Die amerikanische Zeitschrift "Hit Parader" wählte ihn auf Platz 22 der 100 größten Metal-Sänger aller Zeiten. Klaus Meine ist seit 1969 die Stimme des größten Musik-Exportschlagers aus Deutschland: den Scorpions. Im Interview erzählt der 67-Jährige von den mühseligen Anfängen als Musiker, von vergessenen Song-Perlen und dem unveränderten Spaß an der Live-Performance.

Herr Meine, 1978 hatten die Scorpions mit Ihnen als Frontmann ihren ersten Auftritt in Coburg, damals in einem Saal des Kongresshauses. Erinnern Sie sich daran?
Klaus Meine: Erinnern nicht nach all der Zeit und den vielen Auftritten, aber ich kann es mir gut vorstellen, dass wir damals in Coburg gespielt haben. Denn wir haben seit jeher treue Fans in Franken. Es gibt dort bekanntermaßen lange eine starke Rockszene. In Franken haben wir uns als Band schon immer sehr wohlgefühlt. Insofern kam unser Radar wieder auf diese Ecke, als wir überlegten, wo wir ein, zwei Shows spielen, bevor wir im Frühjahr in die großen Hallen ziehen.

Der Schlossplatz lässt maximal 15 000 Besucher zu. Das ist für Scorpions-Verhältnisse eher Club-Atmosphäre, oder?
Nee, das ist für uns genauso ein Event. Und ein kleines schnuckeliges Festival hat auch seinen Reiz, vorausgesetzt, das Wetter spielt mit. Natürlich kann man das zahlenmäßig nicht ganz vergleichen mit den jüngsten Auftritten von uns etwa in Belgien oder in Frankreich. Wir reden da von Wacken-Niveau, also um die 80.000 Leute. Aber wir versprechen den Coburgern einen Vorgeschmack auf die Hallentour.

Müssen Sie aufgrund der Platzverhältnisse eventuell Abstriche bei der Show machen?
Ein Open-Air ist immer nochmals eine andere Situation als ein Hallen-Gig. Da finden wir allein aus technischer Sicht ganz andere Bedingungen vor. Aber die Voraussetzungen in Coburg, was die Show angeht, die werden gar nicht so viel anders sein wie etwa beim "Hellfest" vor wenigen Wochen in Frankreich, auch wenn die Coburger Bühne vermutlich eine Nummer kleiner ausfallen dürfte. Aber wir werden all das aufbieten, was sich für ein Freiluft-Event umsetzen lässt.

Sie sind 1948 geboren - offenbar ein guter Rockerjahrgang: Alice Cooper, Ozzy Osbourne, Robert Plant, Peter Maffay, Steven Tyler...

Kann gut sein. Mit Steven war ich übrigens im vergangenen Jahr bei einem Konzert der Rolling Stones auf der Berliner Waldbühne. Mick Jagger zu sehen, wie der da noch munter und mit so viel Power auftrat, war echt ein Erlebnis. Ich habe zu Steven gesagt: Guck mal, der Mick ist jetzt 70, ist doch nicht zu fassen. Und Steven meint zu mir: Klaus, ich bin schon 66. Und ich antworte ihm: Mensch, ich doch auch! Wer sieht, was die Stones noch für einen Alarm machen - da werden auch wir unsere Gitarren noch nicht ganz in die Ecke stellen, so Gott will.

Klaus Meine knackt also auch die 70 auf der Bühne?
Das habe ich damit nicht gesagt (lacht). Die Stones, das sind schon Ausnahmekünstler. Ihnen kommt zugute, dass sie im Blues zuhause sind. Und die Blues-Musiker haben, verglichen mit manchen Hard -Rockern, dieses besondere Gespür dafür, in Würde mit der Musik zu altern. Das ist in der Blues-Musik einfacher, man denke nur an den jüngst verstorbenen B.B. King. Er hat mit über 80 bis zuletzt, wenn auch sitzend, performt. Fantastisch und eine Gnade, wenn man sein ganzes Leben mit seiner Musik verbringen darf. Wenn wir rausgehen und singen "Bad boys running wild" ist das schon noch mal eine andere Nummer (lacht).

Aber genau wie die Stones haben die Scorpions jetzt auch schon drei Generationen an Fans vor der Bühne stehen.
Das stimmt, und es fühlt sich richtig gut an, dass unsere Musik auch ganz junge Menschen erreicht. Überhaupt hat sich unser Publikum in den vergangenen Jahren sehr verjüngt. Das motiviert uns sehr, weil unsere Lieder von Menschen gesungen werden, die noch gar nicht geboren waren, als die Songs auf Platte rauskamen.

Sie haben den Blues erwähnt. Der erste Song "Going out with a bang" auf dem neuen Album "Return to forever" hat bluesige Nuancen. Ist die Scheibe ein Stil-Experiment?
Das Lied kommt von Matthias Jabs, unserem Leadgitarristen. Er bringt den bluesigen Touch mit ein, der Titel ist auch unser Eröffnungssong bei den Konzerten. Ein Stil-Experiment würde ich das Album aber nicht nennen. Wir haben uns beim Komponieren einfach fallenlassen. Seit 2010 haben wir mit unseren schwedischen Produzenten bei uns daheim viel Spaß in absolut entspannter Studioatmosphäre. Die Zeiten, wo wir nach Los Angeles geflogen sind für eine neue Scheibe, die sind vorbei.

Wie sehr bestimmen die neuen Titel das Konzert in Coburg?
Wir haben eine ganz neue Setlist, und da stehen selbstverständlich einige der neuen Songs drauf. Natürlich mischen wir einige Klassiker darunter. Bei 50 Jahren Scorpions bleibt es nicht aus, durch unsere eigene musikalische Historie zu wandeln. Da gibt es ein Medley mit Liedern aus den Siebzigern, die wir selber lange nicht mehr live gespielt haben wie "Top of the bill".

Müssen auch Profis wie Sie solche Songs noch proben?
Für diese Mammut-Produktion hatten wir eine sehr intensive Probenphase. Nach einigen Jahren mit "Sting in the tail" war es Zeit, was völlig Neues auf die Beine zu stellen - die fast vergessenen Perlen aus der alten Zeit gehören dazu. Vielleicht denken sich unsere treuen Anhänger: Mensch, dass ich das noch erleben darf, "Catch your train" oder "Speedy's coming" live zu hören. Darum ging es: unser ganzes Spektrum zu zeigen. Dazu gehörte eine wirklich umfassende Vorarbeit. Allein für die technischen Proben standen wir zehn Tage auf einer Sound-Stage, um die komplette Show durchzuexerzieren - auch nach so vielen Jahren im Geschäft ist das nicht ohne. Aber sobald man sich eingegroovt hat, kommt wieder diese Vorfreude auf die Auftritte und man fiebert der Reaktion der Menschen förmlich entgegen. An diesem Kribbeln hat sich nach 50 Jahren nichts geändert.

Ihre Begeisterung ist auch gerade im Gespräch spürbar...
... ja, sie ist auch echt. Wir würden es sonst garantiert nicht machen. Manche fragen uns ja, warum wir uns das noch antun.
Ich meine: Wir tun uns überhaupt nichts an, wir haben eine Menge Freude an unserer Arbeit und der Tatsache, als Live-Band immer noch vor so vielen Menschen unsere Musik präsentieren zu können. Wenn man die Möglichkeit hat, auf der globalen Bühne unterwegs zu sein - also da müsste man schon völlig abgestumpft sein, da keinen Spaß mehr zu empfinden.

Ihre erste Band war "The Mushrooms", Mitte der 1960er-Jahre. Junge Musiker aus der Region haben mich gebeten, ich soll Sie doch unbedingt danach fragen, wie Sie in jungen Jahren Auftrittsmöglichkeiten an Land gezogen haben. Stimmt es, dass sie bundesweit rumtelefoniert haben?
So ist es. Management in dem Sinne war verboten. Wenn man sich professionell Gigs besorgen wollte, musste man übers Arbeitsamt gehen, kein Scherz. Das haben wir einmal gemacht, war nicht der Knaller. Wir sind mit unserem klapprigen VW-Bus rumgefahren bis ins Elsass. Mit der ersten Platte unterm Arm sind wir in die Clubs rein und haben gefragt, ob wir unsere Lieder mal vorstellen dürfen.

Also die Klinkenputzer-Tour?
Absolut. Wobei ich gedacht hätte, dass es in Zeiten des Internets und der Vernetzung ein bisschen einfacher geworden sei.

Nachwuchsbands werden mit der Aufforderung konfrontiert: Spielen ja, aber ihr wollt doch hoffentlich kein Geld dafür...
Als Band aus dem Übungsraum raus- und auf die Bühne raufzukommen, war für Musiker zu allen Zeiten schwierig. Man muss den unbedingten Willen haben und darf sich nicht zu schade sein, ganz klein anzufangen: in der Kneipe an der Ecke, im Jugendhaus... Wir haben damals in Freizeithallen gespielt. Da gab es am Wochenende die Möglichkeit zum Tanz und wir haben da vier, fünf Stunden gerockt. Ein guter Weg, um herauszufinden, ob man stark genug ist, auf der Bühne zu stehen und auch zu bestehen, auch wenn es nur vor zwei Dutzend Leuten ist. Egal.

Beim Coburg-Auftritt 1978 hatten Sie, so bezeugen es Fotos, noch keine Kappe auf, sondern volles Haar über die Schultern wallen.
Ach ja, das waren Zeiten (lacht).

Die Lederklamotten gehören aber immer noch dazu.
Ob echtes Leder oder kein echtes Leder: Es gibt sowas wie einen unausgesprochenen Dresscode in der Rock-Welt. Gerade auf den Festivals sieht man: Bei den Kollegen in dieser Szene ist die Art, sich zu kleiden, Ausdruck eines Lebensgefühls. Es symbolisiert auch die Zugehörigkeit zu dieser Gruppe.

Wenn Klaus Meine Live-Musik nicht selber macht, sondern konsumiert: Welchen Künstler sucht er sich dann aus?
Ich habe mir 2014 daheim in Hannover Elton John angesehen. Ihn mochte ich schon immer, er hat supertolle Songs. Der Auftritt war fantastisch. Ich bin an allem interessiert, bei dem Gänsehautgefühl garantiert ist.

Wie wichtig ist Ihnen denn die Heimat Niedersachsen? Nie daran gedacht, sich irgendwo in einer Weltmetropole niederzulassen?
Das müssen wir gar nicht. Wir sind Kosmopoliten und Globetrotter, aber wir kommen immer gern nach Hause. Hannover bleibt unsere Zentrale. Die Unesco hat Hannover gerade zur "Music City" gewählt, wir können also nicht so falsch liegen, denn hier spielt die Musik.

Der ehemalige Schlagzeuger Hermann Rarebell hat im vergangenen Jahr ein Album mit Scorpions-Titeln herausgebracht, aufgenommen mit Gastmusikern. Ist es bei Ihnen komplikationslos möglich, dass auch die Ex-Mitglieder die Lieder für sich verwerten?
Die machen mittlerweile alle ihr eigenes Ding, und unseren Segen haben sie. Ist doch schön, dass die Jungs noch unterwegs sind und auch einen früheren Teil ihres Lebens in das einbeziehen, was sie jetzt tun. Ob das Hermann ist oder Uli Jon Roth: Super, dass sie noch aktiv sind.

Das Gespräch führte Jochen Nützel.


Vorverkauf

Karten für alle Veranstaltungen des HUK-Coburg-Open-Air-Sommers gibt es in der Tageblatt-Geschäftsstelle in der Hindenburgstraße 3a. Für die Konzerte auf dem Schlossplatz gibt es für alle Tageblatt-Abonnenten einen Rabatt von zehn Prozent. Eine Karte für die Scorpions (Freitag, 21. August) kostet somit 57,25 statt 62,65 Euro, für Revolverheld (Samstag, 22. August) 37,45 statt 40,75 Euro. Bei Hubert von Goisern (Donnerstag, 20. August) gibt es Karten in Preiskategorien von 31,25 bis 56,05 Euro (abzüglich der zehn Prozent).