Noch fast 30 Grad im Schatten zeigt das Thermometer am späten Mittwochnachmittag in Frohnlach an. Während die meisten Kinder und Jugendlichen an Tagen wie diesen gemütlich im Freibad liegen, finden sich pünktlich um 18 Uhr 20 Kinder an der Kultur- und Sporthalle ein, um ihrem größten Hobby nachzugehen: dem Hallenradsport. Obwohl es einer der heißesten Tage des Jahres ist, fehlt beim Training keine der 20 Schülerinnern und Schüler. Denn alle wissen, dass am Sonntag in dieser Halle mit der Bezirksrunde des Bayerncups (siehe Infobox) ein wichtiger Wettkampf stattfindet. Die Generalprobe möchte hier keiner verpassen, auch wenn die folgenden 90 Minuten zu einer schweißtreibenden Angelegenheit werden.
Zielsicher laufen die Mädchen und Jungen, die sich in der absoluten Minderheit befinden, in den Geräteraum und schnappen sich ihr eigenes Rad. Die Sportgeräte, bei denen es zwischen Einräder und Kunsträder zu unterscheiden gilt, sind allesamt durchnummeriert. Der Einstieg in den Hallenradsport erfolgt stets auf dem Einrad. Hat man dieses sicher im Griff und eine entsprechende Körpergröße erreicht, dürfen sich die Kinder auch auf die Kunsträder wagen. Diese schauen für einen Laien auf dem ersten Blick äußerst unscheinbar aus. "Zwei Räder, ein Rahmen und ein Sattel. Das war's", bringt es Frank Wittmann, 1. Vorsitzender des RSV Frohnlach, auf den Punkt. Im Gegensatz zu einem herkömmlichen Fahrrad haben Kunsträder eine Eins-zu-Eins-Übersetzung zwischen dem Kettenrad am Pedal und dem Hinterrad. Dadurch ist Vor- und Rückwärtsfahren sowie ein schneller Antritt und abruptes Anhalten möglich.


Glanzzeiten Ende der 90er-Jahre

Stolze 2500 Euro kostet ein solches Sportgerät im Durchschnitt - die Halbwertszeit kann sich allerdings sehen lassen. Die meisten Kunsträder des RSV Frohnlach stammen aus dem Jahr 1989, sogar Räder aus den 70er-Jahren hängen noch im Geräteraum. Eine Tatsache, durch die sich die Tradition des Radsportvereins bereits erahnen lässt. Der RSV Frohnlach wurde bereits 1924 gegründet. Das große Jubiläum, das folglich in sieben Jahren ansteht, schwirrt bereits im Hinterkopf von Frank Wittmann, der die größten Erfolge der Vereinsgeschichte hautnah miterlebt hat. Er war Teil des 6er-Kunstradteams der Männer, das von 1997 bis 2001 fünfmal in Folge den deutschen Meistertitel holte und selbst im europäischen Vergleich eine gewichtige Rolle spielte. "Aus beruflichen Gründen ist es dann irgendwann auseinandergegangen. Es war schwer, die Truppe zusammenzuhalten", blickt Wittmann zurück.
Auf wenn die "Altmeister" von damals seit einigen Jahren nicht mehr aktiv aufs Rad steigen, stehen einige von ihnen in Form einer "Altherren-Gruppe" den jungen Talenten noch mit Rat und Tat zur Seite. "Wir sind 13 Leute und treffen uns einmal im Monat. Wir philosophieren über alte Zeiten, besprechen aber auch aktuelle Themen und sind jederzeit bereit, mitzuhelfen. Auf die AH-Truppe ist Verlass", sagt der 43-Jährige. Und das gilt nicht nur für die alten Vereinslegenden, sondern auch für die Eltern. Einige Mütter sind auch während des Trainings am Mittwoch anwesend und unterstützen die Arbeit der Trainer. Neben Wittmann gibt es bei den Frohnlacher Radsportlern noch vier weitere lizenzierte Übungsleiter, die sich um die Jugendlichen kümmern.
Die Schüler (bis 15 Jahre, aktuell etwa 20 Kinder) trainieren jeweils am Mittwoch und Freitag um 18 Uhr, die Junioren (bis 18 Jahre, aktuell zwölf Jugendliche) an den gleichen Tagen um 19.30 Uhr. Anfänger jedes Alters seien jederzeit beim Training willkommen, das jüngste aktive Mitglied ist gerade einmal fünf Jahre alt. Sportler in der Elite-Klasse (ab 18 Jahren) gibt es aktuell allerdings keine. Was noch auffällt: Unter den knapp über 30 Aktiven sind lediglich vier männlich. "Die spielen lieber Fußball", sind sich die Mädels im Tenor einig, beweisen aber selbst am besten, dass man sportlich auf mehreren Hochzeiten tanzen kann. Die zehnjährige Leah Horcher fährt seit über drei Jahren Hallenradsport. Dazu spielt sie aber auch noch Handball im Verein und betreibt den Kampfsport Ju-Jutsu. Seit diesem Schuljahr ist sie übrigens Gymnasiastin am Coburger Casimirianum. Zu viel ist ihr das nicht. "Das geht", sagt sie selbstbewusst und sitzt dabei sicher auf ihrem Kunstrad, während sie eine kleine Runde am "Pilz", einem speziellen Trainingsgerät aus Eisen, dreht. Ganz so wohl fühlt sich an diesem Tag allerdings nicht. "Ich bin heute zum ersten Mal auf einem anderen Kunstrad, es ist viel größer, der Sattel ist anders, alles ist ungewohnt", sagt die Zehnjährige, die durch ihre Mutter, die ebenfalls Hallenrad fuhr, zu dieser Sportart kam.
Einige Meter weiter trainiert eine Vierergruppe bestimmte Übungen. Lea Bau, Denise Löhnert, Merle Strauch und Julia Tolstow gehen am Sonntag beim Bayerncup gemeinsam im 4er-und 6er-Einradfahren sowie im 4er- und 6er-Kunstrad der Schülerinnen U15 an den Start. Ein Auftritt, der sogenannte Reigen, dauert fünf Minuten und umfasst in der Regel 25 einzelne Übungen, die je nach Schwierigkeit der Kunstfiguren mit einer bestimmten Punktzahl bewertet werden. Die beiden Wertungsrichter haben das Programm und die einzelnen Übungen vorliegen und ziehen bei Fehlern und unsauberer Ausführung entsprechende Punkte ab. Auf einer digitalen Zeit werden die Punktabzüge in Echtzeit für die Zuschauer dargestellt.
Der Frohnlacher Nachwuchs ist trotz des jungen Alters schon sehr wettkampferprobt. "Bei mir geht es mit der Aufregung vor Wettkämpfen eigentlich, eine Ausnahme war die Deutsche Meisterschaft in diesem Jahr", sagt die 14-jährige Lea Bau. Die Achtklässlerin der Mittelschule Ebersdorf fährt seit fünf Jahren Hallenrad und bestreitet pro Jahr rund sechs größere Wettkämpfe. Die nationalen Titelkämpfe vor zwei Wochen in Augustdorf bei Bielefeld vor großer Kulisse waren aber auch für sie Neuland. Gemeinsam mit ihren Teamkolleginnen schlug sich die Schülerin wacker. Ihre beste Platzierung: Rang 6 in der Disziplin 6er-Kunstrad. "Im nächsten Jahr wollen wir aufs Treppchen kommen und der Traum ist natürlich die Deutsche Meisterschaft", sagt Lea Bau. Dass dies kein unrealistisches Unterfangen ist, bewies der deutsche Meistertitel der Frohnlacher "6er-Schüler offene Klasse" im vergangenen Jahr.


"Deutsche" 2019 in Ebersdorf

Für zusätzliche Motivation dürfte beim Nachwuchs die Tatsache sorgen, dass die deutschen Titelkämpfe der Schüler im Jahr 2019 in der Ebersdorfer Frankenhalle stattfinden. Die Kinder und Jugendlichen freuen sich auf "Heimspiele" wie am Sonntag ganz besonders, denn so können sie ihre Trainingsfortschritte der Familie und den Freunde präsentieren "Ich selbst war früher vor eigenem Publikum immer viel aufgeregter, fand es im Vorfeld schrecklich. Aber man fährt in der Regel in heimischer Halle immer etwas besser als woanders", sagt Wittmann grinsend.