Die "Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen" (AcK) hat mit einem ökumenischen Gottesdienst an der St.-Nikolaus-Kapelle am vergangenen Sonntag die Wiedersichtbarmachung der hebräischen Textinschrift über dem Eingang zum Gotteshaus gefeiert. Der Text, eine Passage aus dem 118. Psalm, war aus der umgebenden Sandsteinkartusche nach dem Zweiten Weltkrieg herausgeschlagen worden. Eine Glastafel, die an dieser Relieftafel angebracht wurde, zitiert jetzt wieder diesen Text in hebräischer Sprache und in hebräischer Schrift. Gleichwohl sollte die beschädigte Sandsteinkartusche im unvollständigen Zustand als offensichtliche Wunde am Gotteshaus sichtbar bleiben.

Für das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege war die jetzt gefundene Lösung wichtig, weil das beschädigte Sandsteinrelief ein sichtbares Zeugnis der früheren Nutzung der Nikolauskapelle als Synagoge der untergegangenen Jüdischen Gemeinde Coburgs ist. "Dies ist das Tor zu Gott" (Psalm 118, 20) lautet der jetzt wieder sichtbare Text, der die Besucher gleich beim Eintritt in das Gotteshaus begrüßt.
"Baudenkmäler sprechen zu uns", sagte Oberbürgermeister Norbert Tessmer (SPD) in seinem Grußwort, "sie machen Geschichte greifbar."


Tessmer stellt die Vergangenheit des Gebäudes dar

Die Gegenwart schwebe nicht im freien Raum. "Die Gegenwart wird vielmehr von dem, was früher geschehen ist, geprägt." Tessmer erinnerte an den Ursprung des Gebäudes, das im Jahr 1442 als Siechenhauskapelle (Siechenhaus: Krankenhaus) erbaut worden sei. "Die Geschichte der Kapelle ist lang, und sie ist besonders", sagte der OB, "diese Kirche hat eine multireligiöse Geschichte." Dort feierten römisch-katholische, evangelisch-lutherische und evangelisch-freikirchliche Christen (Baptisten) ihre Gottesdienste. Seit 1962 ist dort die alt-katholische Kirchengemeinde zu Hause.

Von 1873 bis 1932 war die Kapelle eben Coburgs Synagoge, bis der jüdischen Gemeinde die Nutzung des Gotteshauses durch den nationalsozialistisch dominierten Coburger Magistrat gekündigt worden war. Tessmer weiter: "Gerade diese Kirche ist ein besonderes Gotteshaus und hat für viele Coburgerinnen und Coburger einen ganz erheblichen emotionalen Mehrwert."

Die AcK-Gemeinden hatten in Würdigung dieser Nutzung auch die Rabbinerin Dr. Antje Yael Deusel aus Bamberg eingeladen, die als Lesung den 118. Psalm in der Originalsprache vortrug. Am Gottesdienst wirkten der evangelische Dekan Andreas Kleefeld, der gastgebende alt-katholische Pfarrer Hans-Jürgen Pöschl, Pastor Sebastian Thierfelder von den Baptisten, der römisch-katholische Dekan Roland Huth sowie verschiedene Gemeindeglieder der beteiligten Konfessionen und der Posaunenchor Ahorn mit.