Es ist das Jahr 1985. Eine Linienmaschine ist von Moskau nach Frankfurt am Main unterwegs. Ein Routineflug - wenn man davon absieht, das während dieses Fluges an Bord Nachwuchs zur Welt kommt. Ein Bartgeiermädchen schlüpft aus dem Ei. Das hätte es erst im Frankfurter Zoo tun sollen. Doch sie entschied sich anders und ihr Pfleger Achim Schmidt kann daher ihren Geburtsort nur sehr ungenau angeben - dafür war er für einen Bartgeier äußerst passend gewählt: "irgendwo über den Wolken."

Hoch oben in den Lüften ist sie nicht zu Hause, die Geierdame. Nach Frankfurt, wo sie im Zoo lebte, ist sie mehrmals umgezogen, ehe sie eine Heimat im Wildpark von Schloss Tambach gefunden hat, wo sie von Falkner Achim Schmidt vom Bayerischen Jagdfalkenhof betreut wird. Aber einige ihrer Kinder, die haben es geschafft. Sie dürfen über den Alpentälern kreisen, wie einst ihre Vorfahren. "Sie wurden im Rahmen eines Auswilderungsprojektes dort freigelassen", erklärt Schmidt.

Nachwuchs geplant


Mit etwas Glück gibt es auch im Wildpark bald junge Geier zu sehen. Denn seit kurzem teilt sich die Mutter der ausgewilderten Jungvögel die Voliere mit einem männlichen Tier. Der Terz oder Terzel, wie die Falkner die männlichen Greife nennen, ist gerade dabei, sein dunkles Jugendkleid gegen das helle Gefieder eines erwachsenen Vogels zu tauschen. Das geschieht bei Geiermännern so etwa mit fünf bis sieben Jahren und zeigt die Geschlechtsreife an.

Lange konnten die großen Vögel nur in den Volieren der Wildparks und Tiergärten betrachtet werden. Legenden und Ammenmärchen hatten ihren Ruf schwer beschädigt und zu einer gnadenlosen Bejagung geführt. Lämmergeier nannte man sie, weil man glaubte, der Bartgeier würde kleine Schafe schlagen und mitnehmen - und sogar Kindsraub traute man dem mächtigen Geier zu, der wirklich zu den größten flugfähigen Vögeln der Welt gehört und es selbst auf stattliche sechs bis acht Kilo Körpergewicht bringen kann.

Gnadenlos verfolgt


So wurden Nester geplündert und zerstört, die Vögel getötet, wo immer es möglich war. Schon in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war der letzte ihrer Art in Deutschland abgeschossen, ebenso in der Schweiz. Anfang des 20. Jahrhunderts war die Ausrottung in Österreich perfekt. Der allerletzte Bartgeier der Alpen soll laut Internet-Lexikon Wikipedia 1913 im italienischen Aostatal getötet worden sein.

Den ebenfalls gebräuchlichen Namen "Knochenbrecher" hat der Bartgeier übrigens tatsächlich zu Recht. Die Tiere ernähren sich in der Natur zum größten Teil von Knochen. Um große Gebeine zu zerkleinern, tragen sie sie hoch in die Luft und lassen sie auf die Felsen fallen. Ein Schauspiel, das Kleingeister früher wohl mit Grausen verfolgt haben, um dem Bartgeier gleich noch mehr Schauergeschichten anzudichten.

So erfolgreich die vor über 25 Jahren begonnene Auswilderung läuft, werden über dem Coburger Land wohl kaum jemals Bartgeier kreisen. "Das ist ein reiner Hochgebirgsvogel", erklärt Achim Schmidt. "Die großen Tiere brauchen die starke Thermik, die es in den Bergen gibt, um sich davon tragen zu lassen." Wenn es mit dem Nachwuchs in Tambach klappen sollte, dann können die Besucher den seltenen Anblick junger Bartgeier im Horst der Voliere genießen. Sind die Jungtiere ausgewachsen, werden sie aber wohl aus Platzgründen an andere Parks vergeben oder womöglich ausgewildert. Dann kreisen noch weitere Geier aus dem Coburger Land über den Alpen.
Informationen zum Auswilderungsprojekt gibt es im Internet unter www.bartgeier.ch .