nicht bedeutet, dass er die Verhältnisse und die menschlichen Beziehungen nicht gnadenlos darstellen würde.


In oberfränkischem Dialekt

Wenn Dorst gnädig war, gab er uns seine Märchen, "Grindkopf" etwa. Doch halt, von gnädig kann in Dorsts Version des Grimmschen "Herrn Korbes" auch nicht mehr die Rede sein. "Korbes" spiegelt die Härte, ja die aus der Jahrhunderte alten Not erwachsene Grausamkeit von Dorsts Heimatregion. Wer sie kennt, meint ohnehin, sie an vielen Stellen in Dorsts Werk zu spüren. Nicht nur in "Eisenhans", dem in einem symbolischen Frankenwald spielenden Inzest-Drama. Die "Korbes"-Figuren lässt der Autor auch noch provozierend in einem übertriebenen Oberfränkisch sprechen.
Es ist die überblickende Zärtlichkeit, Schmerz, eine umfassende Trauer, die Tankred Dorst zum Autor ganz besonderer Eindringlichkeit hat werden lassen. Wobei ihm oftmals nichts anderes blieb, als den zersplitternden Widersinn der heutigen Welt, vielleicht die irrsinnige Komplexheit des Lebens überhaupt, mit Groteske, Respektlosigkeit vor den überlieferten Verfahrensweisen, mit Witz zu zeigen.
Dass Tankred Dorst nach einem der größten mythischen Stoffe Europas griff, ist bezeichnend für seinen weiten Blick. Jenes vielleicht von vorne herein widersinnige Streben des Menschen nach Großem und nach eigener Größe, seine verbissene Gralssuche, sein - wiederum vielleicht - lächerlicher Hang zu Gedankenkonstrukten, zu Utopien, umkreist Dorst in dem Geschichtenkonvolut von König Artus und seiner Tafelrunde in 96 Szenen auf eigenwillige Weise, die dem ursprünglichen Stoff aber nichts von seiner Größe, seiner Würde nimmt.


Wagnersches Format

Im Gegenteil. Wer fasziniert ist von den ja mehrfach vorhandenen, literarisch großartigen Umsetzungen des Stoffes, der findet bei Tankred Dorst eine schmerzlich auf unsere Zeit bezogene und dabei trotzdem zeitlos des Menschen Sinn analysierende Darstellung. Eine in aller Groteske vielfach auch sehr poetische.
Mit seinen an die 40 Theaterstücken ist Tankred Dorst einer der meistgespielten deutschen Gegenwartsautoren. Der "Merlin", sein größtes Werk, das in der Weltliteratur bleiben wird, kann nur selten gespielt werden, und dann auch nur in Bruchstücken, in Auszügen. Die Düsseldorfer Uraufführung 1981 brachte es auf sieben Stunden. Im Ganzen würde es wohl um die 15 Stunden dauern, hat damit mehr als Wagnersches Format. 2006 inszenierte Dorst, wohl nicht von ungefähr, den "Ring des Nibelungen" in Bayreuth (was allerdings keine bleibenden Eindrücke hinterließ).
Von vielem konnte auf diesem begrenzten Platz hier nicht gesprochen werden, von Dorsts Filmen, von seiner Prosa. Doch jetzt gibt es in Coburg die Gelegenheit zur Begegnung mit Dorsts weitem Werk und mit ihm und Ursula Ehler selbst, die bei den im Utopolis gezeigten Filmen, zur Ausstellungseröffnung und beim Lesemarathon anwesend sein wollen (soweit es die Gesundheit des 90-Jährigen erlaubt).
Die Coburger Festwoche Kurz nach seinem 90. Geburtstag würdigt das Landestheater Leben und Werk Tankred Dorsts. Neben dem Autor und seiner Ehefrau und Co-Autorin Ursula Ehler sind auch Kulturjournalist Peter von Becker und Hans Jürgen Drescher, Leiter der Bayerischen Theaterakademie "August Everding", in Coburg zu Gast.

Ausstellung Unter dem Titel "Bilder-Welten" zeigt das Landestheater im Foyer des Großen Hauses Bühnenbildmodelle und -skizzen zum Stück "Die Villa", entworfen von Studentinnen und Studenten der Innenarchitekturklasse von Michael Heinrich an der Hochschule Coburg. Vernissage ist am Sonntag, 24. Januar, um 16 Uhr mit Tankred Dorst und Hans Jürgen Drescher, Leitung: Peter von Becker. Eintritt frei.

Filmvorführungen Im Kino Utopolis werden folgende Dorst-Filme gezeigt: "Eisenhans" am morgigen Sonntag um 11 Uhr; "Mosch" am Dienstag, 26. Januar, um 20.15 Uhr; "Klaras Mutter" am Mittwoch, 27. Januar, um 20.15 Uhr. Im Anschluss an die Filme moderiert Peter von Becker Autorengespräche mit Tankred Dorst und Ursula Ehler-Dorst.

Lesestunde für Kinder Mit "Ameley, der Biber und der König auf dem Dach" hat Tankred Dorst ein wunderbares Kinderstück geschaffen, das nicht nur kleine Besucher verzaubert:
Die kleine Ameley, von Stiefmutter und Stiefschwester schikaniert, wird in den gruseligen Wald Munkelwurst geschickt, um einen Topf Honig zu holen. Schauspieler des Landestheaters erwecken Dorsts Märchenwelt zum Leben. - Sonntag, 24. Januar, 15 Uhr, im Spiegelsaal, Dienstag, 26. Januar, 11 Uhr, Reithalle.

Lesemarathon Mit Ausschnitten aus "Ich, Feuerbach", "Nach Jerusalem", "Die Kurve", "Der schöne Ort" und "Merlin" präsentieren Ensemblemitglieder einen Querschnitt durch Dorsts Schaffen, das in seiner thematischen und formalen Fülle beeindruckt. Freitag, 29. Januar, 19 Uhr in der Reithalle.

Tankred Dorst wurde am 19. Dezember 1925 in Oberlind bei Sonneberg geboren. Er lebte seit seiner Studentenzeit in München-Schwabing, wo er seinerzeit begann, für das Marionettentheater Kleines Spiel zeitkritische Stücke zu schreiben, die zum Teil heute noch aufgeführt werden. Außerdem ist er durch seine Drehbücher und als Regisseur international bekannt geworden. Seit 2013 lebt er mit seiner Frau Ursula Ehler-Dorst in Berlin.
 Tankred Dorst wuchs in einer wohlhabenden Oberlinder Familie auf, die am Ort eine Maschinenfabrik besaß. Aus der Oberschule wurde er noch als Schüler 1943 zum Reichsarbeitsdienst und 1944 zur Wehrmacht einberufen. Er geriet in Kriegsgefangenschaft in England und den USA. Als er Ende 1947 entlassen wurde, war die Maschinenfabrik enteignet und die Familie vor weitergehenden Repressalien nach Westdeutschland geflohen. Dorst kam zurück in Zerstörung und Orientierungslosigkeit, die er in verschiedenen Werken reflektiert hat. dorst holte das Abitur nach, studierte Germanistik, Kunstgeschichte und Theaterwissenschaft. Die ersten großen Theaterstücke kamen 1960 in Lübeck und Mannheim mit Erfolg auf die Bühne. Bis heute veröffentlichte er eine Vielzahl von international beachteten Bühnenwerken und einige Verfilmungen. Schon 1963 wurde er in die Bayerische Akademie der Schönen Künste aufgenommen. Seit 1971 ist er Mitglied des PEN-Zentrums Deutschland.
 Während der Arbeit am Fernsehfilm "Sand" lernte er Ursula Ehler kennen, die ihn seit Anfang der 70er Jahre als Lebensgefährtin und Co-Autorin begleitet. Dorst hat bei den Wagner-Festspielen 2006 in Bayreuth den "Ring des Nibelungen" neu inszeniert.