Eine Zeugenaussage vor Gericht empfinden die meisten Menschen - auch wenn sie selbst gar nichts verbrochen haben, sondern nur mit ihrem Wissen zur Aufklärung beitragen sollen - als äußerst unangenehm. Man sitzt oder steht ganz allein im Mittelpunkt des Interesses, Auge in Auge mit dem Richter, dem Staatsanwalt, den Angeklagten und deren Rechtsanwälten. Im Rücken hat man das Publikum und vor sich die Aufgabe, Details aus seinem Gedächtnis zu kramen, die möglicherweise Jahre bis Jahrzehnte zurück liegen.


Wertvolle Informationsquelle

Dabei sind Zeugen für die Polizei eine äußerst wichtige Informationsquelle und wertvolle Hilfe, wie der Chef der Coburger Kriminalpolizei, Bernd Rebhan, und sein Kollege, Kriminalhauptkommissar Ulrich Heymann (Leiter der Abteilung Wirtschaftskriminalität), im Gespräch mit dem Tageblatt betonen. "Wir sind als Polizei auf Zeugenaussagen angewiesen - ob nun im Großen bei Aktenzeichen XY oder im Kleinen hier vor Ort", erklärt Rebhan.
Beiden Kriminalbeamten ist allerdings aufgefallen, dass vor Gericht gerade von Seiten der Verteidiger zunehmend versucht werde, die Aussagen von Zeugen durch eine bestimmte Fragetechnik in Zweifel zu ziehen oder ein Verfahren durch eine Flut von Beweisanträgen zu behindern und in die Länge zu ziehen. "Krawallverteidiger" nennt Kripo-Chef Rebhan solche Anwälte.
Er habe das gerade erst wieder in einem Betrugsprozess am Coburger Landgericht beobachten können. "In diesem Verfahren wurde ein Zeuge gehört, der ein Mal wegen einer Trunkenheitsfahrt belangt worden war", berichtet Rebhan. Und obwohl das mit dem Prozess an sich gar nichts zu tun hatte, habe der Verteidiger des Angeklagten plötzlich wissen wollen, wie viel Promille der Zeuge damals gehabt hatte und ob er denn ein Alkoholproblem habe. "Das ist ein Beispiel, wo versucht wird, die Beweiskraft von Zeugenaussagen zu entkräften", kritisiert Bernd Rebhahn.


Richter kann auch eingreifen

Der Anwalt habe in diesem speziellen Fall die Trunkenheitsfahrt des Zeugen immer wieder neu zur Sprache gebracht - bis sogar der Richter gefragt habe: "Warum diese Schärfe, Herr Verteidiger?", erinnert sich Ulrich Heymann, der den Prozess teilweise persönlich verfolgt hat. Der Kriminalhauptkommissar vermutet, dass nur wenige Menschen im näheren Umfeld des Zeugen von der einmaligen Verfehlung gewusst haben dürften. "Und nun soll er da plötzlich öffentlich die Hosen runterlassen!"
Solche Fragen, die den persönlichen Bereich eines Zeugen betreffen und die nicht in Zusammenhang mit der Sache stehen, könne ein Richter auch verbieten, erläutert Ingo Knecht-Günter, Richter am Coburger Landgericht. "Das ist gesetzlich geregelt." Hin und wieder komme es durchaus vor, dass ein Richter eingreife.


Katastrophales Vorgehen

Für die Polizei ist das Bloßstellen eines Zeugen schlicht eine Katastrophe. "Wir sind doch alle daran interessiert, Straftaten aufzuklären", sagt Bernd Rebhan. Deshalb müssten Zeugen, die sich dem Gericht zur Verfügung stellen, geschützt werden. Wenn sich der Zeuge stattdessen irgendwann fragen müsse, ob er selbst der Beschuldigte sei, dann laufe einiges falsch. "Wir müssen aufpassen, dass wir solche Leute nicht beschädigen, denn wer einmal so behandelt wird, sagt vielleicht nie wieder als Zeuge aus", mahnt Bernd Rebhan.
Schon öfter haben die Polizisten die Erfahrung gemacht, dass Zeugen, die beispielsweise eine Ruhestörung anzeigten, um keinen Preis ihren Namen nennen wollen, weil sie vielleicht Angst vor Rache oder Repressalien haben. "Dieses Bammel-Gefühl sollte man nicht unterschätzen", betont Ulrich Heymann.
Selbstverständlich bleiben auch Polizisten, die regelmäßig im Zeugenstand aussagen müssen, nicht vor anwaltlichen Attacken verschont. Aber im Gegensatz zu Privatleuten, die als Zeugen vor Gericht auftreten, hätten Polizeibeamte immerhin eine gewisse Routine.
"Die Frage ist doch: Was ist sinnvoll?", sagt Ulrich Heymann. Wenn ein Rechtsanwalt in sachlicher Form Zweifel wecke, sei das durchaus in Ordnung. Und selbstverständlich dürften sich die Rechtsanwälte auch eine bestimmte Verteidigungstaktik zurecht legen. "Da sieht die Strafprozessordnung ja einiges vor", sagt Bernd Rebhan. Im Prozess gebe es eben bestimmte Spielregeln und Rollen. "Wir sind zum Beispiel der Zuarbeiter für die Staatsanwaltschaft." Wenn aber manche Prozessbeteiligten ihre Rolle bewusst überreizten, sei das nicht mehr in Ordnung, sind sich die beiden Kriminalbeamten einig. Heymann: "Für die Zeugen ist es ohnehin schon schwer, man sollte es ihnen nicht noch schwerer machen!"